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Länderanalyse: Armes Italien

von Tim Rahmann

Die Südeuropäer haben Unternehmen mit Weltruf. Doch korrupte Behörden und unfähige Politiker treiben das Land an den Abgrund. Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte beim Staatsbesuch in Rom auf Mario Monti einzuwirken. Doch der italienische Premierminister verliert zunehmend den Überblick.

Der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler lehnt die direkte Kreditvergaben der Euro-Rettungsfonds an notleidende Banken, wie sie der EU-Gipfel gerade beschlossen hat, ab. „Das ist ein erneuter Dammbruch", sagte der Euro-Skeptiker Schäffler am Freitag. „Jetzt boxen wir auch (nach einigen deutschen Instituten) andere europäische Banken mit Steuerzahlergeld heraus", bemängelte er. „Die bisherigen Regeln lassen das eigentlich nicht zu", ergänzte er. „Es geht also alles immer stärker in diese Transferunion hinein.“

Auch die Schaffung einer europäischen Bankenaufsicht trifft auf Skepsis bei Schäffler. „Ich sehe das insofern kritisch, als das nicht schnell realisierbar ist", sagte er. Ein solches Vorhaben brauche Zeit, aber die Krise gebe es aktuell. „Jetzt eine neue Bankenaufsicht zu schaffen in so einer schwierigen Phase, das halte ich für sehr schwierig und das schafft vielleicht weitere Verunsicherung". Dass die EZB bei dieser europäischen Bankenaufsicht eine bestimmende Rolle spielen solle, sehe er allerdings nicht so kritisch.

Bild: dpa

Angela Merkel liebt Italien. Wären da nicht die Männer. Bereits zum dritten Mal seit ihrem Einzug ins Kanzleramt hat die Bundeskanzlerin im April dieses Jahres Urlaub auf Ischia gemacht. Jener Vulkaninsel im Golf von Neapel, die die prominente Besucherin mit ihren zahlreiche Stränden und heißen Quellen verwöhnt, mit Zitronen- und Olivenbäumen und der historischen Festung „Castello Aragonese“.

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Das Italien-Bild der Bundeskanzlerin könnte so rosig sein, wären da nicht die heißblütigen und unkontrollierbaren Männer. Silvio Berlusconi etwa ließ Merkel und ihre Amtskollegen beim NATO-Gipfel mal für ein Telefonat minutenlang links liegen, seine Zeitungen beleidigen die Kanzlerin seit dem Ausbruch der Schuldenkrise als „Fettarsch“ und nun hat auch Mario Monti, der Berlusconi-Nachfolger im Amt des italienischen Ministerpräsidenten, die deutsche Bundeskanzlerin brüskiert. Beim EU-Gipfel am Freitag erpresste er gemeinsam mit Spanien die deutsche Regierungschefin – und drückte so eine lasche Vergabepraxis von Hilfskrediten durch den Euro-Rettungsschirm durch.

Ratlosigkeit und Enttäuschung

Am Mittwochnachmittag, beim Besuch der deutschen Bundeskanzlerin in Rom, versuchte Monti zwar die Wogen zu glätten. „Es ist mir jedes Mal immer wieder eine Freude, mich mit Angela Merkel zu treffen“, betonte er. Doch der Gesichtsausdruck von Merkel zeigte: Die Stimmung zwischen Deutschland und Italien ist frostig. Dabei hatten die Deutschen wie die Italiener so große Hoffnungen in den ehemaligen EU-Kommissar gesetzt, der überparteilich regiert und das Land nach den aufreibenden, skandalösen Berlusconi-Jahren wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen sollte. Doch Monti hat seine Vorschusslorbeeren längst aufgebraucht, in Europa, an den Kapitalmärkten und in seiner Heimat herrscht ein Mix aus Ratlosigkeit und Enttäuschung.

Wissenswertes über Italien

  • Italiener leben lang – und ungesund

    Das Klima und die mediterrane Küche sind wohl ausschlaggebend für die hohe Lebenserwartung der Italiener. In Europa führen sie die Liste aller OECD-Staaten an, weltweit belegen sie den zweiten Platz. Die Lebenserwartung beträgt bei Frauen circa 83 Jahre, bei Männern 78 Jahre. Ungefähr 19 Prozent der Italiener sind älter als 65 Jahre.

    Dennoch ist auch im Stiefelstaat der Trend zum Übergewicht festzustellen. Italien hat der adipösen Gesellschaft den Kampf angesagt und so gibt es in Italien einige Krankenhäuser, die sich ausschließlich um fettleibige Patienten kümmern.

  • Das sind die reichsten Italiener

    Der Süßwarenfabrikant Michele Ferrero ist der reichste Mann Italiens. Sein Vermögen wird auf 17 Milliarden Dollar geschätzt. Leonardo Del Vecchio, Gründer von Luxottica, folgt auf Rang zwei.

  • Verkaufsschlager Wein und Öl

    Die italienische Landwirtschaft spielt insgesamt keine große Rolle. In zwei Bereichen sind die Italiener dennoch Weltspitze: So produzierte das Land 2010 rund 44,8 Millionen Hektoliter Wein. Nur Frankreich stellt mehr Wein her. Außerdem ist Italien, nach Spanien, der zweitgrößte Erzeuger von Olivenöl.

  • Italiens beste Kunden

    Italiens Handelspartner befinden sich in direkter Nähe zu dem Land. Deutschland ist der wichtigste Partner, gefolgt von Frankreich. Italiens Produkte erfreuen sich besonders in Großbritannien, Spanien und den USA großer Beliebtheit. Importiert wird aus den Niederlanden, China, Libyen und Russland.

  • Was kann Italien besser als Deutschland?

    Eindeutig Brillen herstellen! Denn Luxottica, mit Sitz in Agordo (Provinz Belluno) ist der weltgrößte Brillenhersteller. Seit 1995 kauft das italienische Unternehmen US-Marken wie Ray-Ban und Oakley auf.

  • Italiens "Blaue Banane"

    Mailand, Turin und Genua sind die größten Wirtschaftszentren Italiens. Sie sind Teil des europäischen Wirtschaftsraumes, der durch neun Länder führt und "Blaue Banane" heißt. Zentrale Einrichtungen der Europäischen Union und 20 Weltstädte befinden sich in der Zone. Hier sind die Bevölkerung, die Wirtschaft, das Kapital und die Infrastruktur sehr gut verwoben und bilden somit eine wirtschaftliche Achse Europas. Vergleichbar ist dieser Wirtschaftsraum mit BosWash in den USA.

  • Die kuriosesten Gesetze

    Kuriose Gesetze sind in Italien keine Seltenheit. So müssen Hunde dreimal täglich Gassi gehen. Die Polizei darf sich bei den Nachbarn auch erkundigen, ob dies eingehalten wird. Hohe Geldstrafen sind ausgesetzt, wer sich nicht an die Gesetze halten will. Wer sich in der Lombardei abends auf einer Bank ausruhen will, muss sich vergewissern, dass nicht mehr als drei Personen Platz nehmen. Denn in einem öffentlichen Park ist dies streng reglementiert.

  • Reich an Kultur

    Italien ist das Land mit den meisten Welterbestätten. Italien ist in Besitz von 100.000 Denkmälern. Darunter befinden sich nicht nur Kirchen, Galerien und Schlösser. Auch archäologische Funde, Brunnen und Villen fallen unter den Denkmalschutz.

„Italien ist eigentlich sehr stark, es hat die Möglichkeiten aus eigener Kraft heraus, sich selbst zu reformieren und für Aufbruchsstimmung zu sorgen“, sagt Norbert Pudzich, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Italienischen Handelskammer mit Sitz in Mailand im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Doch: „Das Reformtempo ist langsamer als es Monti, die Euro-Partner und die Finanzmärkte gerne hätten.“

Die Folge: In den vergangenen Monaten sind die Zinsen, zu denen sich Italien am Anleihemarkt Geld besorgen kann, immer weiter gestiegen. Mario Monti reagiert darauf ungehalten. Mal jammert er über die unfaire Behandlung der Kapitalmärkte, mal fordert er die Einführung von Eurobonds.

Damit verkennt Monti die Realität. Denn das Misstrauen der Kapitalmärkte, die auch nach dem EU-Gipfel rund sechs Prozent Zinsen für ihr Geld haben wollen, ist berechtigt. Zu vieles liegt in Italien im Argen.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 08.07.2012, 22:13 UhrKaiserFranzJosef

    Wie kommt man in Deutschland eigentlich auf die Hirnrissigkeit, dass Italien von Deutschland Geld erhält oder braucht ? Es ist das Gegenteil der Fall, Italien rettet zu 20% mehrheitlich deutsche Forderungen in Esp, Portugal, Irland, Griechenland mit, hat aber kaum eigene !
    Die gegenwärtige Zinsdivergenz basiert nicht auf Fundamentaldaten sondern ist eine Testwette auf die Solidarität in der Eurozone.
    Die selbstgerechte Analyseschwäche der Deutschen ist nichts weniger als haarsträubend und ein echter Irrwitz.

  • 04.07.2012, 21:43 UhrDreist

    Monti soll auf die großen Privatvermögen der italiener zurückgreifen, immerhin 173% des BIP (in D nur 127 %). Er soll auch seine Schttenwirtschaft verkleinern, immerhin ein Drittel des BIP.
    Vo dem Euro hatte Italien über 12 % Zinsen zu zahlen. Nur weil der Schwarzmarkt zum BIP gezählt wurde, "erfüllte" Italien die Konvergenzkriterien.
    Es ist eine Dreistigkeit, unmoralisch dazu, von den Steuerzahlern anderer Länder zu fordern, dass diese für die italienische Misere zahlen.

  • 04.07.2012, 21:37 UhrPinin

    Kann mir bitte mal jemand erklären mit welcher Berechtigung ein reiches Land wie Italien, das aber unter Steuerhinterziehung, Korruption, Bürokratie, Gewerkschaften und der Mafia leidet jetzt von Nachbarländern Geld fordert um seine Schulden zu bezahlen?
    Die Nachbarn, auch ärmere Nachbarn und Bürger sollen also dafür zahlen, dass man seine eigenen vermögenden Bürger schonen kann?

    Und kann mir bitte mal jemand erklären warum das die deutsche Regierung und die deutsche Opposition gut und richtig finden und zahlen wollen?

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