Direktvertrieb boomt: Dating für die Shopping-Party

Direktvertrieb boomt: Dating für die Shopping-Party

, aktualisiert 26. April 2016, 13:32 Uhr
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Der österreichische Direktvertrieb Luna.at veranstaltet nun auch Shopping-Partys in Deutschland.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Alle 22 Sekunden findet in Deutschland eine Verkaufsparty statt. Die Branche boomt. Eine Vermittlungsbörse will Verabredungen zum Shoppen im Wohnzimmer vereinfachen – damit Berater und Gäste leichter zusammenfinden.

DüsseldorfNeue Geschäftsideen entstehen oft dann, wenn sich Leute über etwas ärgern. So war es auch bei Andreas Schneck aus Bietigheim. Für seine Frau wollte er als Geburtstagsüberraschung eine Verkaufsparty im heimischen Wohnzimmer organisieren. Doch die verwirrende Suche im Internet nach einer passenden Party und Beraterin frustrierte ihn. „In Zeiten des World Wide Web sollte es doch einen Dienst geben, mit dem ich Firmen und Vertriebler für eine Shopping-Party finden und direkt kontaktieren kann“, wunderte er sich. Schneck recherchierte und entdeckte lediglich in den USA und Kanada Plattformen. Die informieren zwar über verschiedene Verkaufspartys, aber ermöglichen keinen Austausch zwischen Gastgeber und Direktvertriebler.

Die Sache ließ dem Online-Marketing-Experten keine Ruhe. Mit seinem Kollegen Sven Günzel begann er, an einer Web-Plattform zu basteln. Anfang 2015 gründeten sie das Start-up Verkaufspartys.net. Rund 2000 selbstständige Berater, fast ausschließlich Frauen, von etwa 60 verschiedenen Direktvertrieben sind laut Schneck inzwischen auf der Plattform registriert. Die Palette reicht von Putzutensilien über Schmuck und Duftkerzen bis zu Dildo-Partys. Schneck wählt die Anbieter vorher genau aus. „Dubiose Strukturvertriebe oder Esoterik kommen nicht auf die Seite“, betont er.

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Der Direktvertrieb boomt. Fast eine Million meist selbstständige Beraterinnen – so viele wie noch nie – arbeiten hierzulande für rund 500 Unternehmen, von Tupperware über Vorwerk und Avon bis Amway. Warum der gesellige Einkauf im Wohnzimmer, dem lange etwas Altbackenes anhaftete, einen solchen Aufschwung erlebt? „Im Zeitalter des anonymen Einkaufs im Internet und der virtuellen Freundschaften über Facebook ist die soziale Komponente auf der Strecke geblieben“, meint Manfred Krafft, Marketing-Professor an der Universität Münster. Homepartys seien der ideale Anlass für Freundinnen, zusammen Spaß zu haben. Der Verkauf sei eher ein Nebeneffekt.

Ein Nebeneffekt, der sich für die Branche allerdings auszahlt. Der Umsatz stieg nach seinen Schätzungen des Bundesverbands Direktvertrieb Deutschland (BDD) 2015 um neun Prozent auf mehr als 16 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Online-Handel setzte zuletzt 52,9 Milliarden Euro um, so einen Studie im Auftrag des Marktplatzes Retail-Me-Not. „Die Direktvertriebsbranche wächst kontinuierlich und hat überdurchschnittliche positive Zukunftserwartungen“, konstatiert Florian Kraus, Marketing-Professor der Universität Mannheim.

Alle 22 Sekunden findet in Deutschland eine Verkaufsparty statt – vom Thermomix über Dessous bis zur Tupperdose. Insgesamt 7,3 Millionen Bestellungen wurden in einem Jahr getätigt, berichtet der Bundesverband. Im Schnitt nehmen fünf Gäste an einer Party teil. Bislang kamen Social-Shopping-Partys meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda zustande. „Die meisten Verkaufspartys werden direkt über den persönlichen Kontakt zu den Vertriebspartnern und über die Internetseiten der BDD-Mitgliedsunternehmen vermittelt. Dort finden die Kunden alle Berater der Unternehmen“, sagt Jochen Clausnitzer, Geschäftsführer des BDD.

Wer jedoch auf keine bestimmte Verkaufsparty festgelegt ist und sich auch über kleinere und unbekanntere Anbieter informieren möchte, dem will Schneck mit seiner Plattform weiterhelfen. „Oft wird dem Gastgeber eine Beraterin zugewiesen. Auf Verkaufspartys.net dagegen haben Beraterinnen ihr Profil samt Foto und Kontakt und oft auch Kalender hinterlegt. Schließlich will jeder wissen, welche Person er sich für eine Party ins Wohnzimmer holt“, so Schneck.

Mit der Postleitzahl können interessierte Kunden nach Vertrieblern in der Nähe suchen und sie direkt kontaktieren. Schneck will bald auch Restplätze von Shopping-Partys anbieten: „Manche Party kommt nicht zustande, nur weil noch zwei Gäste fehlen.“


500 bis 700 Euro Umsatz pro Party

Anmeldung und Profil sind für Berater kostenlos. Um Nachrichten von Interessenten lesen zu können, Kontakte auf die eigene Facebook-Seite weiterzuleiten und weitere Features wie SMS-Benachrichtigungoder zusätzliche Profil-Felder zur Anwerbung von Vertriebskollegen nutzen zu können, gibt es eine Jahresmitgliedschaft von 24 Euro plus Mehrwertsteuer. „Diese Kosten hat eine Vertrieblerin im Schnitt nach einer Party schon doppelt raus“, rechnet Schneck vor.

Für freie Vertreterinnen wird der Konkurrenzkampf härter. Immer wieder aufs Neue kaufwillige Partygäste in der Region zu akquirieren, ist mühsam – auch wenn das via Facebook einfacher geworden ist. Sara Wiedemann aus Dresden vertreibt Schmuck für das österreichische Unternehmen Luna. Die 28-jährige zweifache Mutter nutzt Verkaufspartys.net seit der ersten Stunde. „Als selbstständige Vertrieblerinnen müssen wir irgendwie auf uns aufmerksam machen – zumal das Schmucklabel Luna hierzulande noch recht unbekannt ist. Eine Anzeige in der Lokalzeitung aber ist teuer und oft wirkungslos“, so die Erfahrung der Einzelhandelskauffrau, die sich vor einem Jahr selbstständig machte.

„Auf der Webplattform kann ich die Zielgruppe in meiner Region genau ansprechen und das Schmucklabel bekannt machen“, erzählt Wiedemann, die erste Luna-Repräsentantin Sachsens. Inzwischen ist Wiedemann nach eigenen Aussagen gut im Geschäft. Mehr als zehn Partys hat sie zudem über die Plattform organisiert. Im Schnitt bringt eine Party 500 bis 700 Euro Umsatz. Ein Viertel davon bekommen die Vertreterinnen von Luna.

Nicht alle Direktvertriebe schätzen die neue Vermittlungsplattform. „Tupperware, Vorwerk oder Prowin zum Beispiel wollen nicht mit ihren Beratern bei uns vertreten sein“, räumt Gründer Schneck ein. „Deren Vertriebsstrategie muss ich akzeptieren.“ Manche Direktvertriebsfirma hat zudem Sorge, dass die Daten ihrer Berater ausgelesen werden könnten von Wettbewerbern. Da die Plattform gänzlich auf HTTPS-Verschlüsselung aufsetze samt IP-Spamschutz, sei diese Sorge unbegründet, versichert der IT-Fachmann.

Der Schmuckvertrieb Pippa&Jean, Mitglied im BDD, ist als Anbieter auf der Plattform Verkaufspartys.net präsent. „Wir stellen es unseren Style-Coaches frei, ob sie aufgeführt werden möchten oder nicht, zumal ihnen für den Profi-Account Kosten entstehen“, sagt Gerald Heydenreich, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens. Die Resonanz sei noch etwas verhalten. „Unserer Erfahrung nach entstehen die meisten Partytermine immer noch persönlich. Heidenreichs Fazit: „Eine Vermittlungspage ist sicherlich eine gute Idee, für uns jedoch eher eine Ergänzung und eine weitere Präsenz im Internet.“

Beraterin Wiedemann von Luna nutzt die Plattform von Andreas Schneck auch, um sich mit anderen Vertrieblerinnen zu vernetzen. Kürzlich hat sie in Dresden darüber eine kleine Messe organisiert, auf der sich verschiedene Partyvertriebe mit je einem Stand präsentierten. „Die Kolleginnen hätte ich mir sonst mühsam im Netz zusammensuchen müssen.“

Um bekannter zu werden, kooperiert Gründer Schneck künftig mit der Party- und Event-Plattform Virtual Nights. „Bald werden die Verkaufspartys unserer Plattform dort angezeigt“, berichtet der 44-Jährige. Noch arbeitet der Online-Marketing-Experte hauptberuflich bei einer großen Internetfirma. „Wenn jeder zehnte Partyvertriebler hierzulande ein Abo auf meiner Plattform hat, dann kann ich von meiner Firma auch leben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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