
Fast hätte er seinen Nobelpreis verpasst. Als die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften am 11. Oktober 1994 die Namen der Wirtschafts-Nobelpreisträger bekannt gibt, ist Reinhard Selten beim Einkaufen. Da Mobiltelefone damals noch Seltenheitswert haben, kommt der Bonner ahnungslos nach Hause. Hier warten bereits zahlreiche Journalisten auf ein Statement des künftigen Nobelpreisträgers. „Ich gratuliere Ihnen“, sagt ein Reporter, worauf dieser nur ratlos „Wozu?“ fragen kann. Der Ökonom lässt sich von dem Wirbel nicht beeindrucken und sorgt erst einmal dafür, dass die Einkäufe sicher ins Haus kommen.
Auch nach der Verleihung des Preises in Stockholm bleibt der Wissenschaftler am Boden. Seine Nobelpreismedaille bewahrt er bis heute uneitel hinter ein paar Aktenordnern im Büro auf, und die Urkunde hat er auch nicht aufgehängt. „Die Leute wissen ja schließlich, dass ich den Preis bekommen habe.“ Für ihn habe sich dadurch nicht viel geändert. Lediglich die Interview-Anfragen seien sprunghaft gestiegen, plötzlich wurde er auch zu Themen außerhalb seines Fachgebiets um eine Meinung gebeten. „Als Nobelpreisträger muss ich auf alles eine Antwort haben, da ist man immer Fachmann“, so der Spieltheoretiker.
Bis heute kommt der Wissenschaftler ohne Allüren aus: Er erscheint bei Terminen in seiner Heimat, dem Siebengebirge, gerne zu Fuß mit Wanderstöcken und entsprechend bequemem Schuhwerk. Selbst als frisch gekürter Nobelpreisträger war er sich nicht zu schade, mit seinem damaligen Schüler Axel Ockenfels, mittlerweile selbst Experimental-Ökonom in Köln, eine gemeinsame Studie zu schreiben – basierend auf Ockenfels’ Diplomarbeit. „Für Professor Selten zählt der Forschergeist und weniger, ob eine Idee von einem Studenten oder einem renommierten Wissenschaftler kommt“, sagt Ockenfels.
Nash-Gleichgewicht erweitert
Reinhard Selten ist ein älterer Herr mit wirren, weißem Haar und einem etwas zu großen, von Hosenträgern gehaltenen Anzug. Er spricht langsam und wählt seine Worte mit Bedacht. Doch seine Augen leuchten, wenn er von aktuellen Projekten erzählt, zum Beispiel einem neuen Experiment zur Entscheidungstheorie. Obwohl der mittlerweile 81-Jährige bereits seit über 15 Jahren emeritiert ist, widmet er sich jeden Tag etwa zwei bis drei Stunden der Forschung. Er ist immer noch wissenschaftlicher Koordinator des von ihm gegründeten Labors für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Bonn.
Selten erhielt den Nobelpreis zusammen mit dem Amerikaner John F. Nash jr. und dem Ungarn John C. Harsanyi für seine Forschungsleistung im Bereich der Spieltheorie. Der Bonner Professor verfeinerte das 1950 von Nash entwickelte „Nash-Gleichgewicht“, welches besagt, dass ein Spieler immer bei seiner gewählten Strategie bleiben sollte, solange der Gegner seine Strategie nicht ändert. Nash ist einer der bedeutendsten Vertreter der Spieltheorie.
Selten entwickelte ein hochkomplexes Konzept, welches, vereinfacht ausgedrückt, verlangt, dass nicht nur ein Spiel als Ganzes ein Nash-Gleichgewicht erreicht, sondern auch jeder einzelne Teil eines Spiels. Ökonomen sprechen in diesem Fall von einer sogenannten Teilspielperfektheit. Es existiert ein strategisches Gleichgewicht, von dem ausgehend kein Spieler zusätzliche Vorteile erzielen kann, wenn er einseitig von seiner Strategie abweicht.
Diese Erkenntnisse haben auch heute noch hohe Bedeutung. Vor allem Verhandlungssituationen lassen sich mithilfe der Spieltheorie analysieren. So fällt es dem Verhandelnden leichter, das möglicheVerhalten seines Gegenübers in seine Pläne und Verhandlungsstrategien einzubeziehen. „Die Spieltheorie schärft den Blick für die Interaktion und das Handeln der anderen“, sagt Selten. Das sei in allen Bereichen des täglichen Lebens zu beobachten. Beispiel Lohnverhandlungen: Wenn Arbeitnehmer eine bessere Bezahlung durchsetzen wollen, müssen sie die Position ihres Chefs und dessen mögliche Handlungsoptionen schon vorher in ihre Verhandlungsstrategie einbeziehen.
Nullsummenspiele in der Wirtschaft
Einige Begriffe aus der Spieltheorie gehören mittlerweile zur Alltagssprache, wie zum Beispiel das sogenannte Nullsummenspiel. Hier gleicht der Gewinn des einen Spielers den Verlust des anderen aus. Gewinnt etwa ein Unternehmen Marktanteile dazu, verlieren seine Wettbewerber automatisch Anteile in gleicher Höhe.
Im Gegensatz zum Nullsummenspiel könnten beim sogenannten Gefangenendilemma auch beide Spieler am Ende als Sieger dastehen – wenn sie miteinander kooperieren würden. Das berühmte Dilemma lässt sich auf eine Vielzahl ökonomischer Situationen anwenden. Ein gutes Beispiel ist die Regulierung der Ölpreise anhand der geförderten Mengen. Angenommen, der Ölmarkt besteht aus zwei Unternehmen, die vereinbart haben, jeweils nur geringe Mengen Öl zu fördern, um künstlich die Preise in die Höhe zu treiben. Auf diese Weise könnten sie jeweils mit einem Umsatz von 15 Milliarden Euro rechnen. Allerdings ist es für beide Unternehmen reizvoll, von der Vereinbarung abzuweichen und mehr zu verkaufen, sie stehen vor einem Dilemma. Fördert nur eine Firma eine höhere Menge Öl, könnte sie dem Mitbewerber Marktanteile abnehmen und den eigenen Umsatz auf 20 Milliarden Euro steigern, wohingegen der Gegner nur noch fünf Milliarden Euro abbekäme. Die Folge: Beide Unternehmen tendieren dazu, mehr Öl zu fördern, sobald nur der leise Verdacht besteht, die Konkurrenz könnte ihre Fördermenge erhöhen. Am Ende produzieren beide zu viel – und müssen sich mit einem Umsatz von zehn Milliarden Euro begnügen. Damit ist das aus Sicht beider Unternehmen schlechteste Ergebnis das wahrscheinlichste.














