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Ernährung: Die große Verschwendung

von Susanne Kutter

Ein Drittel aller weltweit hergestellten Lebensmittel landet im Müll, in Industrienationen sogar die Hälfte. Neue Technologien und eine bessere Aufklärung sollen die Verschwendung stoppen. Ein neues Buch zeigt mögliche Auswege.

ARCHIV - Kartoffeln, Quelle: dpa
ARCHIV - Kartoffeln, aufgenommen am 12.10.2006 in Berlin. Das Erbgut der Kartoffel ist sequenziert. Damit haben Forscher den Bauplan von einem in großen Teilen der Welt zentralen Grundnahrungsmittel entziffert. Die genetischen Daten könnten dazu beitragen, die Züchtung der Kartoffel zu verbessern und zum Beispiel Sorten zu entwickeln, die besser vor Schädlingen geschützt sind oder höhere Erträge liefern, schreiben die Forscher im Fachblatt «Nature». (Zu dpa "Kochen, braten, sequenzieren: Forscher entziffern Kartoffel-Genom"). Foto: Gero Breloer dpa/lbn (c) dpa - Bildfunk Quelle: dpa

Klaudia Fischer kommt sich oft vor wie in einer verkehrten Welt: Die Mitarbeiterin eines Berliner Supermarkts dachte eigentlich, sie solle Lebensmittel vor allem verkaufen. Stattdessen verbringt sie viel Zeit damit, sie wegzuwerfen. Milchprodukte sortiert sie schon zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus. Und beim Gemüse holt sie Zwiebeln, Lauch, Radieschen und Kopfsalate nach einem einzigen Verkaufstag aus dem Regal. Auch wenn sie noch einwandfrei sind.

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Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel landen in Industrienationen im Müll. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden, bevor es überhaupt unseren Esstisch erreicht: Jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot werden in Deutschland weggeworfen.

Allein der Anteil originalverpackter und angebrochener Lebensmittel liegt im deutschen Haushaltsmüll bei über zehn Prozent. Jeder Konsument wirft im Schnitt 100 Kilogramm Essbares pro Jahr in den Müll. Damit liegt der Wert der jährlich weggeworfenen Lebensmittel bei 400 Euro je Haushalt. Pro Jahr ergibt das einen Müllberg von 10 bis 20 Millionen Tonnen – 500.000 Lastwagen-Ladungen voll. In eine Reihe gestellt, würden sie von Berlin bis Peking reichen. Auch weltweit erreicht die Verschwendung gigantische Ausmaße: Etwa ein Drittel aller Lebensmittel landet im Abfall – laut der Welternährungsorganisation (FAO) 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr.

Das ist nicht nur ökonomischer Irrsinn in einer Zeit, in der aufgrund steigender Weltbevölkerung die Lebensmittel knapper werden und in der steigende Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen zu blutigen Unruhen führen. Dass Lebensmittel zu Abfall werden, wirkt sich auch auf das Weltklima aus: Die Landwirtschaft verschlingt riesige Mengen Energie, Wasser, Dünger, Pestizide und Regenwaldflächen und ist damit für mehr als ein Drittel der weltweit emittierten Treibhausgase verantwortlich.

Konsumenten geben den Ton an

Der in Köln lebende Regisseur Valentin Thurn hat das Ausmaß dieser Verschwendung auf der ganzen Welt untersucht und die Frage nach den Ursachen gestellt. Dafür hat Thurn mit Supermarktmanagern, Bäckern, Großmarkt-Inspektoren, Ministern, Bauern und EU-Politikern gesprochen. Die wichtigsten Thesen der Recherchen von ihm und seinem Autorenkollegen Stefan Kreutzberger, die am 18. August unter dem Titel "Die Essensvernichter" als Buch erscheinen, druckt die WirtschaftsWoche exklusiv vorab.

Es ist ein weltweites System mit vielen Facetten und zahlreichen Mitspielern. Doch die Käufer in Industrienationen geben den Ton an: Eine immer globaler agierende Lebensmittelindustrie bedient ihre Bedürfnisse mit Vorrang.

So bleibt in Deutschland etwa die Hälfte aller Kartoffeln auf dem Acker liegen, weil sie zu groß, zu klein oder zu unegal sind für die Normvorgaben der Lebensmittelhändler, sagt Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Kartoffelbauer im westfälischen Spenge und ehemaliger grüner Europaabgeodneter: "Wir legen Kriterien an, die mit der Ernährungsqualität nichts zu tun haben." Auch europäische Gurken sollen gerade sein, damit sie besser in die Kisten passen. 2009 kippte die EU zwar die Vermarktungsnormen für 26 Obst- und Gemüsesorten. So darf der Rettich jetzt wieder zwei Wurzeln haben, die Karotte verzweigt gewachsen sein und die Gurke krumm. Nur: Die Supermärkte wollen sie nicht, sie halten an den alten Normen fest.

Kleine Früchte fliegen raus

Das hat Auswirkungen auf der ganzen Welt. So sortieren in Kamerun Mitarbeiter der landesweit größten Bananenplantage Plantations du Haut Penja am Fuß des Kamerunberges Früchte allein deshalb aus, weil sie den Vorstellungen der Aufkäufer nicht entsprechen. Der Chef der Plantage, Hilaire Tsimi Zoa, klagt: "Die Supermärkte und Importeure in Europa geben uns immer mehr Normen vor: die Größe der Frucht, die Länge, ja sogar die Anzahl der Bananen an einem Strunk." Acht Prozent der Bananen wandern deshalb direkt nach der Ernte auf den Müll. Weitere Verluste kommen beim Transport hinzu.

In den Großmärkten, wo die Waren an Lebensmittelhändler und Gastronomen verkauft werden, geht der Wahnsinn weiter. Dort fallen täglich gigantische Müllberge an. Etwa im Pariser Großmarkt Rungis, wo schon morgens um sechs Uhr nach Ende des Fischverkaufs Thunfische, Garnelen und Muscheln kistenweise in die Abfallcontainer gekippt werden. Kurz darauf gibt Großmarkt-Inspektor Tony Apfelbaum eine knapp neun Tonnen schwere Ladung Orangen zur Entsorgung frei. "Für den Großmarkt hier ist das nicht ungewöhnlich viel, manchmal werden noch größere Mengen auf den Müll geworfen", sagt er.

11 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 15.01.2012, 17:49 UhrM.Wehnin

    Sehr lesenswert zu dieser Thematik: T. Stuart: "Für die Tonne".
    Ich glaube, es ist nicht in Ordnung, immer 1a- Qualität bei Lebensmitteln zu erwarten. Ist doch klar, dass dann die 2. Qualität von den Händlern nicht mehr verkauft (meist ja nicht mal mehr angeboten!) wird. Genau so ignorant ist es, immer nur die besten Teile eines Tieres zu essen nach dem Motto "Sollen andere doch die minderwertigen Stücke essen". Betriebswirtschaft in allen Ehren, aber es gibt auch einen Umgang mit Lebewesen, der widerlich ist (wer's nicht glaubt, besuche doch mal einen Schlachthof)...

  • 23.08.2011, 21:15 UhrBesserwisser

    Apropos "Tafeln".
    Wer diese wirklich benötigt, stellt nicht mal 10% der dort aufkreuzenden Klientel.
    Die Tafeln sind inzwischen ein Hobby für gelangweilte bessergestellte und ein Schlaraffenland für Sozialschmarotzer und betrüger (solche, die dort kistenweise Ware abholen und in der eigenen Kneipe verhökern).

    Stadessen sollten Produkte kurz vor dem Ablaufdatum generell runtergesetzt und für alle verkauft werden. in Deutschland muß niemand hungern!

  • 23.08.2011, 21:10 UhrBesserwisser

    Dummer Artikel!
    30% Verlust bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln ist (leider) immer noch branchenüblicher Durchschnitt! Lesen Sie mal die Fachpresse.

    Dieses Drücken auf die Tränendrüse der "Wegwerfgesellschaft" und durch Normen geplagten Dritteweltländer ist billige Polemik. Was hat das in einem Wirtschaftsblatt zu suchen?

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