Sozialversicherung: Junge Generation verabschiedet sich vom Sozialstaat

Sozialversicherung: Junge Generation verabschiedet sich vom Sozialstaat

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Macht des Alters: Politiker umgarnen vor allem die Senioren, die Jugend geht leer aus

von Sebastian Matthes und Cornelia Schmergal

Von der gesetzlichen Sozialversicherung erwarten die 30-Jährigen nichts mehr, daran ändert auch die neue Regierung nichts. Die junge Generation reagiert auf ihre Weise: Still und leise verabschiedet sie sich aus dem Sozialstaat.

Vermutlich hätte Tanja zu Waldeck jeden Job haben können. Ausbildung an einer Elite-Uni, Promotion, fünf Jahre bei McKinsey: Mit diesem Lebenslauf hätte sie in die Strategieabteilung eines Konzerns wechseln, sich ganz nah an die Vorstandsetage eines großen Konzerns andocken können, aufsteigen nach ganz oben. Aber Tanja zu Waldeck wollte nicht rein in irgendein Karriereschema, schon gar nicht in einen festen Job. Sie wollte raus. Raus aus ihrem Angestelltenvertrag, raus dem Sozialsystem.

Vor fast drei Jahren kündigte Tanja zu Waldeck ihren Beraterjob und startete noch einmal völlig neu. Sie mietete ein Altbaubüro in der Kölner Innenstadt an, kaufte ein paar Schreibtische bei Ikea und schob einen Wasserspender in die Ecke des Büros. Mit zwei Freunden gründete sie hier das Unternehmen Netmoms, ein Internet-Portal für Mütter.

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Innere Kündigung einer ganzen Generation

Der Umstieg hat sich gelohnt. Inzwischen ist Netmoms das größte Mütter-Netzwerk im deutschsprachigen Internet. Und dass Tanja zu Waldeck sich aus dem deutschen Sozialsystem verabschieden konnte, war „ein positiver Nebeneffekt“, wie sie selber sagt. Von Rente, Pflegeversicherung & Co. habe ihre Generation sowieso nichts mehr zu erwarten, schätzt die 31-Jährige. Die meisten ihrer Freunde hätten das eingezahlte Geld längst abgeschrieben. „Und wer kann, steigt aus.“

Es ist die innere Kündigung einer ganzen Generation, der Abschied vom System Bundesrepublik. „Die Lasten sind nicht mehr gleich verteilt“, sagt Tanja zu Waldeck. „Kaum eine Partei fragt, wie eigentlich unsere Rente aussehen wird und die Altersvorsorge unserer Kinder.“ Es ist noch nicht einmal so, dass sie das besonders überraschen würde. Vielmehr hat sie resigniert, denn das Ganze erklärt sich am Ende doch mit politischer Arithmetik: Die Rentner seien eine mächtige Wählergruppe, „unsere Generation dagegen schrumpft“. Die Jungen, sagt Tanja zu Waldeck, hätten einfach keine Lobby.

Von Vater Staat hat die junge Generation kaum noch etwas zu erwarten, von den Älteren erbt sie vor allem Hypotheken. Die Staatsverschuldung erreicht in diesem Jahr einen neuen Rekord, was vor allem damit zu tun hat, dass im nächsten Jahr so viel Geld wie nie zuvor in den Sozialstaat fließen wird. Und doch bleibt das schale Gefühl, dass die junge Generation zwar wacker einzahlt in die Sozialkassen, später aber doch nichts mehr herausbekommt. Dass die eigene Rente noch sicher wäre, glaubt niemand mehr. Dass die gesetzliche Krankenkasse noch ein Rundum-sorglos-Paket anbiete, übrigens auch nicht. Und am Ende der Arbeitslosenversicherung wartet doch nur Hartz IV.

Wer von der neuen Regierung Besserung erwartet hatte, wird enttäuscht. Genau 26-mal beschwört der Koalitionsvertrag den Ausgleich der Generationen. Doch er ist ein Vertrag zulasten Dritter. Die Rentengarantie, mit der noch die große Koalition die Alten milde stimmen wollte? Wird verlängert, notfalls auch mit höheren Beitragssätzen. Die Gesundheitsreform? Ist erst einmal in eine Kommission vertagt, notfalls schrumpft man sie einfach klein. Steuererleichterungen, 24 Milliarden Euro teuer? Werden durchgepeitscht, notfalls auf Pump. Das Kindergeld? Wird erhöht, notfalls kann der Nachwuchs es später selbst zurückzahlen. Die Kurzarbeit? Wird verlängert, notfalls werden die Jobs für ältere Facharbeiter konserviert. Irgendwer wird schon dafür geradestehen. Später. Irgendwann.

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