Fracking auf dem Rückzug: Wie Amerikas Traum vom Ölreichtum zerplatzt

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Fracking auf dem Rückzug: Wie Amerikas Traum vom Ölreichtum zerplatzt

von Martin Seiwert

Dank neuer Technik wurden die USA im vergangenen Jahr zum größten Ölförderland der Welt. Seitdem der Ölpreis auf Tiefstwerten verharrt, lohnen sich immer weniger der Bohrprojekte. Investoren und Industrie bangen um ihren Einsatz. Eine Reise zu Menschen, die vom großen Boom träumten – und nun die Krise fürchten.

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In Ländern wie den USA oder Russland lohnt sich die Ölförderung in weiten Teilen nicht mehr, seit sich der Ölpreis halbiert hat

Wenn Bernell McGehee bis ganz ans Ende eines Waldweges gefahren ist, seinen braunen Geländewagen abgestellt hat und auf die offene Lichtung tritt, dann sieht er sie: die Erfüllung seines Traums. Beziehungsweise das, was er bisher dafür hielt.

Auf 70 Metern ragt ein Ölbohrturm in den Himmel, umringt von Lastwagen, Treibstofftanks, Wohncontainern und Baumaschinen. Hier ist McGehee in seinem Element. „Die Leute von der Erschließungsfirma haben senkrecht in den Schiefer gebohrt“, erklärt er, und seine Hand schraubt sich von oben nach unten durch die Luft, hält inne und schraubt waagerecht weiter: „Jetzt bohren sie horizontal.“ Mit dem Finger malt er zwei Linien in die Staubschicht auf der Heckscheibe. „Dann pressen sie Wasser in die beiden Bohrlöcher und sprengen das Gestein. Bumm.“

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McGehee spreizt die Finger. „Dann kommt das Öl raus, bestes Louisiana Light Sweet. Diese Ölsorte ist so hochwertig, die können Sie direkt in den Tank Ihres Diesel füllen.“ Und nicht nur dem Tank tut dieses Öl Gutes. Sondern auch McGehees Konto. Der 700-Seelen-Gemeinde Liberty, in der er lebt. Dem ganzen Bundesstaat Mississippi. Das dachten sie hier, im Süden der Vereinigten Staaten, in den vergangenen Jahren jedenfalls; als die Ölpreise hoch waren und die Leute glaubten, aus unkonventionellen Quellen gewonnenes Öl bereite die Basis für eine neue Ära des Wohlstandes.

Nun aber sieht es hier, auf McGehees Lichtung, so aus: „Trinidad Rig Number125“ ist einer von neun Bohrtürmen in der Gegend. An zwei Türmen wird noch gearbeitet, der Rest ist stillgelegt. „In drei Monaten“, sagt McGehee, der als Buchhalter in Liberty arbeitet, „wird hier wahrscheinlich überhaupt nicht mehr gebohrt.“

Es wäre ein jähes Ende für den Fracking-Ölboom, der noch vor Kurzem Bevölkerung und Politik in Mississippi in Atem hielt und fünf Ölfirmen mit Tausenden von Arbeitern anlockte. Wer wie McGehee hier Land besitzt, sah sich schon als Ölbaron. Andere hofften auf das schnelle Geld als Vermieter, Handwerker, Restaurantbesitzer – oder Hotelier. Noch bevor der erste Tropfen Öl auf dem Land der Kommune gefördert wurde, überwiesen Ölfirmen 30 Millionen Euro für die Förderrechte.

Quelle 80 ist die Letzte

Nun aber, nachdem insgesamt 80 Quellen gebohrt wurden, ist Schluss. Schuld daran sind – da sind sich die Bewohner von Liberty einig – die Scheichs im fernen Saudi-Arabien. Sie fluten den Weltmarkt mit Öl, das dieser Tage statt weit über 100 Dollar pro Barrel, wie noch im vergangenen Herbst, um die 50 Dollar kostet. Mindestens 75 aber bräuchten die Förderer. Sinkt der Preis tiefer, übersteigen die Produktionskosten den Ertrag, und die Fracking-Firmen werden nervös. Sie frieren Investitionen ein, verzichten auf Bohrungen, warten auf bessere Zeiten oder ziehen ganz ab. Das Fracking-Märchen würde dann enden.

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Pipeline Quelle: AP

Liberty, das bislang nur als Schlachtfeld im amerikanischen Bürgerkrieg, als Tatort zweier Morde an Schwarzen während der Bürgerrechtsbewegung und als vorübergehender Wohnort der jüngeren Schwester von Popstar Britney Spears öffentlich in Erscheinung getreten war, wollte das Drehkreuz für die Erschließung eines der wichtigsten Ölfelder der USA werden. Tuscaloosa Marine Shale heißt das Ölvorkommen. Sieben Milliarden Barrel förderbares Öl lagern hier in über 3000 Meter Tiefe, eingeschlossen in 90 Millionen Jahre altes Schiefergestein.

Und damit ist auch schon ein Problem beschrieben: Während die Saudis ihr Öl einfach aus dem Boden pumpen können, knacken die Amerikaner ihre Schieferölvorkommen nur, wenn sie das Gestein anbohren und aufsprengen. Dieses Fracking ist nicht nur mitunter riskant für die Umwelt – es ist auch teuer. Angesichts der bis vergangenen Herbst gestiegenen Ölpreise war das kein Problem. Das Schieferöl katapultierte die USA im vergangenen Jahr an die Spitze der Öl produzierenden Länder. Mit elf Millionen Barrel pro Tag zogen die USA laut Bank of America an Russland und Saudi-Arabien vorbei.

Auch am Tuscaloosa Marine Shale könnte Fracking zum Multimilliarden-Business werden: Sieben Milliarden Barrel im Boden, multipliziert mit einem Verkaufspreis von 100 Dollar pro Barrel, macht 700 Milliarden Dollar. Theoretisch.

Praktisch versiegen Öl und Geld, wenn der Barrel-Preis 75 Dollar unterschreitet. Das wissen auch die Ölscheichs im fernen Saudi-Arabien. Sie können auch für unter 75 Dollar immer noch etwas am Barrel Öl verdienen – und sehen derzeit deswegen offenbar keinen Anlass, durch eine Drosselung der Fördermenge den weltweiten Ölpreis wieder in die Höhe zu treiben. Zumindest nicht in jene Höhen, auf denen sich das Fracking auf Ölfeldern wie jenem von Bernell McGehee wieder wirklich rentieren würde. Und so ist Liberty nun wieder das verschlafene Nest, das es vor dem kleinen Ölrausch immer war.

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