Freytags-Frage: Wieso ist die Mittelschicht so verunsichert?

kolumneFreytags-Frage: Wieso ist die Mittelschicht so verunsichert?

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Den Deutschen geht es ökonomisch gesehen gut, dennoch ist die Mittelschicht verunsichert.

Kolumne von Andreas Freytag

Den Deutschen geht es ökonomisch gesehen gut. Dennoch hat die Mittelschicht große Sorgen und Abstiegsängste. Fünf Thesen, warum die Mittelschicht verunsichert ist und wie Politik und Gesellschaft regieren sollten.

In dieser Woche hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in zwei Studien auf fundamentale gesellschaftliche Probleme verwiesen, deren Lösung zentral ist, wenn wir dauerhaft in einer stabilen und demokratischen politischen und wirtschaftlichen Ordnung leben wollen.

Zunächst wurde am Montag in einer Kurzstudie gezeigt, welche Gründe es dafür geben kann, dass Menschen populistischen Parteien folgen und diese wählen. Die vom Institut benannten Gründe sind die folgenden:

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  • Zunächst gibt es offensichtlich ein zunehmendes Empfinden von Elitenversagen, das sich an zahlreichen Beispielen individueller Fehlleistungen von Politikern oder Managern entzündet. Dieses Gefühl hat sicherlich entscheidend zum Wahlausgang in den Vereinigten Staaten beigetragen und sorgt auch in Europa für Auftrieb der Populisten links und rechts.
  • Viele Bürger scheinen sich an aus ihrer Sicht zu intensiven Debatten um Minderheiten zu stören. Dazu spiegelbildlich wird dann eine Vernachlässigung der Mehrheit empfunden. In diesem Zusammenhang wird zudem überbordende politische Korrektheit beklagt.
  • Hinzu kommen nicht genau identifizierte Milieuveränderungen (Auseinanderdriften von „unten“ und „oben“) und veränderte Arbeitswelten.
  • Ein weiterer Treiber sind soziale Medien, die es erlauben, unbewiesene Thesen aufzustellen und schnell zu verbreiten. Davon können die Populisten sehr offenkundig viel besser Gebrauch machen als an Fakten Interessierte. Das überrascht insofern nicht, als dass es nicht leicht ist, komplexe Zusammenhänge mit 140 Zeichen überzeugend und differenziert darzustellen.
  • Denn schließlich wirken (und sind) das Geschehen auf den Weltmärkten und dessen Folgen besonders komplex. Arbeitsteilung ist die Quelle des Wohlstandes, und zwar sowohl innerstaatliche als auch grenzüberschreitende Arbeitsteilung. Im Strukturwandel scheiden Unternehmen aus und gehen Arbeitsplätze verloren. Bei Offenheit der Märkte entstehen neue Arbeitsplätze. Die Zusammenhänge werden nicht mehr verstanden, was direkt Verlustängste auch in einer breiten Mittelschicht bewirkt. Die Verfasser im IW verweisen in diesem Zusammenhang auf die Rolle der Medien, die schlechte Nachrichten guten Nachrichten vorzögen.

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Wir sprechen zunehmend über die Risiken der digitalen Transformation – allen voran Arbeitsplatzverluste und die Zentralisierung von Produktion. Wie wir unseren Wohlstand trotz dieser Probleme mehren können.

Illustration Industrie 4.0, Digitalisierung Quelle: dpa

Gerade der letzte Punkt ist besonders bemerkenswert, weil dasselbe Institut zwei Tage später eine neue Studie zur Einkommensverteilung in Deutschland veröffentlicht hat, in der im Wesentlichen gezeigt wird, dass der Anteil der Bevölkerung mit mittlerem Einkommen – unabhängig von der genauen Definition des entsprechenden Bereichs in der Einkommensverteilung – im Zeitablauf etwa gleichgeblieben ist.

Eine Spaltung der Gesellschaft mit Blick auf die Einkommensstatistik kann also nicht nachgewiesen werden. Dennoch ist die Mitte unzufrieden und hat Abstiegsängste, die sich auch im Wahlverhalten niederschlagen.

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