Schlecker weist Vorwürfe zurück: "Insolvenz war für ihn nicht vorstellbar"

Schlecker weist Vorwürfe zurück: "Insolvenz war für ihn nicht vorstellbar"

, aktualisiert 06. März 2017, 12:50 Uhr
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Anton Schlecker zu Prozessbeginn.

Vor fünf Jahren ging das Schlecker-Imperium pleite. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Drogerie-König Anton Schlecker vor, das bereits vorhergesehen zu haben. Der bestreitet die Vorwürfe.

Der ehemalige schwäbische Drogerie-König Anton Schlecker hat die drohende Milliarden-Pleite seines Unternehmens bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Sein Verteidiger Norbert Scharf wies am Montag vor dem Landgericht Stuttgart den Vorwurf des betrügerischen Bankrotts zurück: "Die Insolvenz seines Unternehmens war für ihn schlicht nicht vorstellbar. Die Firma war sein Lebenswerk - und blieb es bis zuletzt."

Bankrott-Prozess Familie Schlecker zieht in den Kampf

Zum Auftakt des Strafprozesses gegen Anton Schlecker kristallisiert sich die Strategie der Verteidigung heraus: keine Kapitulation. Der Clan will die Vorwürfe der Anklage im Detail zerpflücken.

Schlecker-Clan zum Prozessauftakt. Quelle: REUTERS

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 72-Jährigen vor, vor der Insolvenz Millionen aus der einst größten deutschen Drogeriemarkt-Kette gezogen zu haben - Geld, das überwiegend seinen Kindern zugute kam, den Gläubigern aber fehlte. Das Unternehmen sei spätestens Ende 2009 insolvenzreif gewesen, gut zwei Jahre bevor Schlecker tatsächlich Insolvenz anmeldete, sagte Staatsanwalt Thomas Böttger.

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Die einst größte deutsche Drogeriekette habe seit 2004 nur noch in einem Jahr - 2006 - operativ Gewinne geschrieben, sagte Böttger. Spätestens 2009 habe Schlecker gewusst, dass seinem Unternehmen der Zusammenbruch drohte. Da habe es keine Aussicht mehr gegeben, mittelfristig in die Gewinnzone zurückzukehren. Schlecker habe zu diesem Zeitpunkt weder nennenswertes Vermögen gehabt, um die Dauer-Verluste auszugleichen, noch Aussicht auf Kredite. Dass er die Insolvenz vermeiden wollte, stehe nicht im Widerspruch zur Anklage, betonte der Staatsanwalt. Schlecker haftete als "eingetragener Kaufmann" allein für den Konzern aus Ehingen bei Ulm. "Er wollte in seinem Unternehmen frei schalten und walten", sagte Staatsanwalt Christoph Buchert. "Aber dann muss ich auch in der Krise mein Vermögen zusammenhalten."

Anton Schlecker Showdown in Saal 18

Ganz in Schwarz erscheint der Drogisten-Clan vor Gericht: Drogeriepleitier Anton Schlecker und seine Familie sitzen ab heute im Wirtschaftsstrafprozess des Jahres auf der Anklagebank. Wer spielt in dem Fall welche Rolle?

Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker (l) kommt am 06.03.2017 zu Beginn des Prozesses ins Landgericht in Stuttgart (Baden-Württemberg). Die Familie Schlecker steht wegen des Vorwurfs des vorsätzlichen Bankrotts der Drogeriemarktkette Schlecker und möglicher Beihilfe vor Gericht. Foto: Marijan Murat/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Der weißhaarige Schlecker wirkt neben seinen Verteidigern klein, als er im Nadelstreifenanzug den Saal im Untergeschoss des Landgerichts betritt. Der für schreiend bunte Oberhemden bekannte Mann trägt diesmal einen schwarzen Rollkragenpullover. Die Verhandlung verfolgt er fast reglos, nur die Augen wandern ständig hin und her zwischen Richter, Publikum und Staatsanwalt.

Anton Schlecker sei kein skrupelloser Unternehmer, betonte sein Verteidiger. Er sei "ein schwäbischer Unternehmertyp klassischen Zuschnitts". Vor dem Gericht gehe es darum, "die individuelle Vorstellungswelt von Herrn Schlecker" aufzuklären, sagte Verteidiger Scharf. Die Frage sei, ob der Metzgermeister erkannt habe, wie schlecht es um seinen Konzern stehe.

PremiumSchlecker Die Anatomie einer Milliardenpleite

Der Drogistenclan Schlecker steht vor Gericht. Hat die Familie im großen Stil Geld beiseitegeschafft? Recherchen der WirtschaftsWoche zeigen, ab wann die Kernschmelze im Schlecker-Reich einsetzte - und wie sie ablief.

Schlecker: Der Prozess gegen den Pleite-Clan. Quelle: dpa

Auf betrügerischen Bankrott in einem schweren Fall, wie er Schlecker vorgeworfen wird, steht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Lars und Meike Schlecker sowie ihre Mutter sind unter anderem wegen Beihilfe zum Bankrott angeklagt. Die Anklage umfasst daneben Insolvenzverschleppung, Untreue und eine falsche eidesstattliche Versicherung vor dem Insolvenzrichter. Auch zwei Wirtschaftsprüfer von EY (Ernst & Young), die falsche Bilanzen von Schlecker abgesegnet haben sollen, stehen vor Gericht. Bei der Pleite hatten mehr als 23.000 meist weibliche Mitarbeiter - die sogenannten "Schlecker-Frauen" - ihre Arbeit verloren. Die Gläubiger blieben auf mehr als einer Milliarde Euro sitzen.

Zum Wohle der Kinder

Im Kern geht es darum, dass Schlecker jahrelang Millionen auf die Logistik-Gesellschaft LDG umgeleitet haben soll, die die Filialen mit Waren aus dem Zentrallager belieferte und nicht zum Konzern gehörte, sondern Schleckers Kindern Lars und Meike. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Schlecker "zum Wohle seiner Kinder" bewusst überhöhte Preise an die LDG gezahlt hat und sein Unternehmen damit geschädigt hat. Andererseits hätten die Kinder als stille Gesellschafter von Schlecker dem Vater insgesamt 320 Millionen Euro geliehen, die er aber - mit Billigung seiner Wirtschaftsprüfer - als Eigenkapital verbuchte. Tatsächlich sei Schlecker schon Ende 2010 überschuldet gewesen, während auf dem Unternehmen fast eine Milliarde Euro Schulden lasteten.

Stationen der Schlecker-Insolvenz

  • 23. Januar 2012

    Schlecker meldet Insolvenz an.

  • 28. März 2012

    Das Verfahren wird eröffnet. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft noch auf die Rettung von Teilen der Drogeriekette.

  • 27. Juni 2012

    Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein zweites Grundstück soll sein Sohn bekommen haben.

  • 18. Juli 2012

    Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen Anton Schlecker ein.

  • 19. Juli 2012

    Die Schlecker-Gläubiger fordern mehr als eine Milliarde Euro.

  • 30. November 2012

    Der österreichische Investor Rudolf Haberleitner will 2013 bis zu 600 ehemalige Schlecker-Filialen mit dem Konzept eines modernen Tante-Emma-Ladens wiederbeleben.

  • 19. März 2013

    Gut ein Jahr nach der Pleite zahlt die Familie Schlecker dem Insolvenzverwalter 10,1 Millionen Euro. Hintergrund ist der Streit um übertragenes Vermögen aus dem Unternehmen.

  • 9. April 2013

    Haberleitner will einstige Schlecker-Filialen unter dem Namen Dayli wiederbeleben und Testläden in Deutschland eröffnen.

  • 4. Juli 2013

    Noch vor dem geplanten Deutschland-Start ist der Schlecker-Nachfolger Dayli pleite.

  • 13. April 2016

    Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt Anklage gegen Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts.

  • Sommer 2016

    Der Insolvenzverwalter reicht Klage gegen ehemalige Schlecker-Lieferanten ein. Sie sollen Schlecker wegen illegaler Preisabsprachen um viel Geld gebracht haben. Geiwitz will Schadenersatz in Millionenhöhe.

  • 7. Dezember 2016

    Es wird bekannt, dass das Landgericht die Anklage zulassen will. Der Schlecker-Prozess soll im März 2017 beginnen.

  • 6. März 2017

    Der Prozess vor dem Landgericht Stuttgart beginnt.

  • 20. November 2017

    Staatsanwalt Thomas Böttger fordert für Anton Schlecker drei Jahre Haft. Lars Schlecker soll nach dem Willen der Staatsanwälte zwei Jahre und zehn Monate in Haft, Meike zwei Jahre und acht Monate. Die Verteidigung hält die Forderungen für „überzogen“, nennt aber selbst kein empfohlenes Strafmaß.

  • 27. November 2017

    Das Urteil des Landgerichts Stuttgart ist am Ende doch eine Überraschung: Anton Schlecker muss nicht ins Gefängnis. Das Gericht verurteilte den 73-Jährigen wegen vorsätzlichen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 54.000 Euro. Schleckers Kinder Lars (46) und Meike (44) wurden dagegen zu Haftstrafen von zwei Jahren und acht Monaten beziehunsgsweise zwei Jahren und neun Monaten verurteilt, unter anderem wegen Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott.

Im Prozess spielen auch teure Urlaubsreisen mit der Familie, Schenkungen an die Enkel und ein Beratervertrag für Schleckers Frau eine Rolle. Das Verfahren dürfte sich mindestens bis in den Herbst ziehen. Anton Schlecker werde sich später zu den Vorwürfen äußern, sagte sein Anwalt. Auch die Verteidiger von Lars, Meike und Christa Schlecker wiesen die Anklage zunächst nur pauschal zurück.

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