
„4000 Meter Zukunft“ nennt sie die Betreibergesellschaft des Münchner Flughafens: Die geplante dritte Landebahn mache den Flughafen „fit für die Zukunft“. Die Münchener Bürger aber ließen sich durch solche Fortschrittspoesie nicht beeindrucken.
Der Bürgerentscheid gegen die Landebahn ist nur das jüngste Beispiel von vielen Großprojekten, die in der Bevölkerung auf Ablehnung oder gar erbitterten Widerstand stoßen. Und immer öfter setzen sich die Gegner der „Zukunft“ durch. Die Bahn blieb hart im Kampf um den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, viele andere Unternehmen kapitulieren jedoch vor dem Bürgerunmut. Der jüngste Fall: Vattenfall hat wegen des Widerstands von Bürgerinitiativen die unterirdische Verpressung von Kohlendioxid aus Kraftwerken aufgegeben, obwohl der Gesetzgeber sie grundsätzlich ermöglicht.
Großprojekte werden von immer mehr Menschen nicht mehr als sinnvolle Investitionen eines aufstrebenden Wirtschaftsstandortes willkommen geheißen, sondern stoßen auf Ablehnung oder gar Widerstand in der Bevölkerung. 81 Prozent der Bundesbürger lehnen nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts den Bau von Kohlekraftwerken in ihrer Region ab, 64 Prozent auch den von Gaskraftwerken und 51 Prozent den von neuen Stromtrassen.
Man kann die Dimension dieser Ablehnung nicht allein durch eine Not-in-my-backyard-Mentalität erklären. Es ist nicht nur der Wunsch nach Ruhe und ungestörtem Blick auf Wald und Wiesen, der die Ablehnung treibt, sondern eine wachsende Skepsis gegenüber der Notwendigkeit großer Investitionen überhaupt. 59 Prozent der Bundesbürger glauben, dass unsere Verkehrsinfrastruktur schon gut oder sogar sehr gut ist und 64 Prozent sagen dasselbe über die Energieversorgung. Die Menschen sehen in großen Investitionen keinen Sinn mehr.
Die Proteste gegen große Infrastrukturprojekte sind nicht nur Akte der Zukunftsverweigerung, der Bequemlichkeit oder der Technologiefeindschaft. Sie mögen im konkreten Einzelfall dumm oder kurzsichtig sein. Aber sie sind Symptome eines wachsenden Bedürfnisses in der Bevölkerung, das auch Unternehmen sehr ernst nehmen müssen. In den Protesten wird eine zunehmende Skepsis gegen das deutlich, was eine moderne Wirtschaft im Wesen kennzeichnet: der Drang nach Wachstum.
Jahrzehntelang war Wirtschaftswachstum das, was die Gesellschaft von links bis rechts und von unten bis oben einte. Wie die Wirtschaft am effektivsten wachsen könne und vor allem, wie der Wohlstand verteilt werden solle, war politisch umstritten. Unumstritten war aber, dass sie wachsen solle. Da waren sich sogar die Gegner diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs einig. Auch sozialistische Volkswirtschaften wollten nur das eine, nämlich mehr von allem. Wenn Produktion und Dienstleistungen expandierten, bedeutete das wachsenden Wohlstand und den konnten nach den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle gut gebrauchen. Man kann sich das kaum noch vorstellen, aber in den fünfziger und sechziger Jahren protestierte niemand gegen Flughäfen und neue Kraftwerke. Sie waren willkommen, weil sie mehr Wohlstand mitbrachten.
Bild: PRBlick aus der Röhre
Viele Bergfans wollen am liebsten im Einklang mit der Natur wandern. Wenn es aber im Hochgebirge abends kalt wird, benötigen sie nicht nur Schutz, sondern sie verbrauchen oft auch Kerosin, Gas oder Batterien für ihre Kocher. Eine überlebenssichernde und umweltfreundliche Übernachtungsmöglichkeit bietet jetzt die italienische Designfirma Leap-Factory. Ihre röhrenartige, schnee- und sturmsichere Mini-Lodge ist im Schnitt 3,5 Meter breit, acht Meter lang und 2,80 Meter hoch. In ihr sind Tische, Stühle, Toiletten und Waschbecken installiert. Nach Bedarf gibt es Kojenplatz für zwei bis zwölf Personen. Dafür dass es bei traumhafter Aussicht auf Himmel und Berge warm bleibt, sorgt die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Das Handicap: Mindestens 200 000 Euro kostet die 2500 Kilogramm schwere und mehrmodulige Schlafkapsel. Damit sich der Aufwand rechnet, bleibt das Biwak mehrere Wochen auf dem Berg und kann von verschiedenen Wanderern benutzt werden.
Bild: PRSonnengrill statt Feuerstelle
Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA wollen den ultimativen Traum aller grünen Barbecue-Fans Realität werden lassen: Sie entwickeln einen Grill, der Hitze mithilfe von Sonnenenergie erzeugt, Wärme speichern kann und dadurch sogar nachts funktioniert. Ihr Prototyp baut auf einer Technologie von MIT-Professor David Wilson auf: eine spezielle, besonders leichte Linse bündelt das Sonnenlicht, das in Lithiumnitrat-Zellen gespeichert wird. Mit der Hitze der Wärmespeicher lassen sich dann Steak und Wurst grillen. Vor allem aber ist der „Cooker“ laut Wilson als umweltfreundliche und energiesparende Alternative zu den offenen Holzfeuern gedacht, die die Menschen in Entwicklungsländern als Kochstelle nutzen. Jeden Tag verbrennen weltweit mehr als drei Millionen Tonnen Feuerholz unter Töpfen und Pfannen. Vor allem in afrikanischen Regionen wird das Holz knapp. Wilsons Grill speichert Sonnenenergie für 25 Stunden und heizt auf über 230 Grad hoch. Solargrills mit derartiger Kapazität gab es zuvor nicht.
Bild: PRWirbel-Säule
Frischer Wind aus Bayern: Das Unternehmen MRT Wind hat eine neues Minikraftwerk für den Zuhause-Gebrauch entwickelt. Das Besondere: Das 2,50 Meter hohe Windrad dreht sich nicht wie die üblichen Propeller-Systeme um die Horizontalachse, sondern um die Vertikalachse. „Dadurch kann man unabhängig von der Windrichtung Strom erzeugen“, erklärt Geschäftsführer Neil Cook. Ab einer Windgeschwindigkeit von 1,5 Metern pro Sekunde gewinne die Anlage Energie. Die Miniwindräder sind nach Herstellerangaben lautlos und lassen sich genehmigungsfrei installieren. Die ersten Testgeräte sind in Betrieb. Preis: ab 7000 Euro pro Stück.
Bild: PRLeselicht in Hülle und Fülle
Der US-Hersteller SolarFocus bringt Licht ins Dunkle des E-Readers von Amazon: Mit einer leuchtenden Hülle namens Solar Kindle Lighted Cover. Sie schützt das Gerät nicht nur vor Kratzern, sondern bietet dem E-Reader auch eine netzunabhängige Notstromversorgung sowie eine LED-Leselampe. Damit lässt sich der Kindle nun auch in absoluter Dunkelheit nutzen. Gespeist wird das Licht aus einem eingebauten Akku, der über die Solarzellen auf der Außenseite der Hülle geladen wird. Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, eine der weltweit größten Messen für Unterhaltungselektronik, ist die Hülle als eine der besten Innovationen 2012 in der Kategorie nachhaltige Technologien ausgezeichnet worden. Schon nach acht Stunden Sonnenlicht, so verspricht der Hersteller, habe die Batterie genug Saft, um dem Kindle drei Tage Strom zu liefern. Kosten: rund 80 Dollar.
Bild: PRInsel-Lösung in der Südsee
Es könnte ein Entwurf des US-Verpackungskünstlers Christo sein. Tatsächlich haben sich japanische Architekten der Shimizu Corporation diese überdimensionale Seerosenstadt ausgedacht – mit kompletter Infrastruktur und üppiger Vegetation. In der Südsee auf der Höhe des Äquators soll die klimafreundliche, selbstversorgende Trauminsel schwimmen. Dort gibt es viel Sonne und kaum Taifune. Das Fundament soll aus wabenförmigen, mit Wasser und Luft gefüllten Betonröhren bestehen, um so der Insel Auftrieb und Stabilität zu verschaffen. Die Technik haben die Japaner bereits bei schwimmenden Bohrinseln erprobt. Jede ihrer sogenannten grünen Flossen hat einen Durchmesser von drei Kilometern und einen Hauptwohnbezirk mit einem kelchartigen, 1000 Meter hohen Wohn- und Arbeitsturm, in und um den herum 40.000 Menschen wohnen sollen. 350 Hektar Nutzfläche bleiben den Bewohner, um ihre Lebensmittel zu produzieren. Baubeginn soll 2050 sein.
Bild: dpaStadt-Tomaten
Weil es Kosten und Energie spart, erobert die Landwirtschaft die Innenstädte. In Deutschland soll nun „inFarming“ beginnen, ein Erntesystem fürs Büro, in dem Pflanzen vom gereinigten Abwasser und der Abwärme der Gebäude gedeihen. „Wir wollen Dächer für den Anbau von Gemüse nutzen“, sagt Volkmar Keuter, der verantwortliche Leiter am Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik. Die Idee: Nach dem Job erntet der Angestellte noch im Gewächshaus auf dem Bürodach sein Gemüse. Auf einem Viertel der 1200 Millionen Quadratmeter deutschen Büroflachdächer könnten die Pflanzen gedeihen, rechnet Keuter vor. Sie würden in Städten jährlich rund 28 Millionen Tonnen CO2 binden. Das entspreche 80 Prozent der CO2-Emissionen von industriellen Betrieben in Deutschland. Erste Versuche laufen derzeit im Fraunhofer-Testhaus für neue Gebäudesysteme in Duisburg.
Bild: dpa/dpawebSuperunkräuter und Powerwanzen
Gentechnisch veränderte Pflanzen schaden Bauern mehr als sie nutzen. Das ist das Fazit einer Studie von 20 führenden Umwelt- und Verbraucherschutzvereinigungen aus aller Welt, die auch Regierungen beraten. Dabei waren die Verheißungen groß: schmackhaftere Erdbeeren, weniger Unkrautvernichtungsmittel und höhere Erträge für Raps, Mais, Soja und Baumwolle. Sogar Welthunger, Klima- wandel und Bodenerosion sollten die Pflanzen zurückdrängen, deren Erbgut Biologen im Labor gezielt verändert haben. „Doch keines der Versprechen, das die Hersteller vor 20 Jahren zur Einführung der vermeintlichen Wunderpflanzen gaben, haben sie erfüllt“, heißt es in der Studie.
Stattdessen leiden Bauern unter negativen Auswirkungen: In Brasilien und Argentinien setzen sie auf ihren Feldern heute doppelt so viel Unkrautvernichtungsmittel ein wie auf konventionellen Feldern; auf Indiens Baumwollfeldern ist der Einsatz von Pestiziden sogar um das 13-Fache gestiegen. In China hat sich durch den Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle eine an sich harmlose Population von Wanzen verzwölffacht und bedroht jetzt die Pflanzen. In den USA, wo die meisten genmanipulierten Pflanzen wachsen, fördert ihr Anbau die Ausbreitung von Superun-kräutern, die Unkrautvernichtungsmitteln widerstehen.
Die drei großen Saatgutunternehmen Monsanto, Dupont und Syngenta kontrollieren heute mehr als zwei Drittel der weltweiten Saatgutverkäufe. Monsanto hat zudem 95 Prozent des indischen Saatgutmarktes für Baumwolle im Griff. Die Folge: Die Preise steigen stetig.
Bild: dpaErneuerbare Energien
11 Milliarden Euro haben die Deutschen beim Import von Brennstoffen wie Öl und Gas durch erneuerbare Energien 2011 eingespart. Ihr Anteil an der Stromversorgung lag im Jahr 2011 bei rund 20 Prozent. Das ergab eine Studie des Bundesverbandes Erneuerbare Energie.
Blick aus der Röhre
Viele Bergfans wollen am liebsten im Einklang mit der Natur wandern. Wenn es aber im Hochgebirge abends kalt wird, benötigen sie nicht nur Schutz, sondern sie verbrauchen oft auch Kerosin, Gas oder Batterien für ihre Kocher. Eine überlebenssichernde und umweltfreundliche Übernachtungsmöglichkeit bietet jetzt die italienische Designfirma Leap-Factory. Ihre röhrenartige, schnee- und sturmsichere Mini-Lodge ist im Schnitt 3,5 Meter breit, acht Meter lang und 2,80 Meter hoch. In ihr sind Tische, Stühle, Toiletten und Waschbecken installiert. Nach Bedarf gibt es Kojenplatz für zwei bis zwölf Personen. Dafür dass es bei traumhafter Aussicht auf Himmel und Berge warm bleibt, sorgt die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Das Handicap: Mindestens 200 000 Euro kostet die 2500 Kilogramm schwere und mehrmodulige Schlafkapsel. Damit sich der Aufwand rechnet, bleibt das Biwak mehrere Wochen auf dem Berg und kann von verschiedenen Wanderern benutzt werden.
Doch das ändert sich. Deutlicher noch als bei den Demonstrationen gegen Flughäfen und Bahnhöfe wird die Abwendung vom Wachstumsparadigma an Universitäten und in Denkfabriken. Eine Flut von Büchern verkündet die "Befreiung vom Überfluss" (Niko Paech) oder "Wohlstand ohne Wachstum" (Tim Jackson). Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, früherer Mitarbeiter von Kurt Biedenkopf, hat nicht nur ein Buch über das Ende des Wachstums geschrieben ("Exit"), sondern organisiert mit seiner Stiftung "Denkwerk Zukunft" regelmäßig prominent besetzte Seminare, auf denen "Alternativen zur tradierten Wachstumspolitik" angedacht werden. In den Köpfen der Denker und den Seminaren der Universitäten ist das bevorstehende Ende der Wachstumsgesellschaft eines der zentralen Diskussionsthemen.
Die Wachstumsdynamik des Kapitalismus hat, indem sie historisch einzigartigen Wohlstand und historisch einzigartige Umweltzerstörungen hervorbrachte, auch eine starke Gegenkraft hervorgerufen: die ökologische Bewegung. Die daraus entstandene Dialektik von Ökonomie und Ökologie ist das Spannungsfeld, in dem Unternehmen und Politik heute stehen.
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