Dieselskandal: Bosch wusste um die illegalen Umtriebe

KommentarDieselskandal: Bosch wusste um die illegalen Umtriebe

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Dunkle Wolken ziehen über die Bosch-Konzernzentrale.

von Martin Seiwert

Bosch gerät noch stärker in Erklärungsnot. Interne Dokumente legen nahe, dass der weltgrößte Anbieter von Kfz-Dieseltechnik vom VW-Betrug wusste. Für den Bosch-Chef dürfte das Konsequenzen haben.

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. So einfach ist es wohl mit Bosch und dem VW-Dieselskandal. Dass der weltgrößte Anbieter von Kfz-Dieseltechnik von den in der Autobranche weit verbreiteten, legalen wie illegalen Abgastricks nichts mitbekam, ist praktisch ausgeschlossen. Wären die Boschler über ein Jahrzehnt lang derart blind durch die Autoindustrie gestolpert, wären sie wohl kaum so erfolgreich gewesen.

Die Struktur von Bosch

  • Robert Bosch GmbH

    Die Robert Bosch GmbH wurde 1886 gegründet. Heute ist sie mit 375.000 Mitarbeitern weltweit und einem Stammkapital von 1,2 Milliarden Euro eine der größten GmbHs Deutschlands. Als GmbH unterliegt Bosch anderen Bestimmungen als große Teile der Konkurrenz, die eine Aktiengesellschaft sind. Wie Bosch organisiert ist.

  • Familie Bosch

    Beteiligung: 8 Prozent
    Stimmen: 7 Prozent

    Die Nachfahren von Robert Bosch halten nur einen relativ kleinen Teil am Unternehmen und haben noch weniger Stimmrechte.

  • Robert Bosch Industrietreuhand KG

    Beteiligung: 0,01 Prozent
    Stimmen: 93 Prozent

    Die Industrietreuhand KG ist so etwas wie die stille Macht im Hintergrund von Bosch. Sie lenkt den Industriekonzern stärker als etwa ein Aufsichtsrat bei einer AG. Mitglieder der Kommanditgesellschaft sind aktive und ehemalige Mitglieder der Geschäftsleitung, Vertreter der Familie Bosch und Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens.

  • Robert Bosch Stiftung GmbH

    Beteiligung: 92 Prozent
    Stimmen: - Prozent

    Die gemeinnützige Stiftung hält den Großteil der Robert Bosch GmbH, hat aber keine Stimmen. An die Stiftung fließt ein Teil der Unternehmensgewinne, der Rest bleibt in der GmbH. Die Stiftung fördert Projekte in den Bereichen Gesundheit, Wissenschaft, Gesellschaft, Bildung, Völkerverständigung Amerika und Asien sowie Völkerverständigung Europa und seine Nachbarn. In Stuttgart betreibt die Stiftung unter anderem das Robert-Bosch-Krankenhaus und zwei weitere Einrichtungen.

Bosch musste wissen, was lief, denn Bosch-Produkte – die Hardware und Software der Motorsteuerung – waren die technische Basis des VW-Betrugs. US-Generalsstaatsanwälte haben herausgefunden, dass Volkswagen insgesamt sechs Generationen von Betrugssoftware entwickelte. Das, wie wir heute wissen, wäre ohne Bosch undenkbar gewesen. Die WirtschaftsWoche hatte bereits in seiner Titelgeschichte vom 26. August Boschs Verwicklung in den VW-Abgasskandal nachgezeichnet.

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Ein Zulieferer muss exakt wissen, was der Kunde mit seinen Produkten vorhat, wo er sie einsetzt und wie sie sich schließlich in der tatsächlichen, millionenfachen Nutzung bewähren. So wie Microsoft auch wissen muss, welche PC-Hersteller das Betriebssystem Windows einsetzen und wie gut es auf den Rechnern funktioniert. Wenn Bosch wusste, dass VW millionenfach betrügt, ist das schlimm. Wenn der Betrug dem Zulieferer wirklich entgangen wäre, würde er nichts von seinem Handwerk verstehen. Das wäre fast noch schlimmer. So befindet Bosch heute argumentativ in der Zwickmühle.

PremiumHeikle Daten Welche Rolle spielt Bosch im Abgasskandal?

Bosch steckt als Lieferant der Motorsteuerung mit im VW-Abgasskandal. Bislang blieb es aber ruhig um Bosch. Bis jetzt: Bei einem Datenraub wurden Informationen entwendet, die Bosch zum Verhängnis werden könnten.

Bosch-Chef Volkmar Denner Quelle: dpa

Der größte Autozulieferer der Welt wusste um die illegalen Umtriebe und hat deshalb wohl auch, wie die neuste Klageschrift amerikanischer Star-Anwälte nahelegt, versucht, sich gegen spätere Schadenersatzforderungen rechtlich abzusichern. VW hat da, völlig zu Recht, nicht mitgespielt. Denn Bosch hat eine Software verkauft, die der Kunde VW offenbar ohne Zustimmung von Bosch gar nicht wesentlich verändern konnte. Wer so viel Kontrolle will, kann sich nicht nachträglich aus der Verantwortung stehlen.

Über die Distanzierungsversuche der Boschler – auch den von Bosch-Chef Volkmar Denner nach dem Auffliegen des Dieselgates („Es geht nicht um das Fehlverhalten einer Technologie, sondern es geht um das Fehlverhalten einer Firma“) – ist man im VW-Management ziemlich erbost. Die Wolfsburger werden mit einer gewissen Genugtuung beobachten, wie Bosch nun zunehmend in Erklärungsnot gerät.

Strafverfolger und amerikanische Rechtsanwälte sind angesichts der Daten, die ihnen vorliegen, inzwischen ziemlich sicher: Bosch wird eine Mitverantwortung am Dieselskandal eingestehen müssen. Die Frage ist nur, wem eine Mitverantwortung in dem Stuttgarter Konzern attestiert wird.

Die weltweit größten Autozulieferer

  • Platz 10

    Faurecia (Frankreich)

    Umsatz 2016: 18,711 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 18,770 Milliarden Euro
    Veränderung: -0,3 Prozent
    Hauptprodukte: Sitze und Innenausstattung

    Quelle: Berylls Strategy Advisors

  • Platz 9

    Michelin (Frankreich)

    Umsatz 2016: 20,907 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 21,199 Milliarden Euro
    Veränderung: -1,4 Prozent
    Hauptprodukte: Reifen

  • Platz 8

    Bridgestone-Firestone (Japan)

    Umsatz 2016: 22,485 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 24,094 Milliarden Euro
    Veränderung: -6,7 Prozent
    Hauptprodukte: Reifen

  • Platz 7

    Aisin (Japan)

    Umsatz 2016: 27,977 Milliarden Euro

    Umsatz 2015: 24,133 Milliarden Euro
    Veränderung: +15,9 Prozent
    Hauptprodukte: Getriebe, Bremssysteme, Karosserie- und Motorenteile

  • Platz 6

    Hyundai Mobis (Südkorea)

    Umsatz 2016: 30,227 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 28,096 Milliarden Euro
    Veränderung: +7,6 Prozent
    Hauptprodukte: Cockpit-, Frontend- und Chassismodule

  • Platz 5

    ZF Friedrichshafen (Deutschland)

    Umsatz 2016: 32,353 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 27,113 Milliarden Euro
    Veränderung: +19,3 Prozent
    Hauptprodukte: Fahrwerks- und Antriebssysteme, Elektronik/Software

  • Platz 4

    Magna (Kanada)

    Umsatz 2016: 34,587 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 29,408 Milliarden Euro
    Veränderung: +17,6 Prozent
    Hauptprodukte: Karosserie & Fahrwerksysteme, Exterieur-Ausstattungen

  • Platz 3

    Denso (Japan)

    Umsatz 2016: 36,301 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 34,299 Milliarden Euro
    Veränderung: +5,8 Prozent
    Hauptprodukte: Klimasysteme, Motorsteuerung, Human-Machine-Interface

  • Platz 2

    Continental (Deutschland)

    Umsatz 2016: 40,550 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 39,232 Milliarden Euro
    Veränderung: +3,4 Prozent
    Hauptprodukte: Brems-, Fahrwerk- und Sicherheitssysteme, Reifen

  • Platz 1

    Bosch (Deutschland)

    Umsatz 2016: 43.936 Milliarden Euro
    Umsatz 2015: 41,657 Milliarden Euro
    Veränderung: +5,5 Prozent
    Hauptprodukte: Antriebs-, Sicherheits- und Komfortsysteme

Bosch-Chef Denner war in den ersten Jahren des Betrugs für die Hardware der Motorensteuerung verantwortlich, nicht jedoch für die Software. Die betrügerischen Programmzeilen hat er kaum selbst getippt, womöglich hat er sie damals auch nicht gekannt. Das wird ihn aber nicht vor Rücktrittsforderungen schützen. Denn Firmenchefs müssen – wie Politiker und Fußballtrainer auch – nicht selten für Fehler geradestehen, die nicht durch sie persönlich, aber unter ihrer Führung geschehen sind.

Das kann bei einem Unternehmen wie Bosch, das Integrität sonst so groß schreibt, nicht anders sein. Es geht, um es mit Denners Worten zu sagen, um das Fehlverhalten einer Firma.

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