_

Zufluchtstätte: Familie statt Krise

von Dieter Schnaas (Berlin), Katharina Koufen (Berlin), Michaela Hoffmann (Berlin), Jürgen Salz, Lothar Schnitzler, Harald Schumacher und Jens Tönnesmann

Krise, Kurzarbeit, Kündigungswelle – wenn es draußen stürmt, schreibt der Betrieb Familie als finanzieller Hort und als Produktionsstätte von emotionalem Komfort Rekordgewinne: In der Firma leistet die Verwandtschaft Kredit und Hilfe; zu Hause investiert man in Sofas, Flachbildschirme, Espressomaschinen.

80 Prozent aller Bundesbürger denken zuerst an die Familie, wenn sie Hilfe benötigen Quelle: Techniker Krankenkasse
80 Prozent aller Bundesbürger denken zuerst an die Familie, wenn sie Hilfe benötigen Quelle: Techniker Krankenkasse

Freitagvormittag kam die E-Mail des Betriebsrates; ab Montag sei mit Kündigungen zu rechnen. Freitagnachmittag stürmte Michael Gerster* das Büro des Personalchefs und hielt ihm einen Antrag auf Elterngeld vor die Nase. Es gab nicht viel zu überlegen. Seit acht Jahren arbeitet Gerster als Ingenieur bei einem Automobilzulieferer in Westdeutschland. Die Zeiten waren schon mal besser. Aber in jeder Krise steckt eine Chance. Also rechnete Gerster seine Ersparnisse zusammen und rief seine Frau an: „Könnte sein, dass ich nächste Woche gekündigt werde“, sagte er, und: „Was hältst du davon, wenn ich Elternzeit beantrage?“ Eva Gerster, im neunten Monat schwanger, war sofort einverstanden.

Anzeige

Krise, Kurzarbeit und Kündigungswelle finden seither ohne Gerster statt. Privat hingegen herrscht Sonderkonjunktur. Während die Kollegen im Büro um ihren Job zittern, schiebt Gerster sein Baby im Bugaboo durch den Park. Ein Jahr lang, ganz entspannt. Sein Kalkül: Die Rezession zu Hause aussitzen, sich wohl- und sicher fühlen im Kreis der Nächsten – und dabei dreifach fette Gewinne einstreichen: gesellschaftlich prämiert als moderner Vater, finanziell alimentiert vom Sozialstaat mit 1800 Euro im Monat und arbeitsrechtlich honoriert mit einem Rechtsanspruch auf Wiedereinstellung. In einem Jahr, rechnet Gerster, dürfte die Firma aus dem Gröbsten raus und das Thema betriebsbedingter Kündigungen vom Tisch sein. Und nicht nur das: Mit drei Sozialpunkten extra für den Filius hat er als fertil pausierender Alleinernährer zugleich für die nächste Krise vorgesorgt.

Familie gehört zu den wenigen Gewinnern der Krise

Ganz anders Peter Kenzelmann, ein junger, dynamischer Mann ohne Haupthaar, ein Ideenproduzent und Gründer, der sich im Hauptberuf als – nun ja: – „kreativer Impulsgeber“ versteht. Kenzelmann ist nicht der Typ, der in der Krise nach Umwegen sucht, sondern nach neuen Zielen. Family, Friends and Fools – Familie, Freunde und Verrückte sind für ihn die ersten Ansprechpartner auf der Suche nach Kapital. Besonders in Zeiten der Geldknappheit, wenn Investoren und Bankberater bei der Frage nach Krediten die Augenbrauen hochziehen.

Als Kenzelmann und sein Geschäftspartner Robert Rückel mit ihrem Businessplan für ein „DDR Museum“ in Berlin überall abblitzen und die beiden „nicht mal von den Bürgschaftsbanken“ unterstützt werden, ärgert sich Kenzelmann zwar, dass „angeschlagene Konzerne wie Opel vom Staat Milliardengarantien bekommen“. Dann aber klopft er sich die Enttäuschung aus den Kleidern – und überzeugt Verwandte und Freunde, ihm Kredit zu gewähren. Seine Eltern nehmen sogar eine Hypothek auf ihr Haus auf, um das Projekt mit mehr als 100.000 Euro unterstützen zu können. Mit Erfolg: Das neue Museum am Berliner Spreeufer erfreut sich hoher Besucherzahlen, trägt sich inzwischen selbst – und Kenzelmann hat das Geld nahezu komplett zurückgezahlt, „ganz ordentlich sogar, mit guter Verzinsung“.

Ob als ökonomische Gelegenheit oder emotionale Zufluchtsstätte, ob aus rationalwirtschaftlichem Kalkül oder leidenschaftlicher Verbundenheit – es spricht viel dafür, dass Familien zu den wenigen Gewinnern der Krise gehören. Wenn es draußen stürmt und herbstelt, schreibt der Betrieb Familie als Produktionsstätte von emotionalem Komfort, aber eben auch als finanzieller Hort und als Ressourcenschatz Rekordgewinne: In der Firma kehrt der Senior an den Schreibtisch zurück, erledigt die Frau des Handwerkers die Schreibarbeit, leistet der Onkel einen privaten Überbrückungskredit; in den eigenen vier Wänden wird die Sehnsucht nach privaten Frühlingsgefühlen und paarweiser Einträchtigkeit gestillt: Man schließt die Welt aus, dreht den Schlüssel um, investiert in Sofas, Flachbildschirme und Espressomaschinen. Es ist die Zeit, in der sogar die Möbelindustrie poetisch wird: „Der Mensch sucht, gerade in Krisenzeiten, eine verbindliche Orientierung“, dichtet Verbandshauptgeschäftsführer Dirk-Uwe Klaas, „eine soziale Identität, die sich aus der Relation zu anderen Individuen ergibt. Durch die Wohnungseinrichtung weiß der Mensch, wo er hingehört.“

Familien mit Kosten-Nutzen-Rechnungen

In die Familie nämlich. Der amerikanische Ökonom Gary Becker weist bereits seit den Siebzigerjahren darauf hin, dass man sich unter Familien vor allem Produzenten von Sicherheit und psychischem Wohlbefinden vorzustellen habe. Familien, so Becker, stellen hauswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnungen auf. Eltern zum Beispiel begreifen ihre Kinder als Humankapital, einerseits in Erwartung seelischer Zufriedenheit, andererseits in Erwartung einer ordentlichen Verzinsung, etwa in Form von Zuwendung oder von finanzieller Hilfe im Pflegefall. Kinder wiederum erwarten vom Unternehmen Familie Schenkungen, Aufbaukredite, Entlastung bei der Hausarbeit und großelterlich behütete Enkelzeit.

Läuft so ein Familienbetrieb rund, sagt der Bielefelder Familiensoziologe Martin Diewald, gehe es gestärkt in die Krise, durch die Krise – und aus der Krise hervor: Es verkraftet die nötige Versachlichung der Beziehungen in wirtschaftlich turbulenten Zeiten, kann umschalten auf die Re-Ökonomisierung der Familie zur kleinsten gesellschaftlichen Einheit, die sie bis zur Erfindung der romantischen Liebe vor 200 Jahren stets war, kann sich begreifen als Wirtschaftsverbund und Haftungseinheit fürs Leben, als Verpflichtung und Versprechen zugleich, als „informelles Versicherungssystem“, auf das im Schadensfalle zurückgegriffen werden kann.

* Name von der Redaktion geändert

10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.06.2009, 17:56 UhrAnonymer Benutzer: pedro

    Lese gerade die CDU, vertreten durch Angela Merkel, will die interessen der Arbeitnehmerschaft in Zukunft vertreten.
    Ergo, dies ist in der Vergangenheit nicht geschehen.
    Die SPD schaut auch nicht besser aus.
    Von der FDP braucht man erst gar nicht zu reden, denn das man so eine Partei überhaupt Wählen kann ist mir ein Rätsel, außer man ist ein Turbokapitalist.
    Vor den Roten hab ich Angst, obwohl die Recht haben, in dem was Sie sagen.
    Ergo bleibt die Wahlverweigerung und die Familie als Rettung.
    Es ist der Clan und das Herz das einem hilft wenn die Not einen trifft.

  • 20.06.2009, 15:38 UhrAnonymer Benutzer: Hahaaa!

    Falls Deutschland durch diese Krise nicht mehr Strom erzeugen kann, werden noch mehr Kinder im Land geben!!!

    HAHAHAHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!

    Gruss aus Russland!

  • 19.06.2009, 21:25 UhrAnonymer Benutzer: Elisa

    Die beispiele im Artikel zeigen Unternehmer und grosse und kleine Familienbetriebe.
    Die Mehrheit der Arbeitnehmer lebt leider nicht so und kann z.b. in kleine Wohnungen nicht noch mehr Personen aufnehmen und/oder "durchfuettern"

    Auch sehe ich es ich es wie "fragwuerdig" im vorhergehenden Kommentar, dassKreditvergabe und/oder buergschaften Familien und Freunden eher boeses blut schafft.
    Zum Erwachsen sein, gehoert meines Erachtens, das man sich von der Famile finanziell unabhaengig mach.
    Gegenseitige Hilfe z.b. babysitten, handwerkliche Taetigkeiten usw.
    sind ja etwas anderes als finanzielle Hilfen.

    Zu den USA beispielen waere noch hinzufuegen, da deshalb Familienhilfe oft nicht existent oder moeglich ist, da die Familien im schlimmsten Fall einige tausend Meilen voneinander entfernt leben und das oft aus Jobgruenden.
    Dies fuehrt zu sehr vielen allein lebenden alten Menschen in irgendwelchen Siedlungen vereinsamen, die auf Auto und Transport angewiesen sind, um ueberhaupt ihre Grundbeduerfnisse (wie Lebensmittel) zu befriedigen.

    Zwangszusammenlebende Scheidungskanditaten , sind doch keine
    keine Familie sondern im besten Fall Zweckgemeinschaft, auch um z.b. die Krankenversicherung nicht zu verlieren.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Alternativen gesucht
Alternativen gesucht

Der Euro wird mit jedem Tag mehr zum Verhängnis für Europa, wirtschaftlich wie politisch. Wann endlich werden...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.