Platten, Polaroid und Papier: Warum das Comeback des Analogen mehr als ein Hype ist

Platten, Polaroid und Papier: Warum das Comeback des Analogen mehr als ein Hype ist

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Die analoge Revolution: Platten, Polaroids und Papier boomen.

von Jürgen Salz, Peter Steinkirchner und Henryk Hielscher

Egal ob Schallplatten, Polaroid oder Papier: Produkte von vorgestern boomen wie nie zuvor – vor allem bei jungen Käufern. Der Mensch scheint nicht gemacht für die totale Digitalisierung.

Es klingt, als würde eine Dampflok einfahren, als sich die Presse mit einem Druck von 100 Tonnen zischend herabsenkt. 25 Sekunden lang nehmen zwei Matrizen 150 Gramm weiches Polyvinylchlorid in die Zange. 130 Grad heißer Dampf verteilt den Kunststoff in der Form – und aus Chemie wird Musik. „Das sieht ganz gut aus“, sagt Bernd Altmann und betrachtet die Schallplattenpresse liebevoll. Die Toolex Alpha, werkzeuggrün und gut mannshoch, ist eine seiner Favoritinnen.

Vor mehr als 30 Jahren in Schweden gebaut, spuckt die Maschine jeden Tag im 25-Sekunden-Takt ein paar Tausend schwarze Scheiben aus. Altmann, Leiter der Datenträgerfertigung bei Europas größtem Vinylproduzenten Optimal Media, und seine 40 Industrie-Relikte arbeiten am Anschlag: 24 Millionen Platten wollen sie allein in diesem Jahr für Musikkonzerne pressen. Die Schallplatte, schon vor Ewigkeiten für tot erklärt, erlebt weltweit eine Renaissance.

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Nicht nur hier feiert die analoge Welt ihr Comeback. „Digital only“ war gestern – heute wünschen sich viele Konsumenten, besonders die jungen, Produkte zum Anfassen; sie verlangen nach Authentizität und Entschleunigung in einer sich immer schneller drehenden Welt. „Menschen suchen nach Ankerpunkten, nach Dingen, die nicht einfach reproduzierbar und nicht flüchtig sind“, sagt Rainer Pfuhler vom Marktforschungsinstitut Rheingold Salon aus Köln. Findige Mittelständler verdienen mit bereits vergessen geglaubten Technologien wieder gutes Geld.

Bücher, TV, Streaming? Diese Medien finden die Deutschen unverzichtbar

  • Ein Leben ohne...

    Nur wenige Erwachsene in Deutschland können sich ein Leben ohne Bücher oder Fernsehen vorstellen. Das ergab eine repräsentative Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur aus dem Januar 2016. Andere Unterhaltungsmedien hielten die Befragten dagegen eher für entbehrlich.

  • Bücher

    Nur eine Minderheit von 13 Prozent der Befragten findet gedruckte Bücher verzichtbar. Elektronische Bücher (zum Beispiel Kindle oder Tolino) halten 41 Prozent für verzichtbar.

  • Klassisches Fernsehen

    14 Prozent der Befragten können sich ein Leben ohne das klassische Fernsehen vorstellen.

  • CDs

    Schon wesentlich mehr können sich vorstellen, auf Musik-CDs zu verzichten: Rund ein Fünftel (21 Prozent) der Befragten fand CDs verzichtbar. Hörbücher auf physischen Tonträgern wie CDs spielen für 46 Prozent keine allzu wichtige Rolle.

  • Kino

    Ein Leben ohne Kinobesuche ist für 23 Prozent vorstellbar.

  • DVDs

    Auf Spielfilme oder Serien von DVD würden 24 Prozent der Befragten verzichten.

  • Streaming

    Weniger wichtig finden die Erwachsene laut der YouGov-Umfrage Online-Videotheken. 38 Prozent könnten ohne das Streaming von Serien und Filmen (etwa via Netflix, Amazon, Maxdome, Watchever) leben, 40 Prozent ohne Musik-Streaming (zum Beispiel via Spotify oder Apple).

  • Unterscheidung nach Altersgruppen

    Eindeutig ist die Tendenz, wenn man nach den Altersgruppen schaut: So finden bei den 18- bis 24-Jährigen immerhin 21 Prozent das Fernsehen verzichtbar, bei den Menschen über 55 sind es dagegen nur 10 Prozent.

    Film-Streaming finden dagegen die Leute ab 55 kaum relevant: 50 Prozent können darauf verzichten, wie sie angaben. Bei den Jüngeren (zwischen 18 und 24 Jahren) sind es dagegen nur 27 Prozent, die es missen könnten. In der Altersgruppe 25 bis 34 Jahre sind es sogar nur 24 Prozent

So legen die Umsätze mit Vinylplatten in Deutschland seit Jahren zu, zuletzt um 40 Prozent auf 70 Millionen Euro. Die Polaroid-Kamera, deren Hersteller 2008 Insolvenz beantragte, bringt es auf Zuwächse von jährlich 20 Prozent. Füllfederhalter von Lamy, Buntstifte von Schwan-Stabilo und Notizbücher von Moleskine erleben einen ungeahnten Aufschwung; ihre Hersteller berichten von zweistelligen Absatzzuwächsen. Oldtimer trotzen rollenden Computern – die Zulassungszahlen von Autos, die mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben, steigen seit Jahren. 2016 waren fast 350.000 Pkws mit H-Zulassung angemeldet, so viele wie nie.

Und weiter: Statt Computer- sind Brettspiele angesagt; Silicon-Valley-Größen wie Mark Zuckerberg spielen mittlerweile „German-style Games“ wie Siedler von Catan. Und klassische Partnervermittlungen berichten von steigender Nachfrage. Die Kunden verlangen wieder mehr Diskretion und sind die geschönten Fotos beim Onlinedating leid. Selbst digitale Disruptoren eröffnen inzwischen klassische Ladengeschäfte – Möbel- und Textilanbieter wie Home 24, Urbanara und Made.com ebenso wie der Internetoptiker Mister Spex, die Elektronikverkäufer Notebooksbilliger und Cyberport oder das Reiseportal urlaubsguru.de. Ganz zu schweigen von Amazon: Der Onlineversender hat in den USA bereits sechs Megabuchläden aufgesperrt und plant die Eröffnung von mindestens sechs weiteren.

Polaroid Die Rückkehr der Sofortbildkamera

Polaroid ist aus der Bedeutungslosigkeit zurück. Das Kultobjekt profitiert von der digitalen Bilderflut in Zeiten von Smartphones. Was macht sie aus, die Faszination des analogen Knipsens?

Quelle: Getty Images

Auch Textil-Onlinehändler Zalando hat bereits Outlets, in Köln, Frankfurt und Berlin, um Restposten zu verkaufen. Für Selbstabholer, das spart Versandkosten. Erst vor wenigen Tagen kündigte Co-Vorstandschef Rubin Ritter an, über Flaggschiff-Filialen in Berlin, London und Paris nachzudenken.

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