Endstation Discounter: Von der Arbeiterstadt zur Trump-Hochburg

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Endstation Discounter: Aldi profitiert vom Niedergang des ländlichen Amerikas

Von der Arbeiterstadt zur Trump-Hochburg

Zwar liegt die Arbeitslosenquote in Ottumwa mit 4,2 Prozent ziemlich genau im US-Durchschnitt und nur knapp über dem Mittelwert des Bundesstaates Iowa (3,1 Prozent). Doch viele Menschen in der Region können von ihrer Arbeit kaum leben. Das Durchschnittseinkommen in der Gemeinde liegt bei 38 570 US-Dollar – unverändert zu 2012 und weit weniger als im Landesmittel von rund 51 800 Dollar. Wapello County, der Landkreis, in dem Ottumwa liegt, ist damit der ärmste Bezirk des ländlichen Bundesstaates. Im Gleichschritt mit der Armut wächst der Frust. Südostiowa ist heute eine Hochburg der Trump-Anhänger. Bei der Präsidentschaftswahl im November wählten ihn 58,1 Prozent der Bürger im Wapello County. „Wir sind über Jahrzehnte eine Hochburg der Demokraten gewesen“, sagt Lazio. „Die Menschen hier sind freundlich, das Gemeinschaftsgefühl ist groß“, lobt Lazio. Doch immer mehr Menschen hätten das Gefühl, dass es so nicht weitergehen könne.

Edward Keller fährt in einem schwarzen zerbeulten Pick-up auf den Parkplatz von Aldi vor. Der ehemalige Soldat schlägt sich heute als Saisonarbeiter durch. Mal hilft er auf den weiten Maisfeldern Iowas mit, mal bei Umzügen. Natürlich habe er für Trump gestimmt. „Schlimmer konnte es ja nicht mehr werden.“ Einmal die Woche kauft der bullige Mann mit den tätowierten Armen und dem braunen ärmellosen Shirt bei Aldi ein. Weil es nicht anders geht. „Keiner kauft gerne hier ein“, sagt Keller. Das Shoppen mache woanders mehr Spaß, die Auswahl sei überschaubar, die Produkte „lieblos verpackt“. „Aber der Laden ist der billigste weit und breit.“ Der Afghanistan-Veteran greift bei Chips, Ketchup, Toilettenpapier und den Zwei-Liter-Colaflaschen zu. Nur beim Fleisch zögert er. „Das können andere besser.“ 35 Kilometer wohnt Keller von der Aldi-Filiale entfernt. Aber in einem Land, in dem Kraftstoffe billig und Lebensmittel teuer sind, lohnt sich für immer mehr Menschen die weite Fahrt.

Wie erfolgreich die Deutschen vor Ort wirtschaften, bleibt ihr Geheimnis. Zu Zahlen- und Kundenverhalten gebe man keine Auskunft, heißt es. Die Kassiererin bestätigt den Eindruck, dass Aldi einer der großen Profiteure der Krisenstimmung ist. „Es kommen mehr Kunden als noch vor ein paar Jahren – und sie kaufen mehr“, sagt die Angestellte.

Aldi hält sich aus allem raus

Tatsächlich war es wohl vor allem die Immobilienkrise, die dem Discounter zum Durchbruch verholfen hat. Als Tausende Jobs wegfielen und auch bei Familien aus der Mittelschicht das Geld knapp wurde, sank die Hemmschwelle, die vermeintlichen Arme-Leute-Läden zu betreten. Die Wirtschaftskrise habe zu „überzeugenden Erstkontakten“ geführt, sagt Boris Planer, Discountexperte bei Planet Retail. Nach seinen Daten wuchsen Aldis US-Umsätze im Jahr 2006 um 4,8 Prozent. 2007 waren es dann 10,7 Prozent, 2008 gar 18 Prozent. Seither sei Aldi in jedem Jahr gewachsen, die Krisenumsätze seien „nicht mehr abgewandert“, sagt Planer. Bis 2022 dürften die US-Umsätze auf umgerechnet mehr als 22 Milliarden Euro steigen, so Planer. Schließlich eröffnet Aldi derzeit wie am Fließband neue Filialen und modernisiert die alten.

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Lidls Markteintritt in den USA ist eine Kampfansage an Walmart und Aldi. Quelle: dpa

In Ottumwa ist davon noch nichts angekommen. Bürgermeister Lazio ist zwar „froh, dass Aldi in der Stadt ist“. Doch als Hoffnungsträger für das Zentrum um die heruntergekommene Main Street taugen die Deutschen nicht. Zum öffentlichen Leben trägt der Discounter nichts bei; auch als Anziehungspunkt für die Einzelhändler in der Stadt fällt der Discounter aus. War der ursprüngliche Aldi-Markt noch auf der nördlichen Seite des Des Moines River gelegen, unweit von Edd The Florist, Rathaus und Main Street, sind die Deutschen inzwischen auf die andere Flussseite gewechselt, ins Gewerbegebiet. „Es sind zwar nur wenige Autominuten, aber es gelingt uns nicht, auswärtige Kunden von dort, in den Stadtkern zu lotsen“, sagt Lazio. Geld vom Land und aus Washington, mit dem die Fassaden der Läden renoviert werden, sollen das ändern, Jungunternehmer mit günstigen Mieten gelockt werden. So ist bereits ein erstes Vorzeigeprojekt entstanden: Market on Main, ein zweigeschossiges Veranstaltungshaus mit hohen Decken und weiter Fensterfront. Es gibt eine Bühne für Musiker und Darsteller, ein Café mit Sitzsäcken und Lounge-Möbeln. Vor Kurzem veranstaltete die Stadt rund um das bunte Eckhaus ein Donnerstagnacht-Shopping. „Der Andrang war riesig“, berichtet Tom Lazio stolz. Die Main Street war für einen Tag ähnlich gut besucht wie auf den historischen Bildern im Imagekatalog. An den anderen 364 Tagen im Jahr aber bleibt der Alltag trist in Ottumwa – und das ist ganz im Sinne von Aldi.

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