
Aus demografischer Sicht ist die Krisen-Schockstarre übrigens kein Problem: Die Familiengründung wird im Anschluss an die Krise einfach nachgeholt; die Geburtenraten steigen sprunghaft an – bis sie sich wieder in den langfristigen Trend einpassen. Insgesamt, so Diewald, sei das Bild der Familie in Krisenzeiten daher höchst differenziert: Während Arbeitsplatzunsicherheit allenfalls zu einer Verschiebung von Familiengründungen führe, wirke sich bereits kurzfristige Arbeitslosigkeit negativ auf Paarbeziehungen und Familien aus. Insbesondere bei Frauen könne es allerdings auch zu gegenteiligen Reaktionen kommen: „Erscheint die Arbeitsmarktlage individuell aussichtslos, führt dies erst recht zu Geburten, da der Lebenssinn in der Arbeit nicht mehr gefunden werden kann.“ Vor allem Frauen mit geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt könnten die Flucht in die Familie antreten.
Tatsächlich sind die privaten Beharrungskräfte in Zeiten äußerer Unsicherheit auch in Deutschland so groß, dass man darüber seine Trennungsgedanken vergisst. So ist die im langfristigen Trend steigende Zahl der jährlichen Scheidungen seit 1965 zweimal dramatisch eingebrochen: zunächst Ende der Siebzigerjahre, als der Gesetzgeber vom „Schuldprinzip“ auf das „Zerrüttungsprinzip“ umstellte und die juristisch-finanziellen Folgen einer Trennung zunächst unklar waren – und dann noch einmal 1989 bis 1991, als der Mauerfall den Ostdeutschen eine neue, ungewisse Zukunft versprach. Der Grund liegt auf der Hand: „Private Veränderungen werden in Krisen eher unterlassen“, sagt der Soziologe Martin Diewald, „das persönliche Nahumfeld soll beruhigt werden.“ In der Unsicherheit bleibt alles beim Alten, weil es zu einem „Moratorium aller Familienprozesse“ komme. Egal, ob man Single sei, verheiratet, fünf Kinder habe oder keine – bloß nicht bewegen!
Betonung von Vertrauensbeziehungen in der Krise
Die Krise zu Hause aussitzen – das möchte auch Heidi Winter*, bis vor Kurzem Abteilungsleiterin einer Werbeagentur. Winter verlor Anfang des Jahres ihre Stelle, als die Agentur mangels Aufträgen schließen musste. „Im Moment gibt es für mich sowieso keinen attraktiven Job, also mache ich aus der Not eine Tugend und widme mich meiner Tochter“, sagt Winter. In zwei, drei Jahren sehe es auf dem Arbeitsmarkt bestimmt besser aus, „dann bewerbe ich mich wieder“. Winter hatte in den zurückliegenden Jahren oft wenig Zeit für ihre Familie. Der Job machte Spaß, sie verdiente gut, war ständig unterwegs. „Aber zum Glück gibt es auch noch ein anderes Leben, jenseits der Arbeit. Das genieße ich jetzt und vielleicht ist das alles irgendwie auch ein Glücksfall.“
Wie Heidi Winter besinnen sich viele Menschen in Krisenzeiten „auf das, was wirklich zählt im Leben“, sagt Katja Maischatz, Soziologin aus Lüneburg – und das ist für den einen das Familienunternehmen, für den anderen das Familienleben. Maischatz zufolge, kommt es so oder so „zu einem Wandel der individuellen Wertpräferenzen“ – und daher eben oft auch zu einer verstärkten Betonung von Vertrauensbeziehungen in der Familie. Vor der Antwort aber steht zunächst einmal die Frage: Was zählt im Leben? Insofern ist die Finanzkrise vor allem ein externer Schock, der Familien erschüttert und wachrüttelt, der ihr Gleichgewicht stört, sie aus dem Rhythmus bringt. Es ist, als käme die schnelldrehende Welt für einen Moment zum Stillstand, als hätte man plötzlich Zeit für Fragen, die man sonst beiseite schiebt – Zeit für eine kleine Inventur im Familien-Betrieb: Was ist aus ihm geworden? Was habe ich aus ihm gemacht?
Kurzum: Die Krise wirft Grundsatzfragen auf. Die nach der richtigen Unternehmensentscheidung, die nach der Karriere, die nach dem richtigen Partner; die nach dem Kinderwunsch – und vielleicht auch die nach einem Berufsleben, dem man alles untergeordnet hat. Der Ökonom Joseph Schumpeter hat beim Verfassen seines Hauptwerks schon 1942 gewusst, dass Kapitalismus bedeutet, das Thema Familie unter der Überschrift „Zersetzung“ abhandeln zu müssen. Und Max Horkheimer sah in der Familie geradezu einen Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaftsverfassung: Die Familie, so Horkheimer, führe weg von der „feindlichen Wirklichkeit“ – und hin „zur Ahnung eines besseren menschlichen Zustandes“.
* Name von der Redaktion geändert














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Alle Kommentare lesen20.06.2009, 17:56 UhrAnonymer Benutzer: pedro
Lese gerade die CDU, vertreten durch Angela Merkel, will die interessen der Arbeitnehmerschaft in Zukunft vertreten.
Ergo, dies ist in der Vergangenheit nicht geschehen.
Die SPD schaut auch nicht besser aus.
Von der FDP braucht man erst gar nicht zu reden, denn das man so eine Partei überhaupt Wählen kann ist mir ein Rätsel, außer man ist ein Turbokapitalist.
Vor den Roten hab ich Angst, obwohl die Recht haben, in dem was Sie sagen.
Ergo bleibt die Wahlverweigerung und die Familie als Rettung.
Es ist der Clan und das Herz das einem hilft wenn die Not einen trifft.
20.06.2009, 15:38 UhrAnonymer Benutzer: Hahaaa!
Falls Deutschland durch diese Krise nicht mehr Strom erzeugen kann, werden noch mehr Kinder im Land geben!!!
HAHAHAHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!
Gruss aus Russland!
19.06.2009, 21:25 UhrAnonymer Benutzer: Elisa
Die beispiele im Artikel zeigen Unternehmer und grosse und kleine Familienbetriebe.
Die Mehrheit der Arbeitnehmer lebt leider nicht so und kann z.b. in kleine Wohnungen nicht noch mehr Personen aufnehmen und/oder "durchfuettern"
Auch sehe ich es ich es wie "fragwuerdig" im vorhergehenden Kommentar, dassKreditvergabe und/oder buergschaften Familien und Freunden eher boeses blut schafft.
Zum Erwachsen sein, gehoert meines Erachtens, das man sich von der Famile finanziell unabhaengig mach.
Gegenseitige Hilfe z.b. babysitten, handwerkliche Taetigkeiten usw.
sind ja etwas anderes als finanzielle Hilfen.
Zu den USA beispielen waere noch hinzufuegen, da deshalb Familienhilfe oft nicht existent oder moeglich ist, da die Familien im schlimmsten Fall einige tausend Meilen voneinander entfernt leben und das oft aus Jobgruenden.
Dies fuehrt zu sehr vielen allein lebenden alten Menschen in irgendwelchen Siedlungen vereinsamen, die auf Auto und Transport angewiesen sind, um ueberhaupt ihre Grundbeduerfnisse (wie Lebensmittel) zu befriedigen.
Zwangszusammenlebende Scheidungskanditaten , sind doch keine
keine Familie sondern im besten Fall Zweckgemeinschaft, auch um z.b. die Krankenversicherung nicht zu verlieren.