Schöpfung 2.0: Bis zum Designerbaby ist es nicht mehr weit

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Schöpfung 2.0: Bis zum Designerbaby ist es nicht mehr weit

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Seit Jahren klingt das Wort "Designerbaby" in den Ohren einiger Menschen wie eine Dystopie.

von Susanne Kutter

Ein neues Verfahren kann das Erbgut beliebig umschreiben. Es revolutioniert die Forschung, beschleunigt die Entwicklung von Medikamenten und lässt erste Forscher vom genoptimierten Menschen schwärmen.

Jeder kennt das: ständig Rückenschmerzen von den langen Stunden am Schreibtisch, ein paar Kilo zu viel auf den Hüften. So richtig können wir ja nichts dafür, meint George Church. „Wir sind schlecht angepasst an tagtägliches Sitzen und Berge von leckerem Essen“, verkündet der Biologe von der US-Eliteuniversität Harvard.

Der moderne Mensch ist ganz und gar nicht perfekt. Warum also nicht Schöpfung spielen und ihn mit ein paar heilsamen Genen tunen? Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir gleich das perfekte Designerbaby erschaffen, mit den passenden Erbanlagen geschützt vor Krebs, Diabetes und Mundgeruch. Oder dem Wunderkind stabilere Knochen bescheren und es weniger unter Schmerz leiden lassen. Die verantwortlichen Gene seien bekannt, sagt Church – und wirft bei Vorträgen gerne eine entsprechende Liste an die Wand.

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Die Erbanlagen müssten nur vor der Befruchtung in Ei- oder Samenzelle eingebaut werden – und würden dann an alle Nachkommen weitergegeben. Doch so ein Eingriff in die menschliche Keimbahn ist verboten; der Versuch, die Menschheit nach eigenen Ideen zu optimieren, spätestens seit dem Nazi-Rassenwahn geächtet.

Manchmal will der Forscher Gott spielen

Trotzdem: Harvard-Forscher Church ist kein Spinner. Im Gegenteil. Er ist einer der einflussreichsten Vordenker der Biologenzunft, hat ein gutes Dutzend Biotechnikfirmen gegründet und hält über 60 Patente. Doch manchmal geht der Visionär mit ihm durch. Dann will er Gott spielen.

Früher hätten ihn seine Fachkollegen ausgelacht. Doch jetzt hören sie ihm zu, sehr genau sogar. Denn Church hat Ende 2013 das Start-up Editas Medicine mitgegründet, das Patente für die Anwendung genau der Technik besitzt, mit der sich das Versprechen vom neuen, genoptimierten Menschen einlösen lässt. Crispr-Cas9 heißt das Verfahren etwas umständlich, das gerade nicht weniger als ein neues Zeitalter der Biotechnik einleitet. Mit seiner Hilfe ist es so einfach wie nie zuvor, Gene hochpräzise ein- oder auszuschalten, zu reparieren oder umzuschreiben. Bei Affen, den engsten Verwandten des Menschen im Tierreich, klappt das schon.

Diese Start-ups arbeiten an Crispr-Cas9

  • Start-Ups

    Vier junge Unternehmen arbeiten bereits daran, Anwendungen der neuen Technologie zu vermarkten. Emmanuelle Charpentier veröffentlichte die erste Arbeit über das Genwerkzeug Crispr-Cas9 im März 2011. Der französischen Mikrobiologin war klar: „Das hat Folgen für fast jedes Feld der biologischen Forschung, auch auf die Entwicklung neuer Therapien.“

    Welche vielversprechenden Start-ups Patente besitzen oder angemeldet haben.

  • Caribou Biosciences

    Start: 2011 in Berkeley, USA
    Strategie: Technikentwickler, setzt auf Tiermedizin sowie auf industrielle und grüne Gentechnik
    Gründerin: Jennifer Doudna, Biologin, hat mit Charpentier wichtige Arbeiten zu Crispr-Cas9 veröffentlicht
    Finanzierung: elf Millionen Dollar

  • Editas Medicine

    Start: Ende 2013 in Cambridge, USA
    Strategie: Therapien für genetisch bedingte Erkrankungen
    Gründer: Harvard-Genforscher George Church, Jennifer Doudna, Crispr-Forscher Feng Zhang vom Broad Institute in Cambridge
    Finanzierung: 43 Millionen Dollar

  • Crispr Therapeutics

    Start: April 2014 in Basel, Schweiz
    Strategie: Therapien für genetisch bedingte Erkrankungen
    Gründer: Emmanuelle Charpentier; Craig Mello, Nobelpreisträger aus den USA; Rodger Novak, Ex-Manager des Pharmakonzerns Sanofi
    Finanzierung: 25 Millionen Dollar

  • Intellia Therapeutics

    Start: Ende 2014, Cambridge, USA (Ausgründung aus Caribou)
    Strategie: Genetische Erkrankungen, Krebs-Gentherapie zusammen mit Pharmakonzern Novartis
    Gründer: Caribou-Chefin Rachel Haurwitz, Crispr-Forscher Rodolphe Barrangou
    Finanzierung: 15 Millionen Dollar

Dann sickerte in den vergangenen Wochen durch: Erste Forscher experimentieren bereits mit menschlichen Eizellen. Bis zum Designerbaby, aufgerüstet mit Genen, die klug, schön und gesund machen, scheint es nicht mehr weit zu sein.

Die Vorstellung schreckte die Wissenschaftlergemeinde gehörig auf. In parallelen Artikeln für die Top-Journale „Nature“ und Science“ forderten hochkarätige Forscher ein Moratorium, wenn es um Eingriffe in die menschliche Evolution geht. Auch Church gehörte zu den Unterzeichnern, wohl aus der Einsicht heraus, dass da gerade ein paar Dinge außer Kontrolle zu geraten drohen.

Eines hat der Harvard-Forscher auf jeden Fall erreicht: Schlagartig ist Crispr-Cas9 berühmt geworden. Das hätte die Methode aber auch ohne die aufgeregte Diskussion um die Schöpfung 2.0 verdient, denn die Anwendungsmöglichkeiten des Verfahrens sind enorm – und damit auch dessen wirtschaftliches Potenzial. Dabei ist die Methode so simpel wie elegant.

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