Telekom, Deutsche Bank, Bayer, Eon, Volkswagen: Konzerne lassen Luft aus den Bilanzen

Telekom, Deutsche Bank, Bayer, Eon, Volkswagen: Konzerne lassen Luft aus den Bilanzen

, aktualisiert 27. September 2016, 17:15 Uhr
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Kumuliert über die vergangenen fünf Jahre hat die Deutsche Telekom mit 6,8 Milliarden Euro den höchsten Betrag an Goodwill abgeschrieben.

von Susanne SchierQuelle:Handelsblatt Online

Mit 11,7 Milliarden Euro haben deutsche Konzerne 2015 Firmenwerte in nicht gekannter Größenordnung abgeschrieben. Bisher sind nur einzelne Unternehmen betroffen. Im Abschwung droht jedoch eine Abschreibungswelle.

FrankfurtIn Boomzeiten legen Unternehmen Höchstpreise für Übernahmen auf den Tisch. Zahlen sich die Zukäufe in der Folgezeit nicht aus, drohen empfindliche Abschreibungen auf den Geschäfts- und Firmenwert (Goodwill). Anleger müssen dann hohe Gewinneinbrüche hinnehmen, die im schlimmsten Fall das Eigenkapital aufzehren. Dass dann auch der Aktienkurs in den Keller geht, ist fast schon programmiert.

Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Duff & Phelps haben sich die Goodwill-Abschreibungen deutscher Unternehmen im Jahr 2015 verachtfacht – von 1,5 Milliarden auf 11,7 Milliarden Euro. Bezogen auf den bilanzierten Goodwill entspricht dies einer Quote von vier Prozent – ein neuer Rekordwert.

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Ein Großteil der Abschreibungen entfiel dabei auf die Deutsche Bank mit 4,9 Milliarden Euro und auf Eon mit 4,8 Milliarden Euro. „Die Goodwill-Abschreibungen sind ganz maßgeblich von wenigen Unternehmen, die in Krisensituationen sehr hohen Wertberichtigungen vorgenommen haben, geprägt“, betont Hartmut Paulus, Managing Director Valuation Advisory Services bei Duff & Phelps.

Kumuliert über die vergangenen fünf Jahre hat die Deutsche Telekom mit 6,8 Milliarden Euro den höchsten Betrag an Goodwill abgeschrieben, gefolgt von der Deutschen Bank mit 6,7 Milliarden Euro und Eon mit 5,4 Milliarden Euro.

Die gute Nachricht: Paulus rechnet derzeit nicht damit, dass der Abschreibungsbetrag im Jahr 2016 den Rekordwert aus dem Vorjahr übertreffen wird. Denn in der Gesamtheit befinden sich die meisten deutschen Unternehmen in bester Verfassung, auch die Aussicht ist auf kurze Sicht vielfach ungetrübt. Die schlechte Nachricht: „Sobald sich aber die globale wirtschaftliche Situation eintrübt oder andere Krisenfälle eintreten, ist durchaus mit einer Abschreibungswelle in größerer Breite zu rechnen“, betont Paulus. Diese werde dann aufgrund der ausgeweiteten Goodwillbestände in den Bilanzen auch eine breitere Anzahl von Unternehmen treffen.

Denn der Gesamtbetrag des von deutschen börsennotierten Unternehmen ausgewiesenen Firmenwerts hat sich zwischen 2005 und 2015 von 151 Milliarden Euro auf 314 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Der deutliche Anstieg der Firmenwerte ist den internationalen Bilanzierungsregeln geschuldet: Goodwill entsteht bei Übernahmen, wenn der Kaufpreis den Wert der übernommenen Vermögenswerte abzüglich der Schulden überschreitet. Inzwischen wird der Goodwill nicht mehr planmäßig abgeschrieben. Stattdessen müssen die Unternehmen einmal jährlich überprüfen, ob er noch werthaltig ist. Haben sich die ursprünglichen Ertragserwartungen an den Zukauf nicht erfüllt, muss das Unternehmen handeln und Abschreibungen auf diesen Firmenwert vornehmen.

Auch in diesem Jahr werden die Goodwill-Bestände aufgrund der Akquisitionstätigkeit vieler Unternehmen wohl weiter ansteigen. „Auffällig ist“, so Paulus, „dass 85 Prozent des Gesamtbetrags auf die 30 DAX-Unternehmen entfallen, während sie nur vier Prozent der deutschen börsennotierten Unternehmen ausmachen und zugleich auch nur 70 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung repräsentieren.“


Der Goodwill übersteigt bei einigen Firmen das Eigenkapital

Bei einer Betrachtung der Sektoren fällt auf, dass der Goodwill im Analysezeitraum vor allem in der IT- und der Gesundheitsbranche deutlich angestiegen ist. Der Firmenwert macht bei diesen Unternehmen im Schnitt mehr als ein Drittel des bilanzierten Unternehmensvermögens. In der Telekommunikationsindustrie und bei den Versorgungsunternehmen ist der Anteil des Goodwill am Gesamtvermögen in den vergangen Jahren hingegen rückläufig – primär ein Ausdruck missglückter Unternehmenskäufe und der Branchenkrise in der Energiewirtschaft.

Bei einzelnen Unternehmen erreicht der Goodwill zwischenzeitlich sogar die Hälfte des Gesamtvermögens – bei der Walldorfer Softwareschmiede sind es 55 Prozent, bei Fresenius Medical Care 51 Prozent. Den absolut höchsten Goodwill wies Ende 2015 Volkswagen mit 23,6 Milliarden Euro aus. Neuer Spitzenreiter dürfte jedoch Bayer werden, sobald das Unternehmen die Übernahme von Monsanto abgeschlossen hat. Paulus schätzt auf Basis von Vergleichen mit anderen Akquisitionen, dass Bayer daraus einen Goodwill-Betrag von 20 Milliarden Euro auf die Bücher nehmen dürfte. Ende 2015 hatten die Leverkusener bereits einen Bestand von 16,1 Milliarden Euro in der Bilanz.

Gefährlich ist jedoch, dass der Goodwill bei einigen Firmen das Eigenkapital deutlich übersteigt. Bei ProSiebenSat1 beträgt die Relation satte 176 Prozent, bei RWE 135 Prozent, bei Fresenius 114 Prozent und bei Thyssen-Krupp 113 Prozent. Bei einigen Unternehmen erklärt sich dies auch über eine vergleichsweise schwache Eigenkapitalbasis. „Etwaige Abschreibungen des Goodwill würden dort sehr schnell in erheblichem Umfang das Eigenkapital aufzehren“, betont Paulus.

Auch international betrachtet ist über die letzten zehn Jahre ein deutlicher Anstieg des Goodwill zu beobachten. Der Zuwachs der US-Unternehmen aus dem S&P 500-Index liegt mit einer Verzweieinhalbfachung nochmals deutlich über dem Zuwachs im Deutschland. Vor allem in den Krisenjahren 2008 und 2012 haben die Firmen in den USA aber auch deutlich höhere Abschreibungen vorgenommen als die deutschen Unternehmen. „Die Amerikaner sind im Krisenfall konsequenter als die Deutschen.

Hierzulande fahren viele Firmen eine Salamitaktik und schreiben den Firmenwert erst nach und nach ab“, bemängelt Paulus.

Quelle:  Handelsblatt Online
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