Infektionsforscher Jörg Hacker: "Rückenwind im Kampf gegen Seuchen"

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InterviewInfektionsforscher Jörg Hacker: "Rückenwind im Kampf gegen Seuchen"

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Mikrobiologe Jörg Hacker hat das Thema Antibiotika-Resistenzen für den G7-Gipfel vorbereitet.

von Susanne Kutter

Auch das Thema Gesundheit stand beim G7-Gipfel auf der Tagesordnung. Welche Auswirkungen die Beschlüsse von Elmau für die Weltgesundheit haben werden.

WirtschaftsWoche: Professor Hacker, das Thema Gesundheit stand beim G7-Gipfel in Elmau auf der Tagesordnung, allerdings ziemlich weit hinten.

Hacker: Immerhin wurde es endlich einmal auf dem internationalem Parkett und bei dieser hochrangigen Versammlung der sieben weltweit bedeutendsten Staatschefs behandelt. Das ist an sich schon ein Erfolg. Das G7-Treffen hat zwar nur informellen Charakter, gibt aber dennoch Rückenwind im globalen Kampf gegen Seuchen. So sind im Zusammenhang mit Ebola sehr konkrete Beschlüsse gefasst worden, die Kompetenz der Weltgesundheitsorganisation WHO zu stärken und in 60 Staaten zum Beispiel in Westafrika die Gesundheitssysteme auszubauen.

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Zur Person

  • Jörg Hacker

    Jörg Hacker, 63, ist Mikrobiologe und seit 2010 Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina mit Sitz in Halle. Zuvor leitete er von 2008 bis 2010 das für den bundesdeutschen Seuchenschutz zuständige Robert-Koch-Institut in Berlin.

Das Problem der Antibiotika-Resistenzen, das weltweit jährlich 700.000 Todesopfer fordert, war den Wissenschaftsakademien der G7-Staaten besonders wichtig. Sie hatten das Thema für den Gipfel vorgeschlagen und vorbereitet. In der einundzwanzigseitigen Abschlusserklärung wird es in zwei gerade einmal 15 Zeilen langen Absätzen abgehandelt. Und in der Berichterstattung tauchte das Thema überhaupt nicht auf. Sind Sie enttäuscht?

Nein, ganz und gar nicht. Denn als Naturwissenschaftler freut es mich ebenso, dass der Gipfel so klare Aussagen zum Thema Klimaschutz erbracht hat. Und das, was in den 15 Zeilen zum Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen steht, ist zwar extrem gerafft, aber sehr gehaltvoll: Es ist ein klares Bekenntnis zu mehr Forschung – sowohl was die Vermeidung von Resistenzen angeht, als auch was neue Antibiotika, Tests oder Impfstoffe betrifft.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Und die Gipfelteilnehmer bekennen sich zum sogenannten „One Health“-Ansatz. Sie haben also erkannt, dass die Bereiche der menschlichen und tierischen Gesundheit sowie Landwirtschaft und Umwelt gemeinsam betrachtet werden müssen.

Also der massive Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung?

Ja, zum Beispiel.

Wirkungslose Antibiotika Gefährlicher Kampf gegen Killerkeime

Viele Pharmakonzerne haben die Antibiotikaforschung vernachlässigt. Die WHO kritisiert: Passiert nichts, müssten Ärzte bald wieder hilflos zusehen, wie Menschen an kleinsten Wundinfektionen sterben.

Quelle: Fotolia

In den USA ist der Einsatz dieser Medikamente als Mastbeschleuniger immer noch erlaubt. Hätte ein solcher Gipfel da nicht ein klares Signal setzen können und diesen Missbrauch endlich bannen können?

Manchmal muss man zwischen den Zeilen lesen. Im Abschlussbericht steht, dass die G7-Staaten eine fachgerechte Verwendung von Antibiotika fördern werden. Das ist zwar etwas verklausuliert, aber es beinhaltet selbstverständlich, dass diese lebensrettenden Medikamente sowohl in der Tierhaltung als auch beim Menschen nur dort eingesetzt werden, wo sie wirklich gebraucht werden. Nämlich um schwere bakterielle Infektionen zu stoppen. Da greifen nicht nur Tierärzte, sondern auch Humanmediziner weltweit – und gerade auch bei uns – noch viel zu schnell und unüberlegt zu Antibiotika, was Resistenzen fördert und diese Waffen stumpf werden lässt. Deshalb ist es ja auch dringend notwendig, neue, hochwirksame Antibiotika zu entwickeln und sie dann erst einmal nicht großflächig zu benutzen, sondern nur für Notfälle aufzuheben, also Infektionen mit Erregern, die gegen alle bisher verfügbaren Antibiotika resistent sind.

Virologe Christian Drosten "Der Körper wird ständig von Viren angegriffen"

Der Bonner Coronaviren-Spezialist Christian Drosten hält die Gefahr einer weltweiten Ausbreitung von Mers für sehr gering. Auch die Ansteckungs-Gefahren für Nahost-Reisende sei minimal. Ein paar Tipps hat er trotzdem.

Gerade in arabischen Ländern ist der Erreger von MERS verbreitet, Experte Drosten sieht aber keinen Grund zur Panik. Geschäftsreisende hätten kaum Gelegenheit sich anzustecken. Quelle: AP

Wer soll die Erforschung solcher Reserve-Antibiotika eigentlich bezahlen? Die Pharmaindustrie erwartet hier finanzielle Unterstützung von politischer Seite, weil das Ziel ja eben kein massenhafter, gewinnträchtiger Absatz ist. Hat der G7-Gipfel dazu etwas erbracht?

Natürlich müssen solche Absichtserklärungen auch materiell unterlegt werden. Ich denke aber, dass der finanzielle Aspekt nicht allentscheidend ist. Wichtig ist auch, dass sich Grundlagenforscher an öffentlichen Einrichtungen den Unternehmen gegenüber öffnen und auch die Zulassungsbehörden in solche Entwicklungen früh eingebunden sind.

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Davon steht aber kein Wort im Abschlussbericht.

Man darf von so einem Gipfel auch nicht zu viel erwarten. Ich bin sehr gespannt auf die für Herbst angekündigten Nachfolgetreffen der Forschungsminister und der Gesundheitsminister der G7-Staaten. Hier müssen die Pläne konkreter werden. Wichtig ist aber, dass die internationale Zusammenarbeit angeschoben ist. Denn Seuchen lassen sich heute nicht mehr regional bekämpfen, die Krankheitserreger reisen mit Menschen und Lebensmitteltransporten um die ganze Welt.

So wie jetzt das tödliche Atemwegs-Virus MERS?

Ja, genau. Das MERS-Virus ist eng verwandt mit dem SARS-Erreger, der uns Epidemiologen vor einigen Jahren schon einmal große Sorgen bereitet hat, weil wir einen weltweiten Seuchenzug, eine sogenannte Pandemie befürchteten. MERS war bisher recht begrenzt nur auf der arabischen Halbinsel verbreitet und schien sich nur über den Kontakt von infizierten Tieren wie Kamelen auf den Menschen ausbreiten zu können. Nun ist MERS in Korea aufgetaucht und scheint von Mensch zu Mensch zu springen. Das beunruhigt mich sehr. Es zeigt aber auch: Dass Krankheitserreger sich ausbreiten, verändern und anpassen liegt in der Natur der Sache. Wir müssen darauf vorbereitet sein und Strukturen schaffen, um solche Probleme global und gemeinsam zu lösen.

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