USA: Masernausbruch befeuert Impfhysterie

USA: Masernausbruch befeuert Impfhysterie

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Impfen hilft, Krankheiten wie die Masern auszurotten.

von Susanne Kutter

Seit in den USA die Zahl der an Masern Erkrankten allein in diesem Jahr bereits auf über 100 angestiegen ist, ist die Debatte über das Impfen voll entbrannt. Da werden wildeste Mythen wiederbelebt.

Im Dezember schlugen die Wellen erstmals hoch: In Disneyland, dem kalifornischen Familienfreizeitpark, hatten sich 42 Menschen mit Masern angesteckt. Seither breitet sich die Epidemie in Nordamerika aus. Allein im Januar registrierte die US-Seuchenschutzbehörde CDC 102 neue Erkrankungsfälle in insgesamt 14 Bundesstaaten. Und das in einem Land, das im Jahr 2000 erklärte, es habe die Viruserkrankung mit Hilfe der Masernimpfung komplett ausgerottet. Auch im kanadischen Toronto gibt es derzeit einen Masernausbruch.

Der Grund ist simpel: Nicht 100 Prozent der Nordamerikaner sind geimpft. Denn wie fast überall auf der Welt gibt es auch in USA und Kanada Menschen, die das Impfen ablehnen – aus religiösen Gründen, wie die Amish, oder aus weltanschaulichen Gründen, wie die Anthroposophen und Waldorfanhänger. Auch die Sorge, dass Impfungen mehr Schaden anrichten, als sie nutzen, treibt viele Eltern um. Gerade bei der Masernimpfung hält sich hartnäckig das Gerücht, sie verursache die Persönlichkeitsstörung Autismus.

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Fünf Mythen über das Impfen

  • Mythos 1

    "Risiken des Impfens werden unterschätzt"

    Natürlich können Impfungen Nebenwirkungen haben, auch Komplikationen können vorkommen - diese sind jedoch äußerst selten. Laut Gesundheitsministerium liegt die Zahl der anerkannten Impfschäden in Deutschland bei durchschnittlich 34 pro Jahr - bei rund 50 Millionen Impfungen. Zum Vergleich: Die Gefahr, an den Masern zu sterben, ist viel höher. Einer von 10.000 Infizierten überlebt die Krankheit nicht.

  • Mythos 2

    "Impfungen sind schuld an Allergien"

    Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für einen Zusammenhang zwischen Allergien und Impfungen. Gegen den Mythos spricht auch eine innerdeutsche Beobachtung: In der DDR bestand Impfpflicht, und hier gab es kaum Allergien.

  • Mythos 3

    "Impfungen lösen Autismus und Multiple Sklerose aus"

    Auch für diesen oft bemühten Zusammenhang gibt es laut Paul-Ehrlich-Institut keine Beweise. Studien, die eine solche Verbindung angeblich aufdeckten, sorgten zwar für viel Wirbel, hatten aber gravierende methodische Mängel. Bei einer wurde später sogar bekannt, dass sie von Anwälten von Eltern autistischer Kinder finanziert wurde, die sie bei Klagen gegen einen Impfstoff-Hersteller vertraten.

  • Mythos 4

    "Krankheiten zu überstehen, stärkt den Körper"

    Gerade in anthroposophischen Kreisen gilt es als "stärkend und reinigend", den Körper eine Krankheit durchleben zu lassen. Auch dafür gibt es aber keinerlei wissenschaftliche Belege. Wer eine Infektionskrankheit übersteht, ist anschließend lediglich immun gegen diesen einen Erreger. Und: Neue Studien liefern Belege dafür, dass etwa eine Masern-Infektion zu einer monatelangen Schwächung des Immunsystems führt.

  • Mythos 5

    "Impfpflicht grenzt an Körperverletzung"

    Eine staatlich verordnete Impfpflicht ist rechtlich heikel. Zwar konnten so bis zum Jahr 1979 die Pocken ausgerottet werden. Doch in Deutschland schützt heute das Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit - damit hat jeder auch ein Recht darauf, sich nicht impfen zu lassen. Die tief verwurzelte Angst vor einer Impfpflicht rührt auch aus der Zeit der Pocken, denn der damals verwendete Impfstoff für die Zwangsimmunisierungen war alles andere als gut verträglich.

Die meisten dieser Befürchtungen sind entweder völlig haltlos oder zumindest nicht zu belegen, wie die WirtschaftsWoche im Herbst 2013 recherchierte, als in Deutschland eine ähnliche Masernepidemie – ausgehend von einer Waldorfschule in der Nähe von Köln – ausbrach: Vielfach handelt es sich um reine Mythen rund ums Impfen – daran hat sich bis heute nichts geändert.

Tatsächlich haben Impfungen jedoch – wie nahezu alle Medikamente – auch Nebenwirkungen. In der Nutzen-Risiko-Abwägung schneiden sie deshalb heute vielfach schlechter ab als die Arzneimittel. Denn während Menschen Pillen schlucken, wenn es ihnen schlecht geht und sie dann auf Heilung hoffen, ist es beim Impfen genau anders herum: Obwohl der Impfling kerngesund ist, muss er das Risiko eingehen, dass es ihm nach der Impfung schlechter geht als zuvor.

Das Fatale daran: Gerade weil die meisten schweren Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Wundstarrkrampf oder Kinderlähmung aufgrund von jahrelangen erfolgreichen Impfkampagnen so selten geworden sind, ist den meisten Menschen heute kaum noch bewusst, vor welchem Leid sie sich und ihre Kinder mit Impfungen bewahren. Es fehlt der abschreckende Anschauungsunterricht.

Gerade bei den Masern denken viele Menschen inzwischen, es handle sich um eine völlig harmlose Kinderkrankheit. Doch das ist eine groteske Fehleinschätzung: Masern rufen in 20 bis 30 Prozent der Fälle schwerste Begleiterkrankungen hervor und können "vor allem bei sehr kleinen Kindern auch tödlich enden", sagt der Freiburger Virologe Hartmut Hengel – heute, wie auch im Herbst 2013, als er der WirtschaftsWoche dieses Interview gab: „Auch bei Erwachsenen haben Masern oft einen sehr schweren Krankheitsverlauf.“

Damals wie heute ereifert Hengel sich über Eltern, die Ihren Kindern zumuten, jede Krankheit selbst zu durchleben, weil sie davon ausgehen, dass Ihr Körper daran reift und wächst. Dafür gebe es keinerlei wissenschaftlichen Belege. Bei einer gefährlichen Infektionskrankheit wie den Masern sei das purer Darwinismus, wettert Hengel. Wer sich mit den Masern infiziere – und es ohne Schaden überlebe – der sei nicht gestärkt oder gereinigt, sondern lediglich immun gegen eine weitere Maserninfektion.

Und Hengel zitiert neue Studien, die das Gegenteil einer Stärkung belegen: „Masern führen zu einer monatelang nachweisbaren Schwächung des Immunsystems.“

In Nordamerika schlagen derweil in Elternforen und sozialen Medien wie Twitter die Wogen hoch. Da sprechen Eltern davon, die Kinder von Impfgegnern zu kidnappen und ihnen eigenhändig eine Impfung zu verpassen. Andere drohen sogar, jeden Impfgegner zu massakrieren, wenn das eigene Kind an Masern erkranke. Denn, so ein weiteres Argument: Die Anti-Impf-Eltern seien die Seuche, die ausgerottet werden müsste.

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So unsachlich die Debatte in der Elternschaft geführt wird, so emotional gehen auch die US-Politiker mit dem Thema um. Einige diskutieren nun darüber, ob eine Art Impflicht eingeführt werden soll. Andere halten dagegen, dass die Eltern in jedem Fall die freie Entscheidung darüber haben müssten, ob sie Ihre Kinder impfen lassen.

Auch in Deutschland hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) damit gedroht, eine Impfpflicht für die Masern einzuführen. Denn 2013 war die Zahl der Masernfälle in Deutschland von 165 im Vorjahr auf 1771 hochgeschnellt – nicht nur in der Nähe von Köln. Auch in Bayern und Berlin gab es damals große Epidemien. Passiert ist jedoch herzlich wenig.

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