Giannis Boutaris: Der ziemlich andere griechische Politiker

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Giannis Boutaris: Der ziemlich andere griechische Politiker

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Der Bürgermeister von Thessaloniki: Giannis Boutaris.
Foto: N. Pilos

von Gerd Höhler

Vor der Wahl fragen sich viele Griechen: Wo bleibt die Erneuerung? Wie sie aussehen könnte, zeigt ein Besuch im Rathaus der nordgriechischen Stadt Thessaloniki. Der dortige Bürgermeister prägt einen neuen Politik-Stil.

Giannis Boutaris sitzt hinter seinem massiven Holzschreibtisch. Zu seiner Rechten türmen sich die Aktenstapel einen halben Meter hoch auf. Man sieht: Hier wird gearbeitet, nicht repräsentiert.

Die Fahnen, mit denen griechische Politiker gern ihre Schreibtische einrahmen, um ihren eigenen Status zu unterstreichen, hat der Bürgermeister Boutaris in die hinterste Ecke seines weitläufigen Amtszimmers verbannt, eine griechische Nationalflagge, die Fahne mit dem Stadtwappen von Thessaloniki und eine Europaflagge.

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Boutaris umgibt sich lieber mit Familienfotos. Auf seinem Schreibtisch steht eine Sanduhr. Er dreht sie um, und der rötliche Sand  beginnt vom oberen in das untere Glas zu rieseln. „Wenn bestimmte, langatmige Referenten mir etwas vortragen, sage ich ihnen: Du musst fertig sein, wenn die Uhr abgelaufen ist“, erklärt Giannis Boutaris mit einem verschmitzten Lächeln.

Sie stehen zur Wahl

  • Griechenland - diese Parteien haben Chancen

    Insgesamt 32 Parteien treten bei den Wahlen am 6. Mai in Griechenland an. Dies teilte am Donnerstag die Zentrale Wahlkommission mit. Etwa zehn von ihnen haben jedoch nach Umfragen eine Chance, die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen, um Abgeordnete ins Parlament schicken zu können.

  • Nea Dimokratia (ND)

    Die Konservative Partei wird vom Ökonomen Antonis Samaras (60) geführt. Die Partei hatte Griechenland 1981 in die damalige Europäische Gemeinschaft geführt und spricht sich vehement für den Verbleib des Landes im Euroland aus. Samaras hat den Gläubigern des Landes zugesichert, dass auch nach den Wahlen er und seine Partei weiterhin das Stabilisierungs- und Sparprogramm für Griechenland in die Tat umsetzen werden. Umfragen deuten darauf hin, dass Nea Dimokratia stärkste Kraft mit etwa 25 Prozent werden könnte.

  • Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok)

    Die bis vergangenen November regierenden Sozialisten unter ihrem neuen Chef Evangelos Venizelos (55) sind wie die Konservativen für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone. Dafür müsse das Sparprogramm
    konsequent durchgesetzt werden. Umfragen zeigen, dass den Sozialisten schwere Verluste bevorstehen und sie nur noch zweitstärkste Kraft im neuen Parlament mit etwa 18 Prozent werden (2009: 44 Prozent).

  • Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

    Die Hardliner-Kommunisten sprechen sich offen für den „Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der EU jetzt“ aus. Kein Cent solle an die Gläubiger gezahlt werden. Die Partei liegt in Umfragen bei etwa neun Prozent.

  • Bündnis der Radikalen Linken (Syriza)

    Ein buntes Bündel linker Bewegungen, das sogar mit der extrem Linken liebäugelt. Syriza ist zwar für den Verbleib in der EU und dem Euroland. Athen sollte aber einseitig erklären, es zahle seine Schulden nicht. Umfragen sehen das Bündnis bei etwa neun Prozent.

  • Unabhängige Griechen (AE)

    Ein Abspaltung aus der konservativen Nea Dimokratia. Die Führung der Unabhängigen Griechen meint, das Land sei „besetzt“ von den Geldgebern und müsse „befreit“ werden. Athen sollte nichts an die Banken zurückzahlen. Die Partei ist ausländerfeindlich und fordert zudem deutsche Reparationszahlungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Umfragen zeigen, dass auch diese Partei bis etwa acht bis neun Prozent bekommen könnte.

  • Demokratische Linke (DA)

    Eine Abspaltung aus dem Bündnis der Linken. Die gemäßigten Linken setzen sich für den Verbleib im Euroland. Umfragen geben dieser Partei etwa acht Prozent.

  • Völkische Orthodoxe Gesamtbewegung (LAOS)

    Eine rechtsorientierte Partei. Sie ist für den Verbleib im Euroland. Das Sparprogramm muss aber neu ausgehandelt werden. Migranten sollten sofort das Land verlassen. Die Partei liegt in Umfragen bei etwa 4,5 Prozent.

  • Goldene Morgenröte

    Eine rassistische, ausländerfeindliche und faschistische Partei. Die Partei spricht sich für die „Vertreibung“ aller Migranten aus Griechenland aus. Viele ihrer Mitglieder sind gewaltbereit. Umfragen sehen die Ultrarechten bei 3 bis 4,5 Prozent.

  • Ökologen und die Demokratische Allianz

    Ökologen und die Demokratische Allianz der ehemaligen griechischen Außenministerin Dora Bakogianni müssen um den Einzug ins Parlament bangen.

„In meinem Alter habe ich keine Zeit zu verlieren“, sagt er und zündet sich die nächste Camel ohne Filter an, trotz Rauchverbots im Rathaus. Giannis Boutaris wird dieses Jahr 70. Als Winzer hat er mit seinen Weinen bei internationalen Wettbewerben zahlreiche Auszeichnungen gewonnen.

In einem Alter, wo andere sich zur Ruhe setzen, übertrug er das Weingut seinen Kindern, um selbst noch einmal in der Kommunalpolitik seiner Heimatstadt etwas zu bewegen.

Seit 16 Monaten ist er Bürgermeister. Boutaris ist ein alter Mann. Und dennoch sehen viele Griechen in ihm die Erneuerung, die das krisengeschüttelte, deprimierte Land so dringend braucht. Selbst aus der arroganten Hauptstadt Athen, die sich gern für den Nabel Griechenlands hält, blicken sie nun hinauf ins 500 Kilometer entfernte Thessaloniki.

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