Standort Deutschland: Wer der deutschen Wirtschaft Dampf macht

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Standort Deutschland: Wer der deutschen Wirtschaft Dampf macht

von Reinhold Böhmer, Rebecca Eisert, Konrad Fischer, Thomas Glöckner, Franz Hubik, Jürgen Salz, Harald Schumacher und Mark Fehr

Während das politische Berlin die Republik eher verwaltet, wagen sich Unternehmen auf neue Felder, die Wachstum und Arbeitsplätze in den kommenden Jahren versprechen. Die Innovationen sprießen in allen Branchen, der Schwung kommt aus allen Regionen.

Der Start 2015 wird diffus. Der schwächelnde Euro, dazu der tiefe Ölpreis und niedrige Zinsen, für Unternehmen wirkt das wie ein gigantisches Konjunkturprogramm – Paradies ante Portas. Gleichzeitig aber locken die USA mit niedrigen Strom-, Öl- und Gaspreisen, ist die Energiewende hierzulande offen, bringen Konflikte deutsche Unternehmen um Absatzmärkte, erst Iran und Irak, dann Russland – politische Hilfe: Fehlanzeige.

Umso wichtiger wird da, wohin der Produktionsstandort Deutschland, unabhängig von solchen Einflüssen, tendiert. Die Antwort stimmt optimistisch. Denn im Maschinenraum der deutschen Wirtschaft, im verarbeitenden Gewerbe, tut sich etwas.

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Stufen der industriellen Entwicklung

  • Erste industrielle Revolution

    Die erste industrielle Revolution datiert man auf das Ende des 18. Jahrhunderts. Gekennzeichnet war sie durch die Einführung mechanischer Produktionsanlagen, die durch Wasser- und Dampfkraft angetrieben wurden. In dieser Zeit wurde auch der erste mechanische Webstuhl entwickelt.

    Quelle: Deutsche Bank Research Industrie 4.0 - Upgrade des Industriestandorts Deutschland steht bevor, Stand: Februar 2014

  • Zweite industrielle Revolution

    Die Erfindung erster Fließbänder in Schlachthöfen in den USA ist Symptom der zweiten industriellen Revolution. Die Verfügbarkeit elektrischer Energie für Produktionszwecke bedingte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion.

  • Dritte industrielle Revolution

    In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts automatisierte sich die Produktion weiter. Von diesem Zeitraum an wurde nicht mehr nur Arbeitsteilung betrieben, sondern ganze Arbeitsschritte wurden von Maschinen übernommen. Die Grundlage für diese Entwicklung war der Einsatz von Elektronik und IT.

  • Vierte industrielle Revolution: Industrie 4.0

    Die Industrie 4.0 soll die vierte industrielle Revolution werden. In der "intelligenten Fabrik" sollen Menschen, Maschinen und Ressourcen miteinander kommunizieren. Das jeweilige Produkt soll, gefüttert mit Informationen über sich selbst, seinen eigenen Fertigungsprozess optimieren können.

So dürfte die Digitalisierung der Fertigung, kurz: Industrie 4.0, in den kommenden zehn Jahren die Kosten in wichtigen Branchen deutlich reduzieren. Das sichert vorhandene und schafft rund 390.000 neue Jobs, prognostiziert die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einer unveröffentlichten Studie.

„Die Schätzung ist eher konservativ“, sagt BCG-Partner Michael Rüssmann. Wie viele neue Jobs es durch mehr Umsatz gebe, weil Produkte individueller auf Konsumenten zugeschnitten oder vielseitiger werden könnten, werde tendenziell unterschätzt.

Zum anderen haben viele Unternehmen gerade erst begonnen, die Produktion zu modularisieren, das heißt: die Komponenten gleichzuschalten und Varianten auf wenige Grundtypen zurückzuführen. Damit lasse sich der Output pro Mitarbeiter um 15 bis 20 Prozent erhöhen, das Investitionsvolumen um bis zu einem Drittel reduzieren und die Durchlaufzeit in der Fabrik halbieren. Zu diesem Ergebnis kommt der Münchner Betriebswirtschaftsprofessor Horst Wildemann nach der Auswertung von 18 Firmenprojekten.

Die Industrie 4.0 soll neue Arbeitsplätze schaffen

Die Industrie 4.0 soll neue Arbeitsplätze schaffen (für eine größere Ansicht bitte anklicken)

Für Betriebe, die alle organisatorischen Rationalisierungsmaßnahmen durchgezogen hätten, sei dies nun „der größte Hebel, um den Industriestandort Deutschland zu sichern“.

Wie groß die Aufbruchstimmung ist, zeigt eine Reise von der Waterkant bis zum Alpenrand.

Marc O'Polo, Stephanskirchen: Perfektionist

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Werner Böck, Marc O'Polo: Die Modefirma aus Oberbayern digitalisiert die Lieferkette - vom Design über den ersten Nadelstich bis zum Verkauf. 452 Millionen Euro Umsatz.

Werner Böck bleibt sich treu. Der Eigentümer des Modelabels Marc O’Polo im oberbayrischen Stephanskirchen macht noch immer in Bekleidung – wie einst im elterlichen Herrenausstattungsgeschäft in Rosenheim oder in seiner Lehrzeit während der Swinging Sixties beim Modedesigner John Stephen in Londons Carnaby Street.

Und weil Böck, inzwischen Aufsichtsratschef von Marc O’Polo, an seinem Metier hängt, verpasst er seinem Unternehmen eine tief greifende Modernisierung. Böck („Ich bin ein ziemlicher Perfektionist“) lässt das Geschäft gerade wie kaum ein anderer in der Branche auf Effizienz trimmen. Herauskommen soll die totale Digitalisierung von der Herstellung bis zum Verkauf mithilfe von RFID.

Das Kürzel steht für Radio Frequenz Identifikation und beschreibt die Erkennung von Artikeln durch winzige Chips, die an Waren angebracht werden und ihre Informationen nach Bestrahlung durch elektromagnetische Wellen preisgeben. „Wir verbessern die Effizienz unserer Prozesse“, sagt Jana Hildenbrand, bei Marc O’Polo für die Unterstützung des Vertriebs zuständig. „Damit hat das Verkaufspersonal mehr Zeit für die Beratung, unsere Kunden sind zufriedener, und das Unternehmen kann mit höherem Umsatz rechnen.“

Was auf den ersten Blick spröde klingt, katapultiert das Unternehmen mit rund 1900 Beschäftigten in Wirklichkeit in ein neues Zeitalter. Denn mit RFID legt die Zentrale in Stephanskirchen praktisch alle Marc-O’Polo-Klamotten digital an die Kette, egal, ob Blusen, Blazer oder Schuhe.

Haben die Designer von Marc O’Polo ein Bekleidungsstück entworfen, die Näher ein Muster erstellt und die Einkäufer den Auftrag zur Produktion erteilt, werden Etiketten gedruckt, die später im Laden an den Klamotten hängen. Diese sind nicht nur beschriftet. Sie enthalten zugleich RFID-Chips und diese wiederum eine eigene Nummer für jeden einzelnen Artikel. Die Pappschildchen mit digitalem Inhalt gehen dann nach Portugal, Italien, Indien, Vietnam oder in die Türkei, je nachdem wo die Kleidungsstücke für das Modelabel produziert werden.

RFID-Chip an den Hacken Die Socken-Ortung löst Manns Sortierproblem

Liebe männliche Leser: Das Problem, um das es geht, ist nicht unseres. Mutti, Gattin oder Haushaltshilfe sortieren unsere schwarzen Socken. Dennoch gibt es bahnbrechende Neuigkeiten um die Socke an sich.

Endlich können Männer aufatmen, so ist doch eines der ältesten Probleme der Menschheit gelöst - Nie wieder vertauschte Socken Quelle: blacksocks.com

Von dem Moment an, in dem ein Mitarbeiter der Nähfabrik das Etikett an der fertigen Ware anbringt, haben die Oberbayern die volle Kontrolle über jedes Stück. Ob beim Wareneingang im Auslieferungslager, beim Sortieren der Teile für den einzelnen Laden oder unmittelbar vor dem Versand der Pakete an den Store – RFID-Chips liefern jeweils die Information, ob die Sendung wirklich mit dem übereinstimmt, was auf dem Lieferschein steht.

Früher blieb den Marc-O’Polo-Mitarbeitern im Wareneingang nur, Stichproben zu ziehen und dazu mühselig Kartons zu öffnen. „Den Rest haben wir geglaubt“, sagt Managerin Hildenbrand. Heute erkennt ein Lesegerät durch den geschlossenen Karton hindurch in Bruchteilen von Sekunden die Zahl der Teile.

Mindestens so groß ist der Erkenntnis- und Zeitgewinn in den Marc-O’Polo-eigenen Läden. Schafft ein Mitarbeiter etwa Ware vom Lager- in den Verkaufsraum, muss er nicht mehr jedes Etikett einscannen und im IT-System umbuchen. Am Schluss der Kette muss an der Kasse kein Produkt mehr von Hand gescannt oder entsichert werden. Stattdessen liest eine Antenne unter dem Kassentresen die Informationen aus dem Chip aus.

Unterm Strich erhofft sich Marc O’Polo allein durch die jüngste technologische Aufrüstung rund drei Prozent mehr Umsatz, etwa dreimal so viel wie die Wachstumsrate der deutschen Bekleidungs- und Textilienbranche 2013.

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