Hannover Messe: Wie Polen das Billiglohn-Image ablegen will

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Hannover Messe: Wie Polen das Billiglohn-Image ablegen will

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In Polen wird noch verhältnismäßig viel Handarbeit geleistet.

Polen bläst zur Aufholjagd: Statt als verlängerte Werkbank möchte das Land lieber als Hightech-Nation wahrgenommen werden. Doch der Weg dahin ist lang – vor allem bei der Automatisierung hat man Jahrzehnte verschlafen.

„Hier bitte keine Fotos!“ Die Dame aus der Public-Relations-Abteilung ist freundlich, aber unerbittlich. Die Fotoapparate verschwinden wieder in den Taschen. Dabei wäre doch gerade hier ein dankbares Motiv. Pikobello sauber ist es in der riesigen Halle, wo ganze Zugwagons lackiert werden. Dasselbe Spiel in der Halle, in der Arbeiter die Karosserien der Züge blank schleifen.

Nicht wegen der Preisgabe von Betriebsgeheimnissen sei man besorgt, verrät ein Kollege der Dame, man wolle nur nicht gerne zeigen, wieviel Handarbeit geleistet werde. Dabei ist das nicht nur bei Newag so – dem großen Hersteller von Metros, Straßenbahnen und Zugwagons in Nowy Sacz – sondern in vielen Betrieben in Polen.

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Polen ist die am schnellsten wachsende Wirtschaft in Europa, 2017 wird das Wachstum voraussichtlich 3,6 Prozent betragen. Dank guter Wirtschaftsdaten kommt Polen mit breiter Brust als Partnerland zur Hannover Messe 2017.

Die guten Zahlen verdankt der Nachbar im Osten aber immer noch zu einem großen Teil seinem Image als Billiglohnland. Ein polnischer Arbeiter verdiene im Vergleich zu deutschen Kollegen nur die Hälfte, sagt die Regierung. Tatsächlich ist es häufig nur ein Viertel, wie Vertreter von deutschen Firmen verraten, die gerne hier produzieren. Folglich wird viel von Hand gearbeitet – wie beim Bahnhersteller Newag, wo Siemens den Innenausbau der neuen Warschauer Metro vornehmen ließ.

Lohnkosten sind weiter ein wichtiger Faktor – aber nicht der einzige

Nur 15 Prozent der Fabriken in Polen sind vollautomatisiert, die Roboterdichte – die Zahl der Roboter pro 10.000 Mitarbeiter – liegt in Deutschland bei gut 300 und damit 13 Mal höher als in Polen. „Die maximale Automatisierung ist bei uns der Schraubenzieher“, sagt Pawel Chodun, Finanzvorstand von Medcom, einem Hersteller von Bahnelektrik in Warschau.

Dennoch setzen deutsche Unternehmen nicht nur wegen der unschlagbaren Lohnkosten auf Polen. Festo etwa, der Branchenprimus für pneumatische Automatisierung, hat sich in Warschau niedergelassen und fertigt dort spezielle Pneumatik-Zylinder in kleinen Stückzahlen, zum Beispiel für Kunden wie den Verpackungskonzern Tetrapak. „Der polnische Markt für Automatisierung ist für Festo der am schnellsten wachsende in Osteuropa“, sagt Marcin Zygadlo. Der Nachholbedarf sei riesig: „Viele Unternehmen in Polen befinden sich noch auf dem Stand der Industrie 2.0“, berichtet der Geschäftsführer Polen bei Festo.

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Das Unternehmen investiert deshalb kräftig, besonders in die Ausbildung der Mitarbeiter. Das Anwendungszentrum ist zwar deutlich kleiner als es klingt und bei weitem nicht mit dem zu vergleichen, was Festo in seiner Esslinger Zentrale an Schaustücken auffährt. In dem kleinen, mit Glasscheiben abgetrennten Raum arbeiten acht Studierende der Warschauer Universität an ambitionierten digitalen Automatisierungsideen.

Die Kooperation hat Tradition. Professor Mariusz Olszewski von der Fakultät Mechatronik der Universität Warschau schickt seine Ingenieur-Doktoranden schon seit den 1970ern zu Festo: „Festo ist sehr zufrieden mit den Ingenieuren, sie fragen immer, ob ich noch mehr schicken kann.“

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Voll auf der Höhe der Automatisierungstechnologie ist der Antriebshersteller Lenze, der vor 20 Jahren in Tarnow ein geeignetes Fabrikgelände und viele Fachkräfte gefunden hat, die nach dem Zusammenbruch der Planwirtschaft auf der Straße standen.

Heute unterscheidet das Werk nichts von anderen Werken des Unternehmens. An den Wänden hängen große Bildschirme, auf denen die Mitarbeiter an Symbolen in Ampelfarben auf einen Blick sehen können, ob eine Maschine gerade stillsteht. In der einer Datenbank fahnden Algorithmen nach Flaschenhälsen und besonders fehleranfälligen Prozessen. „Damit haben wir die Zahl der Ausfälle deutlich reduziert“, sagt Frank Maier, Vorstand Innovation beim Getriebehersteller Lenze.

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