Börsengang von Rocket Internet: Prinzip Hoffnung als Anlagestrategie

Börsengang von Rocket Internet: Prinzip Hoffnung als Anlagestrategie

von Henryk Hielscher und Heike Schwerdtfeger

Investoren glauben, dass Rocket Internet den Internet-Handel außerhalb der USA und Chinas dominieren kann. Doch die Aktie ist hochriskant.

Um 9.25 Uhr, fünf Minuten vor dem offiziellen Verkaufsstart, hatten die Banken schon Kaufaufträge für alle neuen Aktien von Rocket Internet in den Büchern. Das erinnert an beste Neue-Markt-Zeiten. Am Mittwoch um 9.30 Uhr gab Rocket-Vorstand Oliver Samwer dann den Startschuss zum Börsengang, präsentierte in Frankfurt ernst und sehr verbindlich die Daten seines seit 2007 aufgebauten globalen Start-up-Inkubators. Die Holding ist inzwischen an 103 Online-Geschäftsmodellen beteiligt, die in mehr als 100 Ländern aktiv sind und über 20.000 Mitarbeiter beschäftigen. Sollte es in den nächsten Tagen nicht noch einen Börsencrash geben, entsteht hier vom Start weg ein Börsenriese, der mit rund sechs Milliarden Euro Marktwert in einer Liga mit Konzernen wie der Lufthansa spielen würde.

Totaler Hype

Schon lange nicht mehr wurde in Frankfurt so viel Hoffnung so teuer verkauft. Ein deutscher Vermögensverwalter spricht von einem „totalen Hype“, den er nicht verstehe. „Ohne den geglückten Börsengang der chinesischen Alibaba, bei dem sich hohe Kursgewinne abräumen ließen, hätte es Rocket Internet schwer gehabt, Anleger von dem Geschäft zu überzeugen“, sagt er.

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Die drei Samwer-Brüder

  • Die Paten des Internets - Das Buch

    Auf rund 400 Seiten schildert Gründerszene-Chefredakteur Joel Kaczmarek in „Die Paten des Internets“ das Leben der drei Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer – von ihrer Kindheit über ihr erstes eigenes Unternehmen bis zum gigantischen Start-up-Schmiede „Rocket Internet“. Das Buch gewährt nicht nur vertiefende Einblicke in das gigantische Firmenimperium der Samwers, es vermittelt auch einen Eindruck in die Denkweise der ehrgeizigen Geschwister und zeigt ihre unterschiedlichen Charaktere auf.


    „Die Paten des Internets. Zalando, Jamba, Groupon – wie die Samwer-Brüder das größte Internet-Imperium der Welt aufbauen" von Joel Kaczmarek, Finanzbuch Verlag, 19,99 Euro.

  • Marc Samwer

    Zu Beginn des Samwer-Aufstiegs sucht auch Marc (* 3. Dezember 1970) häufig die Öffentlichkeit, überließ jedoch später häufig Oliver Samwer das Rampenlicht und konzentrierte sich auf seine Rolle als rechtlicher Berater und Steuerer des Samwer-Imperiums. Der erste Sohn des Kölner Rechtsanwalts Sigmar-Jürgen gilt als charismatischer und vernünftiger Gesprächspartner. Allerdings haftet dem ältesten Bruder auch der Ruf als Manipulator an.


    Kaczmarek: "Marc Samwer, ein Menschenfänger mit Juristenverstand"


    Studium: Rechtswissenschaften

  • Oliver Samwer

    Der mittlere Bruder (* 9. August 1973) hat schnell die Anführerrolle des Trios übernommen. Oliver organisiert und treibt die Entwicklung des Samwer-Imperiums voran.


    Kaczmarek: „ Ein Mann, der sich körperlich bis an die Grenzen der Belastbarkeit tastet und einen gewissen Masochismus zeigt, wenn es darum geht, (über andere) zu triumphieren. Dem es gleichzeitig aber auch an einem moralischen Kompass oder einer für Unternehmer üblichen Wirtschaftsethik fehlt. […] Schnelligkeit und seine Auffassungsgabe heben Oliver Samwer deutlich hervor, doch es gibt eine Eigenschaft, die ihn wirklich von allen anderen absetzt – das ist diese ganz eigene Art, wie er mit Menschen umgeht und sie steuert. […] Ist es in seinem Interesse, verströmt er eine inspirierende, anregende Aura, der selbst Größen der internationalen Finanzwelt mit Leichtigkeit verfallen.“

    Abitur-Note: 0,8
    Studium: Betriebswirtschaftslehre

  • Alexander Samwer

    Anders als seine Brüder gilt Alexander nicht als nur vom Ehrgeiz Getriebener, sondern als analytischer Denker. Er wird als menschlich, höflich und zurückhaltend beschrieben.

    Kaczmarek: „Während die Gründungen, bei denen Oliver oder Marc Samwer federführend tätig waren, oftmals auf kurzfristigen Erfolg angelegt waren, konzentrierte sich Alexander Samwer auf die anspruchsvollen Aufgaben und betreute diese mit strategischer Weitsicht.[…] Hätte es ihn nicht in die Selbstständigkeit als Internetunternehmer verschlagen, könnte er heute genauso als Vorstandsvorsitzender eines DAX-Unternehmens tätig sein.“

    Abitur-Note: 0,66
    Studium: Volkswirtschaftslehre

Rocket hat renommierte Investoren an Bord – neben den Samwers, die mit dem Ebay-Klon Alando und Klingeltonanbieter Jamba viele Millionen machten, sind unter anderem die schwedische Beteiligungsgesellschaft Kinnevik, die US-Investmentbank JP Morgan, die schottische Fondsgesellschaft Baillie Gifford und United Internet mit im Boot. Deren Chef Ralph Dommermuth steht nicht in dem Ruf, ein waghalsiger Hasardeur zu sein.

Und Baillie Gifford, auch bei Zalando mit dabei, hatte einst schon mit einem frühen Einstieg bei Facebook und Amazon Gespür für Online-Investments bewiesen. Rocket strebt an, die führende globale Internet-Plattform außerhalb der USA und Chinas zu werden. Aber hat die Samwer-Holding wirklich das Zeug, um mit Netzgiganten wie Amazon oder Alibaba in einer Liga zu spielen? Oder entpuppt sich Rocket Internet lediglich als hübsch garniertes Online-Soufflé, das nach dem Börsengang in sich zusammenfällt?

Klar ist: Seit sieben Jahren geht es für das Unternehmen bergauf. Es wurden vielversprechende Online-Konzepte kopiert und weltweit ausgerollt. Von Chile bis Myanmar, von Aserbaidschan bis nach Nigeria erstreckt sich das Rocket-Reich. Die Online-Portale des Unternehmens verkaufen Schuhe und Shirts, vermitteln Putzfrauen, Immobilien oder Kredite via Netz. In Deutschland sind Home24 und Westwing bekannt. Es gibt die russischen, asiatischen und brasilianischen Zalando-Pendants Lamoda, Zalora und Dafiti, das in Brasilien so bekannt ist wie Zalando hierzulande.

Was Anlageprofis von den Internet-Börsengängen halten

  • Nigel Bolton, Vermögensverwalter Blackrock

    Der weltweite Markt für Börsengänge sei heiß gelaufen, sagt auch Nigel Bolton, Fondsmanager beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. "Zu heiß, wenn Sie mich fragen". Nun schwappe die Welle nach Deutschland, sagte er dem "Handelsblatt". Blackrock prüfe alle Börsenkandidaten. "Aber man darf sich nicht vom Hype um Börsengänge anstecken lassen."

  • Bjorn Gustafsson, Kepler Cheuvreux

    "Es gibt nicht viele Wege den E-Commerce-Markt zu spielen," sagt Bjorn Gustafsson, Analyst bei Kepler Cheuvreux in Stockholm. "Die Aktien erscheinen jetzt billig", konstatiert er und ergänzt, dass Investoren sowohl nach dem Zalando- also auch nach dem Rocket-Internet-Börsengang gieren würden.

  • Robert Halver, Baader Bank

    "Das letzte Mal, dass hier auf dem Parkett mehr Journalisten als Händler waren, war während der Eurokrise. Bei einem Börsengang habe ich das zuletzt bei der Telekom erlebt", sagte Robert Halver, Händler bei der Baader-Bank.

  • Unbekannter Börsenhändler

    "Richtig Glück haben Anleger gehabt, die Zalando-Aktie bekommen haben und sie heute Morgen direkt wieder verkauft haben. Die konnten sich über einen schönen, schnellen Zeichnungsgewinn freuen", sagte ein Händler.

  • Frank Wieser, Geschäftsführer, Packenius, Mademann + Partner

    "Die Aktien haben wir für unsere Kunden nicht gezeichnet. Zwar verzeichnet Zalando am ersten Tag ein attraktives Kursplus, wir wollen aber erst mal abwarten wie und ob die Aktie sich langfristig durchsetzt. Der Börsengang ist nicht wie erwartet verlaufen… Aber die Aktie ist zu spannend um sie nicht zu beobachten. Zalando könnte sich langfristig zu einem echten Amazon Konkurrenten entwickeln. Dafür sind aber noch zwei bis drei 'stabile Jahre' notwendig, aus denen man erkennen kann, ob sich das Geschäftsmodell langfristig trägt."

  • Marc-Oliver Lux, Dr. Lux & Präuner

    "Beide Aktien sind für uns völlige Non-Investments. Die Bewertung der Firmen ist utopisch. Die Geschäftsmodelle sind nicht nachhaltig. Von diesem Börsengang profitieren nur die Initiatoren, die die Gunst der Stunde nutzen und die Aktien in die aktuelle Internet-Euphorie hinein platzieren."

  • Martin Weidner, Consulting Team Vermögensverwaltung AG

    "Wir haben keine der beiden Aktien gezeichnet. Wir sind insbesondere bei Zalando noch nicht davon überzeugt, dass das Geschäftsmodell auch nachhaltig funktioniert und dauerhaft Gewinne abwirft. Wir folgen insgesamt eher dem Ansatz, in Unternehmen mit einem langfristig erfolgreichen Geschäftsmodell und einer guten und stetigen Dividendenrendite zu investieren. Selbstverständlich werden wir die beiden Werte unter Beobachtung nehmen und bei einer entsprechenden Geschäftsentwicklung unsere derzeitige Anlageentscheidung überdenken."

  • Aktionärsschützer

    Die Aktionärsvereinigung DSW warnt Privatanleger vor dem Kauf von Aktien des Online-Modehändlers Zalando und des Internet-Konglomerats Rocket Internet. "Vorsicht vor einem neuen Neuen Markt. Das ist nichts für sicherheitsbewusste Privatanleger", sagte DSW-Vize-Präsident Klaus Nieding kurz nach dem Börsenstart von Zalando. "Es ist ein spekulatives Investment." Der Kauf von Zalando-Aktien berge große Risiken, sagte Nieding. Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahren keine Gewinne erwirtschaftet. Zudem hätten die früheren Mehrheitsaktionäre weiter großen Einfluss. Noch kritischer sieht Nieding den für Donnerstag geplanten Börsengang von Rocket Internet; die Firma ist weltweit an Dutzenden Start-Ups beteiligt. Die meisten von ihnen schreiben rote Zahlen. "Bei Rocket Internet und Zalando kaufen sie - wie bei den Neuen-Markt-Werten - im Grunde genommen Hoffnung", sagt Aktionärsschützer Nieding. Der aktuelle Börsenboom ist laut Nieding darauf zurückzuführen, dass es auf der Bank kaum noch Zinsen gibt und Geld im Überfluss vorhanden ist. "Das ist eine rein liquiditätsgetriebene Hausse."

Viele Versuchsballons

Ein hochdekorierter britischer Fondsmanager spricht von „dem verrücktesten Ding, das ich je gesehen habe“. Zunächst einleuchtende Geschäftsmodelle im Netz gebe es viele, aber es funktioniere trotzdem längst nicht alles. Und erst recht verdient nicht alles Geld, sagt ein deutscher Fondsmanager. In Rocket Internet stecken viele solcher Versuchsballons, denen die Berliner sechs bis neun Jahre Zeit lassen wollen, um profitabel zu werden. Beim Börsenstart sind die meisten längst noch nicht so weit.

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1 Kommentar zu Börsengang von Rocket Internet: Prinzip Hoffnung als Anlagestrategie

  • Das erfolgreiche Duo Haffa-Brüder und heute das Trio Samwer-Brüder...und
    die Moral der Geschicht...DIESES MAL IST ALLES ANDERS...díe fünf teuersten
    Wörter an der Börse

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