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Wirecard-Ausschuss Das sind die 7 wichtigsten Erkenntnisse zum Wirecard-Skandal

Im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags kamen viele prominente Zeugen zu Wort. Neben Ex-Wirecard-Chef Markus Braun waren etwa auch Peter Altmaier, Olaf Scholz und Angela Merkel geladen. Quelle: ddp images

Seit Oktober 2020 haben Abgeordnete des Bundestags mehr als 100 Zeugen vernommen, um das Versagen des Staates im Fall Wirecard zu untersuchen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Doch noch immer gibt es Fragen.

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Als der Wirecard-Untersuchungsausschuss im vergangenen Oktober seine Arbeit aufnahm, da gab man ihm wenig Erfolgschancen. Zu kurz die Zeit für die Aufklärung, schließlich endet die Legislaturperiode in den kommenden Wochen. Und dann noch die Befürchtung, dass sich die Abgeordneten immer mehr in den Wahlkampf-Modus versetzen und der ganze Ausschuss ein Theater wird.

Die Vorurteile haben sich kaum bewahrheitet. Der Wirecard-Untersuchungsausschuss ist ein Muster-Beispiel dafür, wie Abgeordnete – über Fraktionsgrenzen hinweg – bei der Aufklärung eines Skandals zusammenarbeiten und verlorenes Vertrauen in demokratische Institutionen wiederherstellen.

Mehr als 100 Zeugen haben die Abgeordneten vernommen, sie haben sich die Nächte um die Ohren gehauen und am nächsten Morgen gleich weitergemacht. Die WirtschaftsWoche hat die Arbeit des Ausschusses mit einem Live-Blog begleitet. Was ist am Ende dabei herausgekommen? Ein Überblick:

1. Jan Marsalek ist auf der Flucht – Markus Braun und andere Manager geben sich als Opfer

Der Wirecard-Skandal ist auch deshalb ein bunter Wirtschafts-Krimi, weil sich der ehemalige Vorstand Jan Marsalek so spektakulär absetzen konnte. Er wurde bislang nicht gefasst. Sein Fortbleiben ist ein wichtiger Bestandteil der Verteidigungsstrategie der übrigen Top-Manager von Wirecard. Zusammengefasst lautet die Devise: „Er war’s.“ Also Marsalek. Das wurde auch deutlich, als Ex-Wirecard-Chef Markus Braun im vergangenen November vor dem Untersuchungsausschuss aussagen musste. „Ich vertraue in die Unabhängigkeit und die Objektivität der Ermittlungsbehörden“, sagte Braun. Insbesondere darauf, dass die Staatsanwaltschaft „besonders den Verbleib der veruntreuten Unternehmensgelder“ aufklären wird. Weitere Auskünfte blieb er schuldig.

(Den WiWo-Bericht zu seiner Aussage können Sie hier nachlesen.)

Ex-Wirecard-Finanzvorstand Alexander von Knoop erklärte vor dem Ausschuss, zu keiner Zeit seien ihm kriminelle Machenschaften bekannt gewesen: „Ich hatte davon keine Kenntnis.“ Und der ehemalige Chefbuchhalter von Wirecard, Stephan von Erffa, der in Untersuchungshaft sitzt, sagte, dass er von betrügerischen Vorgängen bei Wirecard „keine Kenntnis“ habe.

Solange Jan Marsalek fortbleibt, mag diese Strategie vielleicht funktionieren. Aber schon im Untersuchungsausschuss wurde deutlich, welch dominante Rolle vor allem Markus Braun im Unternehmen hatte. „Der Konzern war geprägt durch Markus Braun, die Unternehmenskultur auch. Er hat alles entschieden, er hat alles vorgegeben, auch das Wachstum. Da war rechts und links kein Platz. Richtlinien und Gesetze haben ihn nicht interessiert“, sagte der langjährige Wirecard-Bank-Manager Rainer Wexeler im U-Ausschuss. Sandra Schuster, die Brauns Assistentin bei Wirecard war, beschrieb ihren ehemaligen Chef als den starken Mann im Unternehmen, der ein enges Verhältnis zu Jan Marsalek und Ex-Finanzvorstand Burkhard Ley hatte. Nur Anrufe von Markus Braun habe sie ab und an mal angenommen. Mails seien an direkt ihn gegangen. Er habe mit seinem Handy kommuniziert. Braun habe fast alles selbst gemacht. „Normal ist das unvorstellbar, dass ein Dax-Vorstand so eine Assistentin hat, die eigentlich nichts macht“, sagte Schuster. Über ihren ehemaligen Arbeitgeber sagte sie: „Ich weiß eigentlich gar nicht, was diese Firma eigentlich macht.“

Auch Thomas Eichelmann, der seit Anfang 2020 Aufsichtsratschef von Wirecard gewesen ist und die Aufklärung des Skandals vorantrieb, sagte vor dem Ausschuss aus. Ob Braun etwas hätte wissen müssen? „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass so etwas an mir vorbei geht“, sagte Eichelmann.

Die besten Sprüche aus dem Wirecard-Ausschuss

2. Das Leerverkaufsverbot von 2019 ist das größte Behörden-Versagen im Fall Wirecard

Nachdem die „Financial Times“ im Januar 2019 über Umsatz-Schiebereien in der Wirecard-Dependance in Singapur berichtet hatte, schlug Wirecard zurück. Der Untersuchungsausschuss hat aufgearbeitet, dass in den Wochen danach eine fatale Fehlkommunikation zwischen der Münchner Staatsanwaltschaft und der BaFin dazu führte, dass die Finanzaufsicht ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien verhängte. Über mehrere Wochen durften Aktionäre nicht auf fallende Wirecard-Kurse setzen. Allgemein wurde das Leerverkaufsverbot als eine Art staatliches Gütesiegel für Wirecard interpretiert. Die „FT“ stand am Pranger, weil die Staatsanwälte nicht gegen Wirecard, sondern plötzlich gegen die recherchierenden Journalisten ermittelten. Der Konzern konnte noch fast eineinhalb Jahre Geld bei Investoren einsammeln, bis der Milliarden-Schwindel aufflog.

Was war passiert? Wirecard schickte seinen Münchner Anwalt Franz Enderle zur Staatsanwaltschaft. Seine Kanzlei bekam in den vergangenen Jahren bis zu 100.000 Euro von Wirecard. Im Monat.

Enderle präsentierte die folgende Geschichte: Die „FT“ stünde im Verbund mit Shortsellern, also Spekulanten, die auf fallende Kurse der Wirecard-Aktien wetten. Als Zeugen lieferte Enderle den Staatsanwälten die schriftliche Erklärung des Spekulanten Daniel Harris – einem Mann mit einem mehr als fragwürdigen Ruf. Dieser erklärte, sein Broker habe am Tag vor Veröffentlichung des „FT“-Artikels mit einem „Freund“ gesprochen, dieser habe ihm berichtet, dass es einen kritischen Artikel über Wirecard geben würde, weshalb sich Short-Positionen lohnen. Weitere Belege? Gab es nicht. Ein paar Tage später legte Enderle noch nach, behauptete, dass Jan Marsalek von der Nachrichtenagentur Bloomberg erpresst wurde: Sechs Millionen Euro solle Wirecard zahlen – sonst steige die Agentur in die kritische Berichterstattung über Wirecard ein. Den Vorwürfen, die Enderle da vorbrachte, gingen die Staatsanwälte in München so gut wie nicht nach. Was sie jedoch taten: Sie tippten Enderles Vorwürfe ab und schickten sie per Fax an die Kollegen von der BaFin.

„Wenn ein Unternehmen, nicht eine Privatperson, so etwas anzeigt bei uns, melde ich das an die BaFin weiter“, sagte die Münchner Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl bei ihrer Vernehmung im U-Ausschuss. Es klang so, als habe sie lediglich Gesprächsnotizen an die BaFin weitergeleitet, ohne konkrete Maßnahmen zu fordern. Doch dieser Darstellung widersprachen mehrere BaFin-Leute. Die Münchner Staatsanwaltschaft hätte explizit ein Leerverkaufsverbot gefordert. Elisabeth Roegele, die wegen des Wirecard-Skandals ihren Posten als Vize-Präsidentin der BaFin ebenso räumen musste wie BaFin-Chef Felix Hufeld, erklärte vor dem Ausschuss: „Auslöser für das Leerverkaufsverbot war die Staatsanwaltschaft München“, die Informationen gehabt habe, dass eine weitere Shortattacke geplant sei und es zu Straftaten kommen würde.

Anwalt Enderle sah die Sache bei seiner Vernehmung im Ausschuss so: „Ich bin nicht derjenige, der die Validität beurteilen muss.“ Er habe die Informationen lediglich an die Ermittler weitergegeben, „wie ich sie erfahren habe und wie ich sie gesehen habe.“ Ob die Belege gefälscht waren, wisse er nicht.

Die Aufklärer des Wirecard-Ausschusses
Fabio De Masi: Der Showmaster Quelle: dpa
Danyal Bayaz: Der Karriere-Mann Quelle: dpa
Florian Toncar: Der HartnäckigeDer FPD-Politiker aus dem Wahlkreis Böblingen überzeugte vor allem durch seine Fachkenntnis. Vor seiner Rückkehr seiner FDP in den Bundestag hatte der Jurist bei einer großen Wirtschaftskanzlei gearbeitet. Toncar konnte vor allem in den Themenkomplexen BaFin und Wirtschaftsprüfer wichtige Informationen für die Öffentlichkeit gewinnen. Seine Fragen waren nicht offen gestellt, sondern präzise. Erkenntnisgewinn: hoch. Quelle: imago images
Cansel Kiziltepe: Die Karriere-Killerin Quelle: imago images
Matthias Hauer: Der Ungemütliche Quelle: imago images
Jens Zimmermann: Der Witzigste Quelle: imago images
Lisa Paus: Die Ausdauernde Quelle: imago images

3. Die Bundesregierung hat sich von prominenten Wirecard-Lobbyisten einspannen lassen

Karl-Theodor zu Guttenberg wurde vor gut zehn Jahren noch als möglicher Kanzler gehandelt – bis der CSU-Politiker über seine abgeschriebene Doktorarbeit stürzte. Seine zweite Karriere führte ihn im September 2019 ins Kanzleramt, zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zu Guttenberg war inzwischen mit seiner Firma Spitzberg Partners für Wirecard als Berater unterwegs. Da traf es sich gut, dass die Kanzlerin bald auf Staatsbesuch nach China aufbrechen würde – denn Wirecard wollte in China eine Firma übernehmen. Zu Guttenberg brachte das Thema im Gespräch an, die Kanzlerin verwies an ihren Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller, der anschließend von zu Guttenberg mit Infos zu Wirecard versorgt wurde. Auf der China-Reise setzte sich Merkel für Wirecard ein – und die Übernahme der chinesischen Firma gelang zunächst. Zu Guttenberg betonte später bei seiner Vernehmung im U-Ausschuss, dass er sich von Wirecard betrogen fühle. Außerdem habe er Merkel nicht in „irgendeinen dubiosen Deal verwickelt“. Doch Merkel hat ihm die Aktion übelgenommen, wie sie bei ihrem Auftritt im Ausschuss durchblicken ließ.

Merkels Fürsprache für Wirecard war deshalb ein Fehler, weil vorher schon schwere Vorwürfe gegen Wirecard im Raum standen. Wirecard konnte mit Hilfe der Kanzlerin die Übernahme eines chinesischen Unternehmens ankündigen – und seine Erfolgsgeschichte, die auf Lügen basierte, fortschreiben.

Wirecard setzte noch andere bekannte Fürsprecher ein: den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Ole von Beust etwa, oder Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen.

Kanzlerin Merkel muss sich aber auch die Frage gefallen lassen, ob ihr Wirtschaftsberater Röller beim Thema Wirecard Amtsgeschäfte mit privaten Interessen vermischt hat. Im Ausschuss war herausgekommen, dass Röllers Ehefrau den Kontakt zwischen einer chinesischen Firma und Wirecard mit vermittelt hatte. „Meine Frau ist Hausfrau“, erklärte Röller den verdutzten Abgeordneten bei seiner Vernehmung im Ausschuss. Röllers Rolle ist noch nicht ausreichend ausgeleuchtet.

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