Blumenhandel: Vormacht von Holland im Rosen-Geschäft gerät ins Wanken

14. Februar 2007
Blumengroßmarkt in Hamburg: Zunächst landen die Luxusblüten oft im Auktionssaal von Aalsmeer,  dpaBild vergrößern
Blumengroßmarkt in Hamburg: Zunächst landen die Luxusblüten oft im Auktionssaal von Aalsmeer, Foto: dpa
von Noch Fragen? peter.steinkirchner@wiwo.de, alexander busch (São Paulo) und stefan biskamp

Am Valentinstag spitzt sich der Kampf um das Milliardengeschäft mit Rosen zu. Südamerika und Afrika machen Holland die Vormacht streitig.

Morgens um sechs beginnt das Hubwagen-Ballett. Auf Hunderten orangefarbener Elektrokarren flitzen grün beschürzte Männer und Frauen durch riesige Hallen. Auf bis zu sieben Anhängern ziehen sie Berge von Blumen hinter sich her: Rote, gelbe, blaue, Rosen, Tulpen, Chrysanthemen, ein einziges florales Flirren, Gänge rauf, Gänge runter, wie auf dem Rollfeld eines wild gewordenen Flughafens. Beinahe prallen zwei Wagen zusammen – doch nichts passiert. Wie ferngesteuert, ohne die Miene zu verziehen, lenken die Mitarbeiter des weltgrößten Blumenauktionshauses im holländischen Aalsmeer ihre Fahrzeuge zentimetergenau durch die Rushhour der Pflanzenwelt. Ihr Job: Sie bringen die Blumen in die Auktionssäle, holen die verkaufte Ware ab und verteilen sie innerhalb kürzester Zeit auf 300 Exporteure, die von hier aus, 15 Kilometer entfernt vom Amsterdamer Flughafen Schiphol, ihre Kunden in aller Welt versorgen. Herman Kortekaas, der den Besucher mit einem Elektromobil durch das organisierte Chaos kutschiert, grinst: „Das ist doch noch gar nichts: Je näher der Valentinstag rückt, umso schwerer ist hier das Durchkommen.“ Er lenkt sein Fahrzeug eine steile Rampe hinauf, die in den ersten Stock des gewaltigen Komplexes führt. Bei zwei Grad Celsius lagern hier für wenige Stunden in einem Raum von der Größe von gut vier Fußballfeldern die Königinnen der Blumenwelt. Aus Israel, Ecuador, Kenia, Äthiopien und den Niederlanden reisten die Rosen hierher. Hier warten sie bis zu ihrem Auftritt im Auktionssaal – Tausende Rosen, in Eimer gepfercht zu 80er- und 100er-Trupps. Noch ist die Rosenhalle nicht ganz gefüllt, viele Lücken klaffen zwischen den Rollwagen. Doch mit jedem Tag, den der Valentinstag, der 14. Februar, näher kommt, wird es enger im Kühlraum. Valentin ist der Großkampftag der Blumenbranche. Verliebte in der ganzen Welt verschenken Milliarden von Blumen – in der Hauptsache rote Rosen. Weltweit geben Blumenfreunde pro Jahr mehr als 30 Milliarden Euro für frische Blühware aus, 3,4 Milliarden Euro davon allein die Deutschen. Ein Drittel des Umsatzes entfällt auf Rosen – vor dem V-Day wird Aalsmeer mit ihnen daher regelrecht überschwemmt: Rund 80 Millionen Stängel, mehr als doppelt so viele wie in normalen Wochen, rauschen dann binnen knapp 170 Stunden auf der einen Seite ins weltgrößte kommerziell genutzte Gebäude hinein und auf der anderen Seite wieder raus – insgesamt mehr als eine Milliarde Rosen sind es in einem Jahr. Eine gewaltige Zahl und zugleich ein Zeichen für die Veränderungen, die derzeit die Branche aufmischen. War es jahrzehntelang vor allem Deutschlands flaches Nachbarland, das die Welt mit Tulpen und Tagetes versorgte, kann die holländische Blumenindustrie längst nicht mehr alle Konsumenten zwischen Sibirien und Feuerland versorgen. Die Kosten für Energie und Personal sind hoch im Reich von Königin Beatrix. Andere Länder produzieren billiger.

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Parallel zum weltweiten Aufstieg des eigentlich angelsächsischen Valentinstages entstand seit Beginn der Neunzigerjahre Kenias Rosenindustrie; Äthiopien, Kolumbien und Ecuador nutzen ihre Höhenlagen, um die begehrten Rosen mit langen Stielen und dicken Blüten zu züchten; auf lange Sicht drängen auch China und Russland aufs Feld von Dünger und Dornen. Jüngst stiegen Jordanien und Saudi Arabien und selbst der Iran in das Geschäft ein. Gleichzeitig entstehen neue Handelszentren; unterstützt von der Fluggesellschaft Emirates ist Dubai mit seinem Flower Center als Scharnier in der weltweiten Distributionskette auf dem Weg zur Blumengroßmacht. „Dubai wird weltweit Warenströme umlenken, da wird in Zukunft vieles an Holland vorbeifließen“, sagt Henning Moeller, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Blumengroß- und Importhandels. Und Jacques Teelen, Geschäftsführer beim größten holländischen Auktionsunternehmen Flora Holland, sagt: „Die Position der niederländischen Zierpflanzenzucht wird von der weltweiten Produktions-, Handels-, Logistik- und IT-Entwicklung unter Druck gesetzt – dies alles greift unsere weltweite Position an.“ Damit schwindet die Vormachtstellung der Niederländer. Noch stehen sie für 60 Prozent des gesamten Handels mit Schnittblumen. Doch wie lange noch? Der Cayambe-Vulkan thront als schneebedeckter Sechstausender im Hintergrund. Auf den Märkten der gleichnamigen ecuadorianischen Provinzhauptstadt verkaufen Indios Kartoffeln und Käse. Trotz der Äquatorlage herrschen in der Höhenluft der Anden das ganze Jahr über frühlingshafte Temperaturen. Vor den Toren der Stadt ist nur noch wenig von der Bergidylle zu spüren. Wo vor 20 Jahren noch Rinder weideten, reihen sich heute Plantagen aneinander. Das Hochtal ist über und über mit weißen Plastikfolien bespannt. Unter den Planen, vor dem Licht der hochstehenden Sonne geschützt, wächst hier der Rohstoff für eine globale Industrie: Schnittblumen, vor allem Rosen. Die dicht an dicht gepflanzten Rosenstecklinge auf den Plantagen haben den größten Teil ihrer Entwicklungskarriere bereits hinter sich, ehe sie in 90 Tagen zur volle Blüten heranwachsen. Zum Beispiel das Modell „Freedom“, eine langstielige Rose mit tiefroten Blüten. Sie ist in den Anden die am meisten angebaute Sorte. Gezüchtet wurde sie von Rosenwelt Tantau nördlich von Hamburg, einem der Marktführer unter den Rosenzüchtern weltweit. Tantau meldete die „Freedom“ vor sieben Jahren zunächst unter dem Namen „Bloody Mary“ – nach dem bekannten Tomaten-Wodka-Cocktail – beim Sortenschutz an. Der knappe Steckbrief: „Stängellänge 70 bis 90 Zentimeter, sehr große Blüten, gute Vasenlebenszeit.“ Die Agrartechniker bewiesen eine glückliche Hand: „Bloody Mary“ gedeiht perfekt im Andenklima. Sie ist produktiv und weitgehend resistent gegen Krankheiten. „Wenn der Falsche Mehltau bei einem ecuadorianischen Händler kurz vorm Valentinstag zuschlägt, dann kann er seinen Betrieb dichtmachen“, sagt Georg Wieners, Auslandschef bei Tantau.

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