Stelter strategisch: Brexit-Angst der Börse ist nur vorgeschoben

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Nicht nur Brexit-Sorgen treiben die Märkte um.

Kolumne von Daniel Stelter

Zum zweiten Mal in diesem Jahr gehen die Märkte auf Tauchstation. Angeblich sind es die Brexit-Ängste – doch in Wahrheit stecken Zweifel an der Allmacht der Notenbanken dahinter.

Eigentlich wollte ich mich in dieser Woche nicht noch einmal mit dem Brexit beschäftigen. Habe ich doch schon letzte Woche einen zu erwartenden Einbruch bei UK-Aktien und Britischem Pfund als eine Kaufgelegenheit beschrieben. Nun sind die Märkte schon vor der Entscheidung auf Tauchstation gegangen. Nicht nur in London, sondern gleich weltweit. Der Brexit wirkt also schon vorher und scheint – so man den Umfragen folgen will – nicht mehr ganz so unwahrscheinlich.

Ich denke, der Brexit ist nur ein Anlass für die Investoren, Risiken abzubauen, nicht jedoch die eigentliche Ursache. Auch ohne Brexit war es an der Zeit, dass die Märkte korrigieren und, schlimmer noch: erkennen, dass die Notenbanken zunehmend mit ihrem Latein am Ende sind. Egal was sie auch tun, die Realwirtschaft dümpelt vor sich hin. Die Inflation, so heiß erwünscht, will sich nicht einstellen.

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Brexit wird weder EU noch England schaden

Zunächst die Erinnerung an meine feste Überzeugung: der Brexit, so er denn kommt, dürfte rein wirtschaftlich betrachtet weder England noch der EU beziehungsweise der Eurozone nachhaltig schaden. Allem Getöse der Akteure zum Trotz, werden beide Seiten eine Lösung finden, um den Handel am Laufen zu halten.

Gerade aus Sicht der Europäer ist England mit seinem enormen Handelsdefizit ein zu bedeutender Markt, als dass man ihn so einfach Amerikanern und Asiaten überlässt. Man wird sich also einigen – und zwar rascher und leichter, als die Drohgebärden es heute erwarten lassen.

Politisch ist es eigentlich auch keine große Änderung der Lage. Die Eurozone wird so oder so in schwieriges Fahrwasser geraten, und ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es zu einem Austritt eines Landes kommen wird. Das würde dann wirklich zu einer Kettenreaktion führen, und als Anleger kann und muss man sich darauf vorbereiten. Ein Brexit könnte da höchstens beschleunigend wirken, allerdings auch nicht so, dass der Zerfall des Euros morgen bevorsteht. Davor stehen der unbeugsame Wille der Politik und das Füllhorn der EZB. Solange der politische Wille zum Euro bestehen bleibt, kann sich die Währungsunion noch ein paar Jahre halten. Sobald er abgewählt wird, was nicht eine Frage des „ob“, sondern nur des „wann“ ist, kommt es zum Knall.

Brexit ist nicht der Grund für fallende Märkte

Negativrendite bei Bundesanleihen Was es mit dem Renditetief auf sich hat

Es ist eine historische Zäsur: Erstmals bezahlen Anleger dafür, dem deutschen Staat für zehn Jahre Geld leihen zu dürfen. Warum sind die Zinsen auf Tauchstation? Alle wichtigen Antworten zur zehnjährigen Bundesanleihe.

Zehnjährige Bundesanleihen auf Tauchstation: Rendite fällt unter null. Quelle: Getty Images

Warum also fallen die Märkte? Ich denke, der Brexit liefert nur ein willkommenes Signal, um sich entsprechend neu zu positionieren. Der eigentliche Grund für den Einbruch ist ein anderer. Es ist der abnehmende Grenznutzen der Geldpolitik. Stellen wir es uns einfach vor: wenn die EZB jeden Tag zehn Millionen neue Euro schafft, um auf diesen Weg die Wirtschaft zu stimulieren, so bedeutet es bei einem angenommenen Anfangswert von 100 Millionen im ersten Schritt eine Erhöhung der Geldmenge um zehn Prozent. Die Erhöhung um weitere zehn Millionen entspricht dann jedoch nur noch einer Steigerung um neun Prozent. Und hat sie erst mal die Geldmenge auf 300 gesteigert, sind zehn weitere Millionen nur noch etwas mehr als drei Prozent.

Da wir aber wie Junkies immer wieder einen neuen Kick benötigen, genügt uns eine absolut gleichbleibende und prozentual schrumpfende zusätzliche Dosis nicht. Wir brauchen mehr. Sichtbar wird das zuerst in der Realwirtschaft, wo immer mehr neue Schulden immer weniger zusätzliches BIP erzeugen. Erbrachte ein Dollar neue Schulden in den 1960er Jahren immerhin noch rund 60 Cent zusätzliches BIP, kann man heute schon froh sein, wenn es noch rund zehn Prozent sind. Dies gilt übrigens weltweit und kann gerade in China drastisch beobachtet werden, wo den rund einer Billion US-Dollar neuer Schulden weniger als die Hälfte zusätzliches BIP gegenüberstanden.

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