Europäische Zentralbank nach dem Brexit: Die EZB kann Europa nicht alleine retten

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Europäische Zentralbank nach dem Brexit: Die EZB kann Europa nicht alleine retten

von Saskia Littmann

Beim Treffen der internationalen Notenbanker-Elite in Portugal spart Gastgeber Mario Draghi das Thema Brexit aus. Trotzdem liefert er eine wichtige Erkenntnis: Die EZB kann Europa und Euro-Zone nicht allein am Leben halten.

Der Brexit hat die Laune verhagelt. Eigentlich soll das große Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB) in Sintra ein entspanntes Beisammensein der internationalen Notenbanker-Gemeinde sein. Das Örtchen nahe dem Atlantik, rund 25 Kilometer von Lissabon entfernt, soll als idyllische Kulisse dienen für den entspannten Austausch abseits von Bürotürmen und Newstickern, sei es beim Golfspielen oder Wandern.

In diesem Jahr ist die Stimmung in dem in den Bergen von Sintra gelegenen Fünf-Sterne-Resort allerdings gedrückt. Eigentlich wollte EZB-Chef Mario Draghi hier am Mittwoch seine Notenbank-Kollegen Janet Yellen (Fed) und Mark Carney (Bank of England) willkommen heißen. Daraus wird nun nichts.

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Sowohl Yellen als auch Carney hatten das Treffen bereits am Montag abgesagt, Draghi selber wird schon am Dienstag wieder nach Brüssel reisen und am EU-Gipfel teilnehmen, um dort mit Europas Regierungschefs über den Austritt Großbritanniens aus der EU zu verhandeln.

Rede in Sintra Draghi ignoriert den Brexit

Die Rede von EZB-Präsident Mario Draghi in Portugal war wenige Tage nach dem Brexit-Votum mit Spannung erwartet worden. Stattdessen hielt er einen Vortrag über sein Lieblingsthema.

Mario Draghi bei der Ankunft in der portugiesischen Kleinstand Sintra, wo das EZB-Forum stattfindet. Quelle: Reuters

Traurigkeit beschreibe den Brexit am besten, sagte Draghi bei seiner kurzen Eröffnungsrede am Montagabend. Und tatsächlich sah man dem Italiener an, dass die vergangenen Tage nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind.

Wer auf mehr gehofft hat, wird allerdings enttäuscht. Bei seiner mit Spannung erwarteten Rede am Dienstagmorgen vor der versammelten Notenbanker-Elite sparte der EZB-Chef das Thema Brexit komplett aus. Während andere Teilnehmer der akademischen Konferenz zumindest einzelne Äußerungen zum Referendum einstreuten und das Thema wie ein Damoklesschwert über dem Tagungsort hing, kam in Draghis Rede nicht einmal die Worte „Brexit“ oder „Großbritannien“ vor.

Geldpolitik der EZB: Belastungen durch Niedrigzinsen

  • Sparbuch und Co

    In Deutschland beliebte Sparformen wie Tages- und Festgeld werfen kaum noch etwas ab. Die niedrige Inflation gleiche die negativen Effekte der niedrigen Zinsen allerdings aus, betont EZB-Präsident Mario Draghi. Derzeit liege die Verzinsung minus Inflation höher als im Durchschnitt der 1990er Jahre. „Zu der Zeit hatten Sie höhere Zinsen auf dem Sparbuch, aber zugleich meist Inflation, die weit darüber lag und alles auffraß“, sagte Draghi jüngst in einem Interview. Im Mai lagen die Verbraucherpreise in Deutschland nach vorläufigen Berechnungen gerade einmal um 0,1 Prozent über dem Vorjahresniveau.

    Stand: 07.06.2016

  • Strafzinsen und Bankgebühren

    Finanzinstitute müssen Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Für den durchschnittlichen Privatkunden sind Strafzinsen bislang kein Thema. Man werde „alles tun, um die privaten Sparer vor Negativzinsen zu schützen - in Teilen auch zu Lasten der eigenen Ertragslage“, sagte jüngst der Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon. Wenn die aktuelle Niedrigzinsphase aber lange andauere, würden die Sparkassen die Kunden letztlich nicht davor bewahren können. Zudem könnten Geldhäuser nach Angaben des Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, gezwungen sein, an der Gebührenschraube zu drehen: „Jeder muss in seiner Bank überlegen, wie er über Konditionen-Gestaltung gegen die Ertragsverluste anarbeitet, die ohne Zweifel da sind.“

  • Altersvorsorge

    Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die hohen Zusagen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die Folge: Die Verzinsung des Altersvorsorge-Klassikers sinkt seit geraumer Zeit. Auch Betriebsrenten leiden, Firmen müssen wegen der Zinsschmelze immer mehr Geld für die Pensionsverbindlichkeiten zurücklegen. Viele Unternehmen versprechen bei Neueinstellungen daher keine konkreten Leistungen mehr, sondern sagen lediglich zu, einen bestimmten Betrag pro Monat in Vorsorgekassen einzuzahlen. Das Zinsrisiko tragen die künftigen Pensionäre.

Stattdessen nutzt der Italiener seine Rede für einen Appell an seine Notenbankkollegen: „Wir brauchen vielleicht keine formelle Koordination der Geldpolitik“, sagte Draghi. Aber Zentralbanken könnten profitieren, wenn sie ihre Geldpolitik genauer abstimmen würden, erklärte der EZB-Präsident.

Das gelte insbesondere beim Thema Inflation. „In den vergangenen Jahren waren wir alle mit der gleichen Aufgabe beschäftigt“, sagte Draghi im Hinblick auf die noch immer niedrigen Inflationsraten in weiten Teilen der Weltwirtschaft. Das sei kein Zufall, erklärte Draghi, denn immerhin seien es globale Faktoren, die dafür sorgten, dass die Preissteigerung deutlich unterhalb des Inflationsziels der EZB von knapp zwei Prozent rangiere.

Geldpolitik der EZB: Entlastungen durch Niedrigzinsen

  • Kredite

    Verbraucher sparen bei Darlehen, ob für den neuen Fernseher oder für die eigenen vier Wände. Hausbauer können sich zu historisch günstigen Konditionen Geld leihen. Nach Angaben des Bankenverbandes BdB sind Hypothekendarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung derzeit zu Effektivzinsen von durchschnittlich etwa 1,4 Prozent zu haben. 2007 lagen sie noch bei mehr als fünf Prozent.

  • Dispozinsen

    Billiger ist es auch geworden, das eigene Konto zu überziehen. Vor fünf Jahren lagen die Dispozinsen nach Angaben der Finanzberatung FMH im Schnitt noch bei 11,26 Prozent. Mittlerweile sind es demnach durchschnittlich 9,51 Prozent.

  • Aktionäre

    Seit Jahren ist günstiges Notenbankgeld der zentrale Treibstoff für die Börsen. Aktionäre können von steigenden Kursen profitieren. Zuletzt wagten sich die eher börsenscheuen Deutschen wieder stärker an den Aktienmarkt. Knapp 9,01 Millionen Menschen besaßen nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts im vergangenen Jahr Aktien und/oder Anteile an Aktienfonds - das ist der höchste Stand seit 2012.

  • Der Staat

    Mit der Ausgabe von Anleihen finanziert die öffentliche Hand - neben Steuereinkünften - einen Großteil ihrer Ausgaben. Am Montag fiel die sogenannte Umlaufrendite, die ein durchschnittliches Maß für die „Verzinsung“ von Staatspapieren mit einer Laufzeit von drei bis 30 Jahren ist, in Deutschland erstmals seit der Gründung der Bundesrepublik in den negativen Bereich. Der Bund „verdient“ in einer solchen Situation somit an seiner eigenen Schuldenaufnahme, anstatt den Gläubigern - den Käufern der Anleihen - einen Zins zu zahlen.

    Stand: 7. Juni 2016

Draghi verweist auf die Nebenwirkungen, zu denen auch die unkonventionellen Maßnahmen der Notenbanken gehörten. Die extremen Wechselkursschwankungen der global bedeutenden Währungen würden das zeigen, so der Italiener. Sie seien aber nicht so sehr das Ergebnis der schieren Maßnahmen der Notenbanken, sondern der Intensität, mit denen diese Instrumente der Geldpolitik genutzt worden wären. Laut Draghi könnten bessere geldpolitische Absprachen und ein globaler Mix der Geldpolitik dafür sorgen, ungewollte Nebeneffekte wie instabile Märkte zu verhindern.

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