Uber: Der Fahrdienst gerät ins Schleudern

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Uber: Der Fahrdienst gerät ins Schleudern

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Uber-Chef Travis Kalanick steht in der Kritik.

von Stefan Hajek und Matthias Hohensee

Uber wurde zum wertvollsten Start-up der Welt. Doch nun kriselt es bei dem Fahrdienst an allen Ecken. Gelingt die Wende?

Breitbeinig sitzt er auf der Rückbank einer Limousine, eingerahmt von zwei leicht bekleideten Damen, gelangweilt auf dem iPhone spielend, als Travis Kalanick, Chef des Taxidienstes Uber, seinen Fahrer abkanzelt: „Du gehörst zu den Leuten, die für ihre Probleme nur die Schuld bei anderen suchen.“ Kalanicks Reaktion auf die Kritik des Fahrers an Preissenkungen Ubers ließ der auf Video festhalten – und so gelangte der wenig sympathische Auftritt des Co-Gründers an die Öffentlichkeit.

Das Wichtigste zu Uber

  • Wer ist Uber?

    Uber, eigentlich Uber Technologies Inc, gegründet im März 2009, startete seinen Service 2011 in San Francisco. Zunächst beschränkte sich das Angebot auf einen Chauffeur-Service („UberBlack“), der für einen etwas höheren Preis Limousinen als Alternative zu den im Silicon Valley damals notorisch knappen Taxis bot. Das Unternehmen expandierte aber schnell in andere US-Metropolen, von 2012 an auch international, und erweiterte auch seine Dienste. In vielen US-Metropolen und seit November 2015 auch in London können Uber-Fahrer mehrere Fahrgäste unterwegs aufnehmen und eine Art Sammeltaxi auf Zeit bilden; die Kunden teilen sich den Preis („UberPool“). Der bei Kunden erfolgreichste, aber auch mit Abstand kontroverseste Service ist UberX (In Deutschland bis April 2015 als „UberPop“ im Angebot). Dabei kann der Kunde über sein Smartphone in der Nähe befindliche Privatleute anheuern, die ihn gegen Geld mit ihrem Auto befördern, von Uber vermittelt. In der Regel unterbietet Uber so den Preis einer vergleichbaren Taxifahrt um 25 bis 40 Prozent. Uber gilt als das am höchsten bewertete Start-up der Welt- Der Umsatz soll schnell wachsen, allerdings schreibt Uber noch hohe Verluste.

  • Wie funktioniert Uber?

    Der Kunde gibt auf seinem Handy den gewünschten Abholort ein. Nach der Eingabe des Zielorts erscheinen die verfügbaren Uber-Fahrer in der Nähe seines Standortes als kleine Auto-Symbole in der App. Auf Wunsch kann nun der voraussichtliche Fahrpreis angezeigt werden. Nachdem der Kunde die Fahrt verbindlich bestellt hat, bekommen die Uber-Fahrer den Fahrwunsch samt Strecke auf ihrer App angezeigt. Nimmt ein Fahrer an, sieht der Fahrgast dessen Bewertung durch frühere Kunden, den Autotyp und Namen des Fahrers.

    Das Kernprodukt ist, technisch gesehen, das Routing der Fahrer zum möglichst attraktivsten und nächsten Kunden. Da das System mit GPS arbeitet, kann der Fahrtpreis grob vorausberechnet werden und ein Taxameter ist nicht nötig. Nach der Fahrt wird der Kunde seinerseits aufgefordert, den Fahrer zu bewerten. Um die Bezahlung muss er sich nicht kümmern; die Abbuchung erfolgt automatisch von der bei der ersten Anmeldung hinterlegten Kreditkarte oder PayPal.

  • Worum geht die Kontroverse?

    Vor allem der Peer-to-Peer-Dienst, bei dem Privatpersonen andere Privatleute gegen Geld befördern, ist es, der von Taxiunternehmen heftig bekämpft wird. In Deutschland ist er seit Frühjahr 2015 sogar ganz untersagt, seit Gerichte den Argumenten der Taxibranche folgten. Die argumentierten mit unlauterem Wettbewerb: Bei UberPop (in anderen Ländern UberX) werden die oft nebenberuflichen Fahrer lediglich auf ihr Verkehrspunktekonto und auf ein Polizeiliches Führungszeugnis überprüft, während Taxifahrer einen Personenbeförderungsschein, Gesundheitsprüfungen, besondere Versicherungen und (wenn sie ihr eigenes Unternehmen gründen wollen) in vielen Städten eine teure Lizenz benötigen. Das Uber-Auto muss lediglich jünger als zehn Jahre sein, vier Türen und Kofferraum aufweisen und natürlich verkehrssicher sein, während Taxis speziell geprüft werden.

Das Video wäre für Unternehmenslenker schon per se kein Ruhmesblatt, selbst für einen mit hemdsärmeligem Ruf wie Kalanick. Für den Uber-Anführer aber kann es ungünstiger kaum kommen: Gerade erst hatte er – theatralisch, mit Tränen in den Augen – besseres Benehmen gelobt, nachdem bei Uber Sexismusvorwürfe aufgetaucht waren. „Ich muss mich als Führungskraft fundamental ändern und endlich erwachsen werden“, murmelte Kalanick.

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Das neue Video passt dazu eher bedingt. Es unterstreicht einmal mehr, in welch schwierige Lage der dauerpubertierende Gründer sein Unternehmen gebracht hat. Wie kein anderes Unternehmen aus dem Silicon Valley steht Uber für Expansion und Wachstum um jeden Preis, für den Angriff auf ganze Branchen, auch für Skrupellosigkeit. Seit der Gründung 2009 hat die Mitfahr-App aus San Francisco ihre oft um ein Vielfaches größeren Wettbewerber vor sich hergetrieben: Taxifahrer weltweit bangen um ihre Zukunft; Logistikkonzerne erzittern, sobald der Name Uber nur in einer Branchenstudie auftaucht. Eine Wachstumsstory, die Investoren auf eine Bewertung von fast 70 Milliarden Dollar aufgeblasen haben; kein Unternehmen der Welt, nicht Google oder Facebook, war je schon vor seinem Börsengang so teuer.

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Quelle: dpa

Doch der Uber-Flieger scheint vom Glück verlassen. Zur Debatte um die Unternehmenskultur hat sich Uber jetzt eine Klage von Google eingehandelt. Patente für selbstfahrende Autos sollen geklaut sein. Ohnehin kämpft Uber gegen Fahrverbote weltweit, strengere Regulierung und erfolgreiche Nachahmer. Nun werden erste Investoren nervös: Sie sehen durch die Probleme den Wert ihrer Anteile in Gefahr, sollte das Start-up bei dem für dieses Jahr geplanten Börsengang nicht den gewünschten Preis einspielen.

Zumal auch das Uber-Kerngeschäft noch immer nicht läuft: Weder dominiert Uber das Vermitteln von Personenfahrten, noch läuft es profitabel. In den ersten neun Monaten 2016 machte Uber aus 3,76 Milliarden Dollar Umsatz 2,2 Milliarden Dollar Verlust; neuere Zahlen veröffentlicht Uber noch nicht, aber sie dürften sich kaum verbessert haben.

Wie viel Potenzial steckt noch im vermeintlich wertvollsten Start-up der Welt?

Die Harte-Jungs-Kultur

Wie sehr sich Uber vom Faszinosum des Silicon Valley zum Krisenherd gewandelt hat, zeigt die Personalie Amit Singhal: Singhal sollte das neue Mastermind für Ubers Software werden. Kalanick feierte 2016 die Neuverpflichtung: Singhal galt nach 16 Jahren an der Spitze der bisher erfolgreichsten Idee des Internetzeitalters – Googles Suchmaschine – als Softwaregenie und Erfolgsgarant. Doch nach wenigen Wochen im Amt muss Kalanick ihn entlassen: Google hatte wegen sexueller Belästigung gegen Singhal ermittelt, wie erst jetzt bekannt wurde. Vor Kurzem hätte Kalanick Singhal vielleicht noch einen Klaps auf die Schulter gegeben. Doch Uber hat gerade selbst einen Belästigungsskandal am Hals.

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