Berlin: Warum Berlin anders ist, als viele denken

ThemaWahlen 2017

Berlin: Warum Berlin anders ist, als viele denken

Bild vergrößern

Berlin zwischen sexy Boomtown und armer Hauptstadt.

von Christian Schlesiger, Simon Book

Berlin feiert sich als coole Boomtown für IT-Gründer. Aber das Wahldesaster der regierenden Parteien zeigt: Viel davon ist Wunschdenken der Politiker. Die Klischees über die Hauptstadt stimmen einfach nicht mehr.

Ein Donnerstagabend im Spätsommer in Berlin-Mitte, in der Nähe des Alexanderplatzes. Im The Grand treffen sich Unternehmer der Hauptstadt. Die Mitglieder des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller sind erschienen, die vom Unternehmer-Dachverband auch, Repräsentanten der örtlichen Handelskammer sowieso. Bei Kalbsfilet und Bohnen im Speckmantel ziehen sie alle Bilanz vor der anstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus.

Es überwiegen Töne der Zufriedenheit. 120.000 sozialversicherungspflichtige Jobs seien in den vergangenen drei Jahren entstanden, heißt es, mehr als 40.000 Unternehmensneugründungen jährlich habe es gegeben. Erstmals seit der Wende liege die Arbeitslosenrate wieder unter zehn Prozent, außerdem übernachteten jährlich 30 Millionen Besucher in der Hauptstadt. Berlin, so das Fazit der Runde, ist alles in einem: Gründerhauptstadt, Tourismusmagnet, Start-up-Metropole. Einer der Teilnehmer bringt es auf den Punkt: „Wo Berlin ist, ist vorne.“

Anzeige

Doch ein anderer stört die Jubelstimmung. „Klar, Berlin wächst“, sagt er, „aber die Frage ist doch: Blüht Berlin auch?“

Zum Vergrößern bitte anklicken.

Zum Vergrößern bitte anklicken.

Darauf weiß niemand so recht eine Antwort. Zwar gilt der erste Teil des Satzes von Exbürgermeister Klaus Wowereit (SPD), seine Stadt sei arm, aber sexy, immer weniger. In 2015 wuchs die lokale Wirtschaft um drei Prozent, nur Baden-Württemberg war besser. Aber dort liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Schnitt bei 42.745 Euro, während Berlin nur auf rund 34.000 kommt. Selbst Bremen liegt weit vor Berlin. Um zur Reichtumsspitze aufzuschließen, müsste die Hauptstadt stärker boomen – und höherwertige Arbeitsplätze schaffen. Die Bürger scheinen das zu merken und misstrauen der Politik. Bei der Wahl erlebten die regierenden Parteien ein Debakel. Die SPD verlor knapp sechs Prozentpunkte und erreichte gerade mal 21,6 Prozent, die CDU sackte auf das schlechteste Ergebnis überhaupt ab: 17,6 Prozent. Die AfD landete bei 14,2 Prozent. Offenbar halten die Mythen von der Boomtown Berlin dem Realitätscheck nicht stand. Eine WiWo-Bilanz:

Die Mär vom ökonomischen Kraftzentrum

Gäbe es die Hauptstadt nicht, läge das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Schnitt 0,2 Prozent höher. Berlin zieht Deutschland statistisch nach unten. Zum Vergleich: Japan ohne Tokio wäre sechs Prozent ärmer, Großbritannien verlöre ohne London elf Prozent, Frankreich ohne Paris sogar 15 Prozent.

Berlin ist und bleibt ökonomisch ein Zwerg – national wie international. US-Konzerne haben ihre Deutschlandzentrale in München (Amazon, Yahoo, Microsoft) oder Hamburg (Google, Facebook). Wegen des Erbes der deutsch-deutschen Teilung liegt das Berliner BIP pro Kopf auf südeuropäischem Niveau, so ein Metropolenvergleich des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Arbeitslosenquote ist weiterhin doppelt so hoch wie im Bundesschnitt.

Die Mär von der liberalen Hochburg

Es gibt keine Sperrstunde, und Kiffen ist quasi erlaubt – so sehen Außenstehende die deutsche Hauptstadt gerne. Doch unter der rot-schwarzen Koalition wurde die liberale Hochburg spießig(er). Die straffreie Freigrenze von Cannabis wurde in einigen Bezirken von 15 auf 0 Gramm gesenkt. Und die Spätis, Berlins beliebte Kioske, dürfen am Sonntag offiziell nicht öffnen, wenn sie mehr als Blumen, Zeitungen oder Brötchen verkaufen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%