Fusion mit der London Stock Exchange: Bye-bye, Herr Kengeter

KommentarFusion mit der London Stock Exchange: Bye-bye, Herr Kengeter

Bild vergrößern

Carsten Kengeter, Deutsche-Börse-Chef.

von Annina Reimann

Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter steht vor einem Trümmerhaufen: Die Londoner Börse hat offenbar die Lust an dem Zusammenschluss verloren, der Deal ist so gut wie geplatzt. Zeit für einen Neuanfang. 

Völlig überraschend hat die London Stock Exchange (LSE) in der Nacht auf Montag mitgeteilt, dass sie den geplanten Zusammenschluss mit der Deutschen Börse "nicht mehr für wahrscheinlich" hält. Die EU Kommission wollte, dass die Londoner MTS, eine italienische, elektronische Handelsplattform für europäische Staatsanleihen, verkaufen. Doch die LSE lehnte das ab. 

Kengeter steht damit nun vor einem Trümmerhaufen: Er, der Investmentbanker, der vom Aufsichtsrat offenbar gerade für einen großen Deal wie den 25 Milliarden schweren Zusammenschluss geholt worden war. Doch nun wendet sich der Partner von Kengeter ab. 

Anzeige

Die Börse bemühte sich um Schadensbegrenzung: "Die Parteien sehen der weiteren Prüfung der Europäischen Kommission entgegen und erwarten derzeit eine Entscheidung der Europäischen Kommission über den Zusammenschluss", teilte die Börse in der Nacht mit. Dabei ist längst klar, dass Totgesagte in diesem Fall kaum länger leben dürften. Die EU Kommission wird den Deal ohne weitere Zugeständnisse wohl kaum durchwinken. 

Die gescheiterten Fusionspläne der Deutsche Börse AG

  • iX international exchange

    17. Juli 2000

    Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

  • Euronext

    Sommer 2003

    Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

  • Euronext II

    Frühling 2004

    Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

  • Schweizer Börse SWX

    August 2004

    Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

  • London Stock Exchange

    13. Dezember 2004

    Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

  • Euronext III

    21. Februar 2006

    Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

    19. Mai 2006

    Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

    Juni 2006

    Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

  • NYSE Euronext

    19. Mai 2006

    Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

    Juni 2006

    Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

    Dezember 2008

    Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

  • NYSE Euronext II

    April 2011

    Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

    Februar 2012

    Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit den Amerikanern aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Kengeter ist krachend gescheitert - beruflich, wie persönlich. Persönlich, weil eine Meldung, die vor über zwei Wochen im "Spiegel" stand, bis heute nicht dementiert worden ist. Demnach soll Kengeter schon im November 2015 mit dem Kanzleramt gesprochen und gesagt haben, dass die Fusion mit der Börse London im Grundsatz stehe. Sollte es stimmen, was das Nachrichtenmagazin schreibt, dann muss Kengeter zurücktreten. Kengeter soll damals mit Lars-Hendrik Röller, dem Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, über eine mögliche Fusion mit der LSE gesprochen haben. Er hat dort offenbar vorgefühlt, ob die Bundesregierung etwas gegen einen Zusammenschluss mit der Börse London hätte. Man sei sich mit der LSE „im Grundsatz einig“. Allerdings werde die britische Regierung nur zustimmen, wenn der Sitz der fusionierten Börse in London angesiedelt werde. Das klingt bereits sehr konkret. 

Pikant ist es deswegen: Kurz darauf, am 14. Dezember 2015, kaufte Kengeter dann Aktien der Deutschen Börse. Wert: 4,5 Millionen Euro. Fest steht: Aktien im gleichen Wert schenkte ihm die Börse zum Dank obendrauf. 

Beging Deutsche-Börse-Chef Insiderhandel? Was Sie zum Verdacht gegen Kengeter wissen müssen

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen Deutsche-Börse-Chef Kengeter wegen Insiderhandels. Was hat er falsch gemacht, was bedeutet es für die Fusion mit der Londoner Börse? Die wichtigsten Antworten.

Carsten-Kengeter Quelle: dpa

Trotzdem gilt für Börsenchef Kengeter zunächst die Unschuldsvermutung. Auch, wenn die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Insiderhandel gegen ihn ermittelt. Auch, wenn die Behörde seine private Wohnung und die Konzernzentrale in Eschborn durchsucht hat.

Kengeter hält sich für unschuldig und sagt kürzlich auf der Bilanzpressekonferenz, dass diese Verdächtigung ihn „persönlich sehr getroffen“ habe. Insiderhandel widerspreche allem, wofür er stehe. Er bitte nun um Geduld. Er kooperiere mit der Staatsanwaltschaft. „Und ich bin mir sicher, dass sich die Vorwürfe nach eingehender Prüfung als unbegründet erweisen werden“, sagt er. Weitere Fragen zu dem Verfahren könne er daher nicht beantworten.

Börsenchef Kengeter: Tatendurstiger Manager in Schwierigkeiten

  • Hohes Tempo

    Milliardenschwere Übernahmen, Umbau des Vorstands und die geplante Fusion mit der London Stock Exchange (LSE): Der Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, hat seit seinem Amtsantritt am 1. Juni 2015 ein hohes Tempo vorgelegt. Doch jetzt hat das Image des tatendurstigen Managers Kratzer bekommen. Der 49-jährige frühere Investmentbanker ist wegen des Verdachts des Insiderhandels ins Visier der Frankfurter Staatsanwaltschaft geraten.

  • Zwei Übernahmen

    Kaum im Amt als Vorstandschef bei der Deutschen Börse, zieht der groß gewachsene Manager im Sommer 2015 zwei Übernahmen für mehr als 1,3 Milliarden Euro durch - die Devisenhandelsplattform 360T und das Indexgeschäft von Stoxx. Er krempelt den Vorstand um und gibt dem Aktienhandel wieder stärkeres Gewicht.

  • Das Ziel

    Sein Ziel: „die Gruppe Deutsche Börse dorthin zu führen, wo sie hingehört - an die Weltspitze.“ Kengeter untermauert seinen Anspruch mit Fakten: Am 23. Februar 2016 werden die Fusionspläne mit London gekannt gegeben. „Größe ist in unserer Branche das A und O“, wirbt der gebürtige Heilbronner, dessen Familie in London lebt, für den Zusammenschluss.

  • Kengeters bisheriges Berufsleben

    Praktisch sein gesamtes Berufsleben arbeitete der studierte Betriebswirt als Kapitalmarktexperte bei internationalen Großbanken: Barclays, Goldman Sachs und schließlich bei der UBS, wo er als oberster Investmentbanker in die Konzernleitung aufstieg. 2013 verlässt der Vater von drei Kindern, der gerne Berg-Marathon läuft, die Schweizer Großbank.

  • Der Aufstieg

    Im Herbst 2014 präsentiert die Deutsche Börse Kengeter als Nachfolger von Reto Francioni. Als „prächtigen Fang“ für den Dax-Konzern bezeichnete die „Börsen-Zeitung“ den Manager vorab. Als Chef der neuen europäischen Mega-Börse hätte Kengeter mehr Zeit in London verbringen können, dort sollte der rechtliche Sitz der Dachgesellschaft des fusionierten Unternehmens sein. Aber die Fusion platzte endgültig nach dem Veto der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager Ende März.

Doch auch der gescheiterte Zusammenschluss würde bereits für einen Rücktritt ausreichen. Was hat Kengeter Geld für teure Berater verschwendet. Es ist das Geld seiner Aktionäre, deren Aktie jetzt im Übrigen fällt. 

Unabhängig von dem möglichen Vorsprechen im Kanzleramt und des nun wohl gescheiterten Zusammenschlusses – es wird eng für Kengeter. Denn die Staatsanwaltschaft prüft auch, ob die Börse ihre Ad-hoc-Meldung zur Fusion am 23. Februar 2016 rechtzeitig veröffentlicht hat. Mit solchen Meldungen müssen Unternehmen kursbewegende Nachrichten sofort vermelden. Im Kern geht es bei der Pflicht, etwas ad-hoc zu melden, auch um Insiderinformationen. Hat ein Unternehmen eine solche Insiderinformation, die den Kurs stark bewegen kann, muss es sie veröffentlichen. Alle Anleger sollen die gleichen Informationen haben – das soll Insiderhandel unterbinden. Veröffentlicht der Vorstand Insiderinformationen zu spät, drohen ihm Ermittlungen wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%