SPD: Die Selbstbeschwörung des Erfolgs

SPD: Die Selbstbeschwörung des Erfolgs

, aktualisiert 26. Januar 2017, 08:32 Uhr
von Max Haerder

Seit Sigmar Gabriel Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten und zum neuen Vorsitzenden gekürt hat, wirkt die SPD wie erlöst. Dabei hat sich ansonsten nicht viel verändert.

Da wäre zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete, der sich stets bekannt hat, Sigmar-Gabriel-Fan zu sein. „Die Partei hat sich derart schwungvoll hinter Martin Schulz gestellt“, sagt er jetzt. „Nun gibt es keine Flügel mehr, sondern nur noch Sozis.“ Oder der Partei-Vize, der von „Aufbruchsstimmung“ schwärmt, gar eine „Zeitenwende“ fühlt.

Wen man in diesen umwälzenden Tagen in der SPD auch trifft und spricht, fast immer ist Erlösung und Erleichterung zu spüren. Kraft und Zuversicht kehren zurück in eine Partei, die zuletzt trotz ihrer Regierungserfolge matt und depressiv wirkte. Wenn es Gabriel in einem letzten Opferdienst darum gegangen sein sollte, seiner 20-Prozent-Sozialdemokratie einen neuen Siegesgeist einzuhauchen – dann ist ihm das gelungen.

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Dass Gabriel den eigenen Kandidaten-Krönungs-Zeitplan auf den letzten Metern mit gleich zwei Interviews zur Unzeit selbst umwarf – es wird ihm zwar nachgetragen, aber doch gleich verziehen. Seine Irrlichtereien, die Wendungen und Häutungen, sind eben bald nur noch Gabriels Sache (und die des Auswärtigen Amtes), nicht mehr so sehr die der Kanzlerkandidaten-Partei.

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Martin Schulz Quelle: AP

Außerdem gab es in der SPD immer schon sehr viele Schulz-Fans. Die können ihre Begeisterung nun voll ausleben. Außer dem Noch-Parteichef selbst gibt es in der Tat niemanden, der einen SPD-Parteitag vom Redepult aus so in Entzückung und Ekstase brüllen kann. Und wenig lieben Sozialdemokraten nun mal mehr als eine leidenschaftliche Rede über die bessere, rotglühende Welt von morgen. Das vermochte Schulz, selbst wenn es nicht um Mindestlohn und Rente und sozialen Wohnungsbau ging, sondern um das eher spröde Thema Europa.

Als Schulz an diesem Mittwochmittag in der SPD-Bundestagsfraktion seine 20-minütige Antrittsrede hält, hören die Parlamentarier keinen neuen Ton, keine unerhörte Neudefinition der SPD, sie hören einfach Genossen-Sound pur. Aufbruch. Zusammenhalt. Gerechtigkeit. Leistung. Solche Vokabeln fallen im Sekundentakt. Das reicht schon für langen, kräftigen Beifall. Es geht der SPD gerade nicht um die Botschaft. Es geht um den Sender.

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Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend vom Mittwoch zeigt: 69 Prozent der Bürger glauben, dass der SPD mit Martin Schulz ein Neuanfang gelingen kann. 79 Prozent der Befragten fanden es gut, dass Gabriel Schulz den Vortritt gelassen hat. Im direkten Vergleich mit der Kanzlerin attestierten immerhin 60 Prozent Schulz Führungsstärke – der Kanzlerin sprachen dies satte 79 Prozent zu. 78 Prozent sagten, sie hielten Merkel für kompetent, 68 Prozent sagten das von Schulz. Gabriel erreichte hingegen durchweg deutlich schlechtere Werte: nur 39 Prozent hielten ihn für führungsstark, 53 Prozent für kompetent.

Natürlich ist das eine vergleichsweise bessere Ausgangslage, aber eine gute ist es noch lange nicht. Noch kennen die deutschen Bürger Schulz kaum: Im Deutschlandtrend gaben 65 Prozent der Bürger an, nicht zu wissen, für welche Politik Schulz eigentlich steht. Als EU-Parlamentspräsident war er zwar medial präsent, aber doch weit weg. Als sozialdemokratischer Spitzenkandidat bei der Europawahl 2014 war kein Schulz-Effekt zu beobachten. Das kann ein Vorteil werden – oder ein Nachteil bleiben. 45 Prozent gaben an, es problematisch zu finden, dass Schulz bisher keine bundespolitische Erfahrung hat.

Er sei überzeugt, dass Schulz bessere Chancen habe, Kanzler zu werden, sagt Sigmar Gabriel am Dienstabend im Willy-Brandt-Haus. „Ich bin sicher, es ist die richtige Entscheidung.“ Manche in der Parteizentrale denken aber schon an den Jahresanfang 2013 zurück. Der damalige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück war zu jenem Zeitpunkt der beliebteste Politiker des Landes. Es endete bekanntlich im Desaster.

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