VW und der Phaeton: Das Ende eines Missverständnisses

VW und der Phaeton: Das Ende eines Missverständnisses

, aktualisiert 18. März 2016, 11:31 Uhr
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Im Dresdner Werk rollt Freitag der letzte Phaeton vom Band.

Quelle:Handelsblatt Online

Mit dem Phaeton wollte der frühere VW-Patriarch Piëch die Oberklasse erobern. Doch erst blieb der Erfolg aus, dann kam die Abgas-Krise. Heute rollt in Dresden der vorerst letzte Phaeton vom Band. Viele Fragen bleiben.

Dresden/WolfsburgDie Oberklasse-Ära von VW endet leise. In den Geschichtsbüchern des Konzerns wird der 18. März dennoch für immer einen Platz haben: Am heutigen Freitag läuft in der Gläsernen Manufaktur Dresden der – zumindest vorerst – letzte Phaeton vom Band.

Mitten in der Abgas-Krise mit ihren noch unabsehbaren finanziellen Folgen hat die Vorstandsspitze um Matthias Müller die Reißleine gezogen. Statt „immer größer, schneller und weiter“ lautet bei Volkswagen die Parole jetzt „Sparen auf Sicht“. Im Aufsichtsrat fällt der Phaeton längst unter die Kategorie „Enttäuschungen“.

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Die durchsichtigen Hallen der Gläsernen Manufaktur im Herzen Dresdens wirkten in den vergangenen Wochen wie im Wartemodus. Im Auto-Turm, in dem die Luxuskarossen für ihre Besitzer bereitstehen, leerten sich die viele Stellplätze zunehmend. Statt reger Betriebsamkeit bereitete sich das einstige Vorzeigewerk von Europas größtem Autobauer langsam auf das Ende einer nicht einmal 15 Jahre dauernden Epoche vor.

VW und der Phaeton – in der Wolfsburger Konzernzentrale wurde diese Liaison hinter den Kulissen bereits als Missverständnis abgetan. Schon die Namensgebung wirkt rückblickend schief: Laut Überlieferung des Dichters Ovid war Phaeton einer der ersten Unfallfahrer der Geschichte. Für einen Tag lenkte der Sohn des griechischen Sonnenkönigs Helios den kostbaren Sonnenwagen seines Vaters – doch er verlor die Kontrolle und stürzte in die Tiefen des Alls.

Der Phaeton sollte helfen, die VW-Kernmarke am oberen Ende auch als Premium zu definieren. Der Wagen trat nicht nur gegen den Audi A8 an, sondern auch gegen die automobilen Flaggschiffe der deutschen Konkurrenz: BMW 7er und Mercedes-S-Klasse. Und VW entschied noch unter dem langjährigen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, den Phaeton ganz bewusst unter dem VW-Logo laufen zu lassen.

Doch genau das gilt als ein Grund, warum das Auto sich hierzulande nicht so verkaufte, wie es seine Qualität hätte zulassen können. „Den Phaeton unter dem VW-Emblem laufen zu lassen, war einer der größten Fehler in der Piëch-Ägide“, sagt ein Konzerninsider. Der Phaeton in seinem letzten Modelljahr 2016 begann beim Startpreis von knapp 90.000 Euro. Nach oben war dank der langen Extraliste viel Luft - etwa mit dem „erweiterten Holzpaket“ für 1950 Euro, das dann auch eine Holzeinlage in den Haltegriffen bereitstellte, inklusive einer „Holzleiste in den Türarmlehnen durchgehend von vorn bis hinten“.

Zurück in Dresden: Im Inneren der Manufaktur lief zuletzt nur noch gelegentlich das Fließband. Die Führungen durch die Manufaktur sollen aber auch nach dem Phaeton-Zeitalter angeboten werden. Auf diese in 14 Sprachen übersetzte Dienstleistung war Volkswagen in Dresden immer besonders stolz.


Zweifel am E-Phaeton bleiben

Der letzte Phaeton geht nach China. Laut Manufaktur-Sprecher Carsten Krebs wird der zahlungskräftige Kunde aus Fernost sein Auto aber nicht persönlich abholen. Ganz anders als die glamouröse Eröffnung 2001 mit dem damaligen Vorstandschef Ferdinand Piëch und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) geht der Abgesang auf den Luxuswagen leise über die Bühne. Eine Art Party ist für die Mitarbeiter wohl geplant – zum Feiern ist aber niemandem zumute.

Denn die Beschäftigten sind zunächst die Verlierer. Gerade einmal rund 100 der knapp 500 Mitarbeiter sollen noch in Dresden bleiben. „Keiner der Kollegen wird seinen Arbeitsplatz verlieren“, heißt es aus der Konzernzentrale. Statt stempeln ist für viele dann pendeln angesagt – zunächst ins 115 Kilometer entfernte VW-Werk Zwickau.

Eine dauerhafte Lösung gibt es für die Belegschaft noch nicht. Sie hofft auf eine Rückkehr, um den E-Phaeton montieren zu können. Doch ob der wirklich kommt, ist unklar. Kaum war die Vision im Oktober in den Schlagzeilen, wurden schon wieder erste Zweifel laut.

Kurz vor dem Produktionsende gibt sich die VW-Zentrale betont optimistisch: „Der Phaeton ist und bleibt ein wesentliches Projekt für Volkswagen. Er ist für die Positionierung der Marke Volkswagen und für die Demonstration unserer technologischen Fähigkeiten unerlässlich.“ Soll heißen: Der Elektro-Phaeton wird kommen.

Nur wann und wie? Vorerst greift ein Übergangskonzept: Die Verbliebenen sollen die Manufaktur zu einer Art Erlebniswelt umfunktionieren, sozusagen zu einer Art Autostadt im Kleinen. Kultur, Konzerte, Lesungen sollen dann in dem Glas-Ambiente stattfinden. Wenn möglich, wäre eine Ausstellungswelt zur E-Mobilität wünschenswert. Über die Finanzierung wird laut Kreisen erst im April entschieden.

Offiziell klingt das so: „Wir stehen in engem Kontakt zu den Kollegen in Dresden. Gemeinsam besprechen wir mit dem Markenvorstand das Übergangskonzept und die endgültige Lösung für die Gläserne Manufaktur“, sagt Betriebsratschef Bernd Osterloh. Spätestens zum Jahresende wolle der Vorstand das Konzept vorstellen. „Klar ist: Die Gläserne Manufaktur im Herzen Dresdens ist ein absoluter Besuchermagnet und eine Perle für Volkswagen. Wir werden hier sicherlich auch künftig innovative Produkte fertigen und zeigen.“


VW hält am Standort Dresden fest

Die Ankündigung vom Auslaufen der Produktion sei wie eine Traueranzeige formuliert gewesen, sagt derweil ein Beschäftigter. Für die meisten kommt die Entwicklung freilich nicht überraschend. 2011 rollten noch 11.166 Phaetons vom Band, das aus edlem kanadischen Ahorn gefertigt ist und nie den Anschein einer normalen Fabrikhalle vermittelte. 2014 lag die Produktion nur noch bei rund 4000 Wagen.

Ohne den Verkaufserfolg im fernen China wäre das Aus des Modells wohl schon früher gekommen, heißt es aus der Konzernzentrale. Doch für ein „Weiter so“ reicht die Nachfrage von Kunden aus dem Reich der Mitte eben auch nicht. Ohnehin hat VW mit dem Phideon längst eine Alternative im chinesischen Portfolio. Gerüchte, wonach das Auto irgendwann auch in Europa zu kaufen sein soll, werden aber vehement bestritten. Also auch kein Grund zur Hoffnung in Dresden.

„Wir arbeiten ferner mit Hochdruck an den Vorbereitungen zu einer thematischen Neuausrichtung der Gläsernen Manufaktur, die wir im April der Öffentlichkeit vorstellen werden“, sagt Manufaktur-Sprecher Carsten Krebs. Von April an solle das Gebäude umgebaut und auf die „Flexibilisierung der Manufaktur-Fertigung“ vorbereitet werden. Für Besucher, Veranstaltungen sowie die Fahrzeugauslieferung und -aufbereitung bleibe sie geöffnet.

Aus Konzernkreisen ist zu vernehmen, dass man nach einem 18-monatigen Umbau in Dresden und bis zum möglichen Start eines E-Phaetons in der Manufaktur auch wieder Autos bauen möchte. Welche genau, sei noch im Fluss. Im vergangenen Dezember hatte VW-Markenchef Herbert Diess Top-Modelle der Marken Porsche, Bentley und Audi genannt.

„Der Dresdner Standort ist und bleibt fester Bestandteil der Volkswagen-Familie“, betont Krebs. Auch am Sponsoring für Semperoper und Sächsische Staatskapelle soll sich nichts ändern. Zumindest hier dürften die Phaetons weiter das Stadtbild prägen, wenn sie VIPs der Semperoper oder der Musikfestspiele durch die Stadt chauffieren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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