Aktienrally: Angst vor kletternden Kursen

Aktienrally: Angst vor kletternden Kursen

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Dax-Kurve: Seit acht Monaten treibt eine fulminante Rally die Börse

von Christof Schürmann, Stefan Hajek und Frank Doll

Eine fulminante Rally treibt die Börse seit acht Monaten. Niemand traut ihr so recht, Profis und Privatanleger warten auf den Rückschlag. Pro und Contra einer Trendwende und welche Aktien noch Potenzial haben.

Er fühle sich momentan ein bisschen "wie auf einem dieser elektrischen Rodeo-Bullen auf dem Volksfest", sagt Jörn Schmelzer, Privatanleger aus Franken. Bisher hat der Endvierziger ein glückliches Händchen bewiesen: Ende 2008, nach dem Crash, stieg er mutig bei Dax-Papieren ein, etwa bei Salzgitter, Siemens, BMW und Bayer. Doch nun ist er unsicher; die Rally ging ihm zu schnell, zu weit. Denn als Unternehmensberater weiß Schmelzer, dass die Lage in der Wirtschaft sehr viel schlechter ist als die Stimmung an der Börse.

Folgerichtig müssten sich "die Kurse bald wieder dem Boden der Tatsachen annähern", meint der Ökonom. "Mit einer Korrektur um 20 bis 30 Prozent rechne ich seit Monaten." Allein, die Korrektur kommt nicht. Also reite er den Bullen eben noch ein wenig, sagt Schmelzer, "und jede Woche, in der die grünen Zahlen in meinem Depot größer werden, schaltet der Bulle einen Gang höher. Er wirft mich wohl irgendwann ab."

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Dax stieg seit März um 55 Prozent

Die sogenannte Erholungsrally läuft nun schon seit mehr als acht Monaten an der Börse; bald muss sie umgetauft werden. "Erholung" passt nicht mehr, weder für so eine lange Hausse noch für deren Ausmaß: Um 55 Prozent kletterte der Dax seit seinem Tief im vergangenen März, der japanische Nikkei stieg in der Spitze um 50 Prozent, der Dow Jones in New York stürmte sogar fast 60 Prozent nach oben.

Das liegt nicht etwa daran, dass nach dem Höhepunkt der Finanzkrise im vergangenen Herbst schon wieder alles beim Alten wäre, nach Bankenpleiten und einem Einbruch der Wirtschaftsleistung vieler Industrieländer um historische fünf Prozent. Große Sprünge nach oben gemacht haben vor allem weiche Stimmungs- und vorlaufende Indikatoren, die mehr über Hoffnungen und Erwartungen aussagen denn über die tatsächliche Lage der Unternehmen. Die reale Wirtschaft, gemessen an ihren Ist-Daten, erholt sich zwar ebenfalls – auch schneller als auf dem Höhepunkt der Krise im vergangenen Winter befürchtet. 

Unternehmen schreiben nach wie vor Verluste

Doch während die Anleger den Börsenwert vieler Unternehmen, etwa den von BASF, Siemens und Salzgitter, schon wieder auf die Niveaus von 2006 oder sogar 2007 getrieben haben, verdienen die Unternehmen gerade einmal ein Drittel der Rekordgewinne jener Jahre – im günstigsten Fall. Viele schreiben nach wie vor Verluste. Dass der überfällige Rückschlag an der Börse nicht schon längst eingetreten ist, liegt an einer historisch beispiellosen Liquiditätsschwemme. Geld als Treibstoff für Aktienkurse ist extrem günstig und steht fast unbegrenzt zur Verfügung.

Um den Zusammenbruch des Weltfinanzsystems zu verhindern, senkten die Notenbanken im Herbst 2008 weltweit die Leitzinsen auf nahe null und pumpten Unmengen an frischem Geld in die Märkte. Nach dem Motto "Viel hilft viel" fluteten sie die Banken, um den ins Stocken geratenen Kreditkreislauf wieder in Gang zu setzen. Dieses Geld ist noch im System. Großanleger wie Banken und Hedgefonds trieben damit die Preise vieler Anlagegüter hoch, auch die von Aktien. "Die Frage ist nicht, ob, sondern wann und wie schnell die Zentralbanken das Geld wieder abschöpfen", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt des Luxemburger Assetmanagers Assénagon, "entweder, der Aufschwung trägt bis dahin von selbst – oder die Notenbanken werden für Turbulenzen an den Märkten sorgen, wenn sie die Zügel wieder anziehen".

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