
Seit 1971 kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort des Jahres, der letzte Sieger hieß „Stresstest“. 2012 ist noch jung, doch ein Wort könnte bei der diesjährigen Wahl gute Chancen haben: Salamitaktik.
Mit eben dieser Strategie verärgert Bundespräsident Christian Wulff seit Beginn seiner Kredit- und Medienaffäre viele Bürger. Statt Fehler zuzugeben und alle Fakten offenzulegen, informiert er die Öffentlichkeit nur scheibchenweise. Was hat den höchsten Mann im Staat dazu getrieben?
Trotzdem oder deswegen?
An mangelnder Erfahrung kann es nicht liegen, der 52-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren in der Politik. Trotzdem geriet er ins Zentrum einer Affäre, die bislang kein Bundespräsident durchleben musste.
Trotzdem? Oder gerade deswegen?

Die Causa Wulff
Die Causa Wulff hat nicht nur eine Diskussion entfacht über die Zukunft des höchsten politischen Amtes. Deutlich wurde vor allem: Wer die Möglichkeit hat, weitreichende Entscheidungen zu treffen, Einfluss zu nehmen auf die Geschicke eines Landes oder eines Unternehmens, sprich: Macht auszuüben über andere, gerät nicht nur immer wieder in Affären und Skandale. Umgeben von Ja-Sagern und duckmäuserischen Einflüsterern, geblendet von den eigenen Einflussmöglichkeiten, läuft er Gefahr, den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren. Kurz: Er wird blind vor Macht.
Egal, ob günstige Kredite oder Gratis-Urlaube, egal, ob Spitzenpolitiker oder Top-Manager: Immer wieder erliegen Personen in herausragenden Positionen dem süßen Gift der Macht. Sie verlieren das Gespür für die Realität, stolpern über ihre Gier, Dummheit oder Hybris. Sie verkennen, was juristisch vielleicht noch legal, aber moralisch schon längst nicht mehr legitim ist. Manchen passiert es früher, manchen später.
Bildergalerie: Sie waren mal Stars
Quelle: dapdPhilipp Hildebrand
In seiner Funktion brauche er absolute Glaubwürdigkeit, sagte Hildebrand zu seinem Rücktritt vor wenigen Wochen – doch daran mangelte es ihm erheblich. Seine Frau hatte mit vermeintlichen Insidergeschäften etwa 62.000 Euro verdient.
Quelle: dpaDominique Strauss-Kahn
Im Mai 2011 wurde er am New Yorker Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: versuchte Vergewaltigung. Vier Tage später legte er sein Amt nieder – das Gespür für angemessenes Verhalten hatte er schon viel früher verloren.
Quelle: dpaLouis van Gaal
An seiner fußballerischen Kompetenz besteht kein Zweifel, an seinen Führungsqualitäten schon: Van Gaal sei „menschlich eine Katastrophe“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß einige Monate nach van Gaals Demission im Juni 2011.
Quelle: dpaKarl-Theodor zu Guttenberg
„Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat“, sagte zu Guttenberg im Februar 2011 – und bewies damit die Geisteshaltung eines machtbeschwipsten Lügenbarons. Wenige Wochen später legte er alle Ämter nieder und zog in die USA.
Quelle: dpaWendelin Wiedeking
Mit dem größenwahnsinnigen Plan, den VW-Konzern zu übernehmen, vergrätzte er Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch. Im Juli 2009 trat Wiedeking nach 16 Jahren zurück – und hinterließ dem Autobauer einen finanziellen Scherbenhaufen.
Philipp Hildebrand
In seiner Funktion brauche er absolute Glaubwürdigkeit, sagte Hildebrand zu seinem Rücktritt vor wenigen Wochen – doch daran mangelte es ihm erheblich. Seine Frau hatte mit vermeintlichen Insidergeschäften etwa 62.000 Euro verdient.
Audienz statt Konferenz
„Gib einem Menschen Macht“, sagte der frühere US-Präsident Abraham Lincoln, „und du erkennst seinen wahren Charakter.“ Zum Vorschein kommen, vereinfacht gesagt, zwei Charaktertypen: Die einen können sich nicht mehr selbst hinterfragen, ignorieren im Glauben an die eigene Unverwundbarkeit und Unfehlbarkeit jeden guten Ratschlag. Von ihren Mitarbeitern fordern sie Engagement, bügeln aber jeglichen Widerspruch ab. Jede Konferenz wird zur Audienz.
Die anderen schaffen es nicht mehr, gesunde Distanz zu wahren gegenüber dem üblichen Apparat an Assistenten, Beratern und Fachleuten. Natürlich können Vorstandsvorsitzende oder Ministerpräsidenten weder ihre Termine selbst koordinieren noch jeden Vorgang im Detail kennen. Sie brauchen Leibwächter für ihre Sicherheit, Referenten für Fraktionssitzungen, Sekretärinnen für die Termine. Sie werden im Dienstwagen zu Terminen chauffiert, Assistenten bereiten Reden vor.













