Werner knallhart: Erkältungszeit: gekonnt niesen unterwegs und im Job

kolumneWerner knallhart: Erkältungszeit: gekonnt niesen unterwegs und im Job

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Niestechnisch leben wir noch in der Steinzeit.

Kolumne von Marcus Werner

Wie wir niesen, ist Ausdruck unserer Kultur. Und da hat sich einiges verändert in den letzten Jahren. Aber die Nies-Revolution muss erst noch kommen.

Letztens in einem Business-Hotel in Bangkok unter Europäern, Indern, Chinesen, Russen und so. Gerade greife ich am Frühstücksbüffet zum Birchermüsli, da bellen hinter meinem Rücken drei sehr saftig rasselnde Nieser. Ich fahre herum. Da steht ein Chinese ganz amüsiert von sich selbst, greift zu seiner bretthart gestärkten Stoffserviette und zieht sie sich erst von unten nach oben unter der Nase entlang, blickt hinein, um dann in kreisenden Bewegungen seine Handflächen zu reinigen. Dann sagt er etwas zu seinem Tischnachbarn und der andere lacht anerkennend.

Ich blickte auf meinen Haferschleim. Stimmt, da war was. Hat die chinesische Regierung ihre Bevölkerung zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking nicht dazu aufgerufen, internationaler zu rotzen? Nun ja, nicht jeder einzelne dieses Milliardenvolkes hat es bis heute verinnerlicht. Das darf uns Westler zwar ekeln, aber erheben dürfen wir uns nicht. Noch haben wir unsere Nies-Hausaufgaben selbst noch nicht gemacht. Niestechnisch leben wir selber noch in der Steinzeit.

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Aber es tut sich was:

1. Niesen ist kein Auftakt für Büro-Smalltalk mehr

Dieses dämliche "Gesundheit" lässt nach. Aber es könnte besser laufen. Vor einigen Monaten musste ich als Hörer eines Vortrages innerhalb von zwei Minuten rund achtmal niesen. Immer wenn ich dachte, das war der letzte, kribbelte plötzlich noch einer hervor. Ab Nieser Nummer 3 fingen die Leute im Publikum langsam an, sich hier und da vorzubeugen und freundlich lächelnd  "Gesundheit" zu wispern. Da wusste ich: Ab jetzt zählen sie mit. "Gesundheit" ist in der Öffentlichkeit ein Synonym für "Halt's Maul!"

Und selbst, wenn es nett gemeint ist:

"Gesundheit!" - "Danke." Was für ein Smalltalk, aufgesetzt auf einen kaum zu unterdrückenden Reflex! Nicht mehr machen.

Es ist gut, dass in diesem Punkt ein Ruck durch Deutschland gegangen ist. Mittlerweile schweigen immer mehr, die sich das Geniese anhören müssen. Und wenn der Niesende ausreichend devot veranlagt ist, sagt er "Entschuldigung". Wobei auch das natürlich unsinnig ist. Wer lädt schon Schuld auf sich, wenn ein Reflex ihn überkommt? Ein "Entschuldigung" nach dem Niesen kommt direkt nach "Tut mir leid, dass ich geboren bin."

Knigge für das Großraumbüro

  • A wie Abstand

    Im Großraumbüro sitzen die Menschen selten freiwillig zusammen oder weil sie sich besonders sympathisch sind – sondern, weil sie es müssen. Deshalb ist es wichtig, den Abstand zur Intimsphäre der Kollegen zu wahren. Der beträgt rund 80 Zentimeter. Absolut tabu: Sich auf den Schreibtisch des Kollegen zu setzen.

  • B wie Bürohund

    Ob Windhund oder Mops: Rein rechtlich liegt es in der Hand des Arbeitgebers, ob ein Hund im Büro erlaubt ist oder nicht. Studien belegen, dass die Anwesenheit von Hunden das kollegiale Klima befördert und das Wohlbefinden der Mitarbeiter fördert. Einerseits. Doch Hunde haben nicht nur weiches Fell und lassen sich ohne Unterlass streicheln – sie bellen schon mal und riechen auch nicht immer angenehm. Wen das stört oder wer gar unter Hundehaarallergie leidet, sollte den Kollegen darauf aufmerksam machen. Und zur Not auch den Chef mit ins Boot holen.

  • C wie Choleriker

    In fast jedem sozialen Gefüge gibt es besondere Charaktere, die einen besonderen Umgang erfordern – zum Beispiel Choleriker. Das Tückische: Der Ausbruch kommt oft völlig unerwartet. Ist es dann so weit, sollte man nicht noch Feuer ins Öl gießen. „Spielen Sie den Anlass nicht herunter, aber geben Sie auch nicht zu stark Kontra“, rät Knigge-Experte Horst Hanisch. Etwa indem man dem unreifen Schreihals zumindest in einigen Punkten recht gibt.

  • D wie Duzen

    Einmal akzeptiert, gibt es keinen Weg zurück: Wer sich aufs Duzen einlässt, kann es nur sehr schwer rückgängig machen. Deshalb sollte man sich genau überlegen, wie nah man Kollegen verbal kommt. Wer deutlich macht, lieber erst mal beim Sie bleiben zu wollen, begeht keinen Fauxpas. Eine vorläufige Absage impliziert nämlich auch, dass sich das künftig noch ändern kann.

  • E wie Essen

    Ob Döner mit Knoblauchsoße, Schnitzel mit Pommes oder eine Stulle mit Leberwurst: Nahrungsmittel haben am Arbeitsplatz grundsätzlich nichts zu suchen. Und das nicht nur aus hygienischen Gründen: Das Mittagessen am Schreibtisch einzunehmen ist schlicht ungesund.

  • F wie Faxen machen

    Wegen eines lockeren Spruchs sollte das Bürogefüge nicht gleich ins Wanken geraten. Aber nicht jeder Kollege kann mit flapsigen Bemerkungen umgehen. Also lieber eine Pointe zu wenig als eine zu viel.

  • G wie Geräuschkulisse

    Egal, ob der Kollege nebenan viel und laut telefoniert oder die Kollegin hinten links einen penetranten Klingelton eingestellt hat: Der Geräuschpegel ist Dauerstreitpunkt im Großraumbüro. Kleiner Trick, große Wirkung: Bitten Sie die Kollegen Bescheid zu sagen, wenn ein langes Telefonat ansteht – und kündigen an, das Büro während dieser Zeit zu verlassen. Dann sollte er merken, dass es Sie stört.

  • H wie Hygiene

    Jeder Mitarbeiter sollte seinen Arbeitsplatz sauber halten – abgekaute Apfelreste oder eine Sammlung leerer Pfandflaschen sind im Büro tabu.

  • I wie Ich-Botschaften

    Sprechen Sie Kritik immer als Ich-Botschaft aus: „Ich bin gegen Kälte sehr empfindlich – vielleicht könntest du das Fenster wieder schließen?“ So fühlt sich der Kollege nicht persönlich angegriffen.

  • J wie Jahresurlaub

    Dieses Thema führt häufig zu Konflikten – Väter und Mütter schulpflichtiger Kinder wollen meist gleichzeitig frei nehmen, kinderlose Kollegen müssen die Stellung halten. Da empfiehlt sich frühzeitige Planung – am besten hängen Sie einen großen Plan sichtbar im Büro auf, dann sind alle auf dem gleichen Stand.

  • K wie Karneval

    Karneval, Oktoberfest oder Halloween: Ob zu solchen Anlässen gefeiert werden soll, lässt sich in größeren Büros selten einstimmig lösen. Wenn jemand verkleidet im Büro erscheint, ist das meist in Ordnung. Wer aber auf laute Karnevals- oder Blasmusik und das Fässchen Bier nicht verzichten mag, eckt schon mal an. Am besten vorher erkundigen, wie die Kollegen das in der Vergangenheit gehandhabt haben.

  • L wie Langfinger

    Auch wenn es nur eine Büroklammer ist: Sich etwas ungefragt vom Tisch des Kollegen zu leihen ist tabu. Auch schlecht: Sich munter am Kaffee zu bedienen, ohne sich finanziell zu beteiligen.

  • M wie Minirock

    Ob kurzes Röckchen, knielange Shorts oder schulterfreies Oberteil: Wer sich vom Anblick nackter Haut gestört fühlt, sollte das ansprechen. Weisen Sie den Kollegen einfach höflich auf den Büro-Dresscode hin.

  • N wie Nachsicht

    Ein Großraumbüro ist nichts anderes als eine große, sozial sensible Zone – da muss jeder Mitarbeiter auch mal schlucken, was ihn nervt. „Stört aber etwas so penetrant, dass die eigene Arbeit davon beeinträchtigt wird, muss es natürlich angesprochen werden“, sagt Knigge-Experte Horst Hanisch.

  • O wie Oberlehrer

    Kollegen, die immer alles besser wissen, gibt es in jeder Bürogemeinschaft. Wenn es Ihnen zu viel wird, müssen Sie den Kollegen ansprechen. Weisen Sie höflich darauf hin, dass Sie seinen Rat sehr zu schätzen wissen, aber ihre Arbeit machen müssen.

  • P wie Petzen

    Sie haben den Kollegen schon gefühlte 20 Mal auf seine nervigen Privattelefonate angesprochen und trotzdem beschallt er das Büro täglich mit seinen Problemen? Suchen Sie den Kollegen erneut auf und machen Sie deutlich, dass Sie sich ja nicht beim Chef beschweren wollen, aber langsam wisse man einfach nicht weiter. Passiert wieder nichts, suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten.

  • Q wie Quatschen

    Ein kurzes Gespräch mit dem Kollegen ist auch im Großraumbüro erlaubt – sollte es allerdings länger als ein paar Minuten dauern, ist es höflicher sich in die Küche oder einen Besprechungsraum zurückzuziehen.

  • R wie Raumspray

    Vom Rosenblüten-Raumspray bis zum Pausenbrot mit altem Gouda: Gerüche können so nerven wie die Lautstärke – jeder Kollege ist an anderer Stelle sensibel. Grundsätzlich sollten Sie auf Extreme verzichten – was den einen erfrischt, könnte der Büronachbar als unangenehm empfinden.

  • S wie Sexismus

    Jegliche Art von Bildern oder Sprüche mit sexistischen, politischen oder religiösen Motiven haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen.

  • T wie Temperatur

    Frischluftfanatiker versus Heizkörperhocker – dieser Konflikt ist vermutlich genauso alt wie das Großraumbüro selbst. Da gibt’s nur eines: Miteinander reden und einen Kompromiss schließen.

  • U wie Ultimatum

    Geben Sie ihren Kollegen immer erst die Chance, ihr Verhalten zu ändern. Direkt mit dem Gang zum Chef zu drohen schießt über das Ziel hinaus und wirkt auf Dauer unglaubwürdig.

  • V wie Virus

    Ob Einzelkemenate oder Massenbüro: Kranke Mitarbeiter sollten grundsätzlich zu Hause bleiben. Aber gerade im Großraumbüro kann ein mit Viren verseuchter Kollege verheerenden Schaden anrichten.

  • W wie Warten

    „Sprechen Sie Konflikte nicht im Eifer des Gefechtes an, sondern atmen Sie erst einmal tief durch und lassen Sie etwas Zeit vergehen“, sagt Knigge-Experte Hanisch. Suchen Sie das Gespräch an einem neutralen Ort, wie etwa der Kaffeeküche und nicht vor den anderen Kollegen.

  • X wie Xenophob

    Xenophobie – also die feindliche Einstellung gegenüber Fremden – hat im Großraum wirklich keinen Platz. Diese Kollegen sollten sich schleunigst ein Einzelbüro suchen.

  • Y wie YouTube-Videos

    Wenn der Kollege vor seinem Bildschirm regelmäßig einen Lachanfall bekommt oder das Video gar ohne Kopfhörer anschaut, sollten Sie das Gespräch suchen – am Arbeitsplatz hat das nichts verloren.

  • Z wie Zierrat

    Der Schreibtisch sollte in erster Linie Arbeitsplatz sein und kein Ausstellungsort für Souvenirs, Porzellanpuppen oder andere Sammelleidenschaften. Grundsätzlich ist es positiv, wenn sich Menschen an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, aber auch hier gilt: Die eigene Freiheit endet dort, wo die des Kollegen beginnt.

Niesen ist keiner Rede wert. Weder im Büro, noch in der Kantine, noch im ICE. Der Gruß "Gesundheit" hat einzig noch eine anerkennenswerte Berechtigung: als Ersatz für "Bless you" in den USA. In der Tat verwenden viele Menschen dort das deutsche "Gesundheit". Vielleicht um den edel gemeinten Wunsch nicht zur leeren Floskel verkommen zu lassen, vielleicht auch, um den ungefragt Gesegneten hinter seinem Taschentuch nicht noch zu seinem eigenen - womöglich abweichenden - Glaubensbekenntnis zu provozieren.

2. "Hand vor den Mund" ist Anstiftung zur Körperverletzung

Der Großraumbüro-Klassiker: In beide muschelförmig vor Mund und Nase gehaltenen Hände niesen und zwanzig Sekunden später die Türklinke drücken. So widerlich es klingt: Sie könnten genauso gut in die Runde rufen: "Wer will an meinen Handflächen lecken?"

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