Volkswagen und sein Testgelände: VW gestattet Einblicke in das Allerheiligste

Volkswagen und sein Testgelände: VW gestattet Einblicke in das Allerheiligste

, aktualisiert 30. Juni 2017, 19:40 Uhr
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Das Testgelände in Ehra-Lessien, nördlich von Wolfsburg, ist der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich.

von Stefan MenzelQuelle:Handelsblatt Online

Wegen der Dieselaffäre verkündet der Volkswagen-Konzern eine neue Offenheit. Sie soll auch im Forschungsbereich sichtbar werden. Deshalb hat der Konzern sein geheimes Testgelände geöffnet. Mit überraschenden Einsichten.

Ehra-LessienÜber etliche Kilometer geht es an einem zwei Meter hohen Zaun entlang. Auf der Innenseite gibt es eine Fahrspur für Kontrolleinsätze, auf dem Sandstück dahinter würden die Fußspuren von unerwünschten Eindringlingen sofort erkannt werden. Am Eingangstor macht ein Hinweisschild darauf aufmerksam, dass der „Funkverkehr aufgezeichnet wird“. Stacheldraht schützt zudem das Eingangstor.

Die nächste Ortschaft ist weit weg. Volkswagen hat für sein Testgelände nördlich von Wolfsburg ganz bewusst einen abgeschiedenen Flecken ausgesucht. Die Zugangskontrollen sind streng, niemand darf sein Handy mit auf das Versuchsgelände nehmen.
Plötzlich ist die Stille in dem abgelegenen Waldstück durchbrochen: Volkswagen hat am Freitag sein Allerheiligstes geöffnet, Journalisten dürfen auf das geheime Testgelände in Ehra-Lessien. Der VW-Konzern präsentiert dort seine jüngsten Forschungsergebnisse, die sonst nur dem Vorstand und ausgewählten Führungskräften gezeigt werden.

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Dass Volkswagen sein Testgelände öffnet, dafür ist im Wesentlichen die Dieselaffäre verantwortlich. Die Präsentation der Konzern-Forscher soll den Kulturwandel unter Beweis stellen, dem sich der Konzern seit dem Bekanntwerden des Abgasskandals verschrieben hat. Dass Journalisten Ehra-Lessien besuchen dürfen, stehe für eine „neue Offenheit“, sagt Volkswagen-Entwicklungschef Ulrich Eichhorn. Der Besuchertag auf dem Testgelände sei zuvor eigens vom Konzernvorstand genehmigt worden.

Die „neue Offenheit“ steht in der Mitte des Testgeländes, gleich neben dem kleinen Tagungszentrum und der „Sciroccohalle“. Volkswagen hat zwei Zugmaschinen der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania vorfahren lassen. Die beiden PS-Kolosse sind selbstfahrende Lastwagen, in denen ein Fahrer nur noch zur Kontrolle sitzt. Wie von unsichtbarer Hand gezogen können die beiden Trucks völlig eigenständig in einen benachbarten Waldweg fahren. Es wirkt ein wenig beängstigend: Der Fahrer greift überhaupt nicht mehr ein, die Lkw schaffen ihren Weg allein durch den Wald. Kein einziger Baum gerät in Gefahr.

Ein wenig mehr Mut muss derjenige mitbringen, der freiwillig in den roten getunten Golf nach GTI-Vorbild steigt. „Race Pilot“ steht auf dem Sondermodell, ein langer schwarzer Streifen ziert das Auto. Das auffällige Äußere macht es deutlich: Hier geht es zur Sache. An diesem Tag hat es stark in Ehra-Lessien geregnet, auf dem großen Platz in der Mitte stehen große tiefe Pfützen.

Das Auto fährt trotzdem mit Tempo 120 in die Kurve, Wasser spritzt auf, dem Beifahrer stockt der Atem. Auch hier greift der Fahrer nicht ein, der Wagen fährt wieder autonom. Das Fahrzeug steckt voll von Elektronik: Das Besondere an diesem Auto ist ein selbstlernendes Fahrwerk, das sich den äußeren Bedingungen anpasst. Dabei helfen Künstliche Intelligenz und Machine Learning. Deshalb bewältigt das Auto problemlos die schlechten Wetterbedingungen an diesem Tag mit dem vielen Regen.


Autonom fahrende Autos werden sich durchsetzen

In den Forschungslabors von Volkswagen wird also intensiv am Autonomen Fahren gearbeitet. Bei den VW-Ingenieuren gibt es keine Zweifel daran, dass sich selbstständig fahrende Autos durchsetzen werden, auch wenn es vielleicht noch zehn Jahre dauern wird. Die Krönung der Ingenieurskunst ist dann die Kombination: autonom fahrende Elektroautos. Die VW-Forscher zeigen dafür in Ehra-Lessien Laderoboter, die das Ladekabel in einem Elektroauto an der richtigen Stelle platzieren können. Denn wenn es auf den Straßen künftig autonom zugeht, dann soll das nach Möglichkeit vollständig sein, also inklusive des Ladevorganges.

Autonomes Fahren steht und fällt mit den vielen Sensoren, die auf absehbare Zeit in allen Autos eingebaut werden. Sie liefern die nötigen Informationen, die das führerlose Fahren gestatten. Die Sensoren bieten allerdings noch mehr Daten, von denen sich Volkswagen in den kommenden Jahren Zusatzgeschäfte verspricht. Die Sensoren können etwa auch Wetterdaten liefern, die der VW-Konzern an interessierte Nutzer verkaufen könnte.

In Ehra-Lessien wird das Beispiel eines Stromnetzbetreibers gezeigt. Die Wetterdaten aus den Autosensoren liefern Angaben darüber, wann mit großen Mengen an zusätzlichem Solar- und Windstrom zu rechnen ist. Ein Stromnetzbetreiber kann sein Netz mit den Daten von VW dann besser auf die nächste Ökostrom-Welle vorbereiten.

Die Dieselaffäre ist natürlich auch auf dem Testoval noch immer nicht vergessen. Denn die neuesten Forschungsergebnisse, die Volkswagen dort präsentiert, behandeln immer wieder Abgasthemen und alternative Antriebskonzepte. Entwicklungschef Eichhorn spricht davon, dass es „keine leichte Entscheidung gewesen sei“, Ehra-Lessien für die Öffentlichkeit zu öffnen. Viele Dinge blieben dort im Verborgenen und kämen über das Forschungsstadium nicht hinaus, „weil sie sich nie durchsetzen können“. Scheitern gehöre zum Geschäft der Entwickler dazu.

Das Elektroauto und der Batterieantrieb sind keine Kinder der Dieselaffäre. Bei Volkswagen wird schon seit 50 Jahren am elektrischen Antrieb gearbeitet – heute nur wahrscheinlich mit mehr Intensität. Seit acht Jahren betreibt Volkswagen zusammen mit dem Batteriehersteller Varta ein Joint Venture. Aus dem Forschungsvorhaben für Batterien ist ein vermarktungsfähiges Produkt herausgekommen, das in Ehra-Lessien schon zu sehen ist. Linda Brinkhaus präsentiert dort eine aufladbare Knopfzelle, die unter dem Markennamen von Varta vertrieben wird. Für die Entwicklerin ist das ein Fortschritt, „weil Knopfzellen bislang immer weggeworfen werden.“


„Wir müssen das Zellen-Thema technologisch beherrschen“

Mit Lithium-Ionen-Zellen im Mini-Format will sich der Volkswagen-Konzern auf Dauer nicht zufriedengeben. „Wir müssen das Zellen-Thema technologisch beherrschen“, sagt Ulrich Eichhorn. Im Jahr 2020 beginne Volkswagen in Deutschland mit der Massenproduktion von Elektroautos, zu Hunderttausenden sollen sie dann von den Bändern laufen. Volkswagen brauche dann unbedingt Versorgungssicherheit bei den Batteriezellen. Was allerdings nicht bedeuten muss, dass der VW-Konzern die Zellen selbst produzieren wird. Es ist vielmehr wahrscheinlich, dass Volkswagen die Batterien zunächst von einem vorgelagerten Zulieferer beziehen wird.

Trotz der jüngsten Elektrooffensive wird im Volkswagen-Konzern auch an anderen Antriebsarten gearbeitet. In Ehra-Lessien sind Brennstoffzellen-Fahrzeuge zu sehen, die mit Wasserstoff angetrieben werden, der umweltfreundlichsten aller Antriebsarten. „Die Brennstoffzelle ist reif für die Markteinführung“, sagt VW-Entwickler Florian Moll. Doch ganz so schnell wird es nicht gehen, die Ressourcen sind auch im großen Volkswagen-Konzern begrenzt. Die Einführung der Elektroautos genießt absoluten Vorrang, Autos mit Brennstoffzellen-Antrieb werden deshalb nur eine Nebenrolle spielen können.

Auch den Erdgas-Antrieb hat VW nicht aufgegeben und will deshalb eine neue Verkaufsoffensive mit diesen Autos starten. Mit großen Stückzahlen rechnet Volkswagen auch dabei nicht. Im Unterschied zum Batterieantrieb gibt es allerdings schon ein vergleichsweise dichtes Tankstellennetz in Deutschland. Autos mit Erdgasantrieb sind umweltfreundlicher als Benzin- oder Dieselfahrzeuge.

Autos mit Verbrennungsmotor werden nicht so schnell von den Straßen verschwinden. Sie gehören noch Jahrzehnte zum Straßenbild, da sie nicht von heute auf morgen durch Autos mit neuen Antriebsarten ersetzt werden können. Benzin- und Dieselfahrzeuge müssen aber sauberer werden und weniger Emissionen an die Umwelt abgeben, wie es die Volkswagen-Ingenieure in Ehra-Lessien zeigen. „Und deshalb haben sie eine Zukunft“, betont Entwicklungschef Ulrich Eichhorn.

Quelle:  Handelsblatt Online
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