Wirtschaft im Weitwinkel: Zentralbanken suchen nach Alternativstrategien

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kolumneWirtschaft im Weitwinkel: Zentralbanken suchen nach Alternativstrategien

Kolumne von Stefan Bielmeier

Die Leitzinsen der weltweit wichtigsten Zentralbanken sind allesamt nahe oder gar unter der Nullgrenze. Weil die negativen Effekte dieser Politik zunehmen, suchen sie nach strategischen Alternativen und Sondermaßnahmen.

Mit der Ausnahme der US-amerikanischen Notenbank haben in den vergangenen Monaten alle relevanten Notenbanken die Zinsen weiter gesenkt. Die Begründung war fast immer die gleiche: Schwaches Wachstum und eine Inflation, die unter dem Zielwert liegt. Hinzu kommen noch eine weltweite Investitionsschwäche sowie eine geringe Exportdynamik. Das sind die wichtigsten Gründe für das aktuell unterdurchschnittliche Wirtschaftswachstum.

Ein weiterer möglicher Grund für diesen anhaltenden Zustand könnte das merkliche Nachlassen des Globalisierungstrends sein. Das schwächt den Welthandel deutlich. Zusätzlich gibt es auch noch eine hohe Verunsicherung der Konsumenten und Unternehmen wegen des zunehmenden Terrors und eine Verbreitung von autoritären Regierungssystemen, die den Protektionismus eher fördern.

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Müssen wir auf Grund dieser Lage mit weiter fallenden Notenbankzinsen rechnen, die dann letztlich tief im negativen Bereich liegen? Nein, aus meiner Sicht nicht. Die Notenbanken können zwischenzeitlich aus den Erfahrungen der japanischen Notenbank und der Europäischen Zentralbank mit Negativzinsen ihre ersten Schlüsse ziehen. Die Analysen zeigen, dass die Nachteile dieser Geldpolitik überwiegen. Die negativen Effekte dieser  Zinspolitik nehmen mit der Zeit zu.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Stefan Bielmeier ist seit 2010 der Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 Genossenschaftsbanken. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Nachteile der Negativzinsen nehmen zu

Insbesondere die hohen Belastungen des für die Kreditschöpfung wichtigen Bankensektors sind die Folge sein. Überhaupt wird der Bankensektor durch diese Zinspolitik extrem gestresst. Die Banken sind jedoch weiterhin einer der wichtigsten Sektoren für das Funktionieren einer Volkswirtschaft. Entsprechend kann man die Notenbankzinsen nicht beliebig tief senken oder beliebig lange im negativen Bereich belassen.

Andererseits sehen die Notenbanken weiterhin die Notwendigkeit für eine anhaltend lockere Geldpolitik. Da weiter sinkende Zinsen mit zu hohen ökonomischen und gesellschaftlichen Kosten verbunden wären, dürften die Strategen der Notenbanken in Zukunft vorzugsweise auf außerordentliche Maßnahmen einsetzen, um Liquidität in die Märkte zu schleusen und damit das monetäre Umfeld noch weiter zu lockern.

Geldpolitik der EZB: Belastungen durch Niedrigzinsen

  • Sparbuch und Co

    In Deutschland beliebte Sparformen wie Tages- und Festgeld werfen kaum noch etwas ab. Die niedrige Inflation gleiche die negativen Effekte der niedrigen Zinsen allerdings aus, betont EZB-Präsident Mario Draghi. Derzeit liege die Verzinsung minus Inflation höher als im Durchschnitt der 1990er Jahre. „Zu der Zeit hatten Sie höhere Zinsen auf dem Sparbuch, aber zugleich meist Inflation, die weit darüber lag und alles auffraß“, sagte Draghi jüngst in einem Interview. Im Mai lagen die Verbraucherpreise in Deutschland nach vorläufigen Berechnungen gerade einmal um 0,1 Prozent über dem Vorjahresniveau.

    Stand: 07.06.2016

  • Strafzinsen und Bankgebühren

    Finanzinstitute müssen Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Für den durchschnittlichen Privatkunden sind Strafzinsen bislang kein Thema. Man werde „alles tun, um die privaten Sparer vor Negativzinsen zu schützen - in Teilen auch zu Lasten der eigenen Ertragslage“, sagte jüngst der Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon. Wenn die aktuelle Niedrigzinsphase aber lange andauere, würden die Sparkassen die Kunden letztlich nicht davor bewahren können. Zudem könnten Geldhäuser nach Angaben des Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, gezwungen sein, an der Gebührenschraube zu drehen: „Jeder muss in seiner Bank überlegen, wie er über Konditionen-Gestaltung gegen die Ertragsverluste anarbeitet, die ohne Zweifel da sind.“

  • Altersvorsorge

    Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die hohen Zusagen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die Folge: Die Verzinsung des Altersvorsorge-Klassikers sinkt seit geraumer Zeit. Auch Betriebsrenten leiden, Firmen müssen wegen der Zinsschmelze immer mehr Geld für die Pensionsverbindlichkeiten zurücklegen. Viele Unternehmen versprechen bei Neueinstellungen daher keine konkreten Leistungen mehr, sondern sagen lediglich zu, einen bestimmten Betrag pro Monat in Vorsorgekassen einzuzahlen. Das Zinsrisiko tragen die künftigen Pensionäre.

Eine einfache Ausweitung der Anleihekaufprogramme ist aber keine Lösung. Denn eine weitere Erkenntnis der Notenbanken scheint zu sein, dass die Wirksamkeit von Anleihekäufen mit zunehmender Dauer abnimmt. Zuletzt hatte die Bank of Japan, die bei außerordentlichen Maßnahmen unter den Zentralbanken am längsten und tiefsten in den Werkzeugkasten gegriffen hat, angekündigt, die Effektivität ihrer ergriffenen Maßnahmen auf den Prüfstand zu stellen. Dies deutet schon an, dass nach noch wirksameren Instrumenten gesucht wird, die dabei helfen sollen, die Inflation anzukurbeln.

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