ThemaEnergiewende

alles zum Thema
_

Energieversorgung: Die Angst vor dem Stromausfall

von Henning Krumrey, Jürgen Salz, Harald Schumacher und Florian Willershausen

Die ersten Wochen seit dem Ausstieg aus der Atomkraft zeigen: Die Sicherheitsreserven schmelzen, Unternehmen drohen Lieferengpässe bei Gas und Strom.

Ausblick Energie 2020: Konventionelle Kraftwerke

Kohle und Erdgas liefern zuverlässig Strom – aber zu höheren Preisen als heute.

Anteil am Strommix: 30 bis 60 Prozent

Erzeugungskosten: 4 bis 12 Cent je kWh

Investitionen: 80 Milliarden Euro

Quelle: dapd

Die Warnung war unmissverständlich: Man bitte die Kunden „dringend“, hieß es schriftlich, „alle zur Reduzierung Ihres Bezugs aus dem Netz zur Verfügung stehenden Maßnahmen anzuwenden“. Der Absender: die Gasversorgung Süddeutschland (GVS), der Grund: Den Schwaben wird ihr Rohstoff knapp. Für einige Abnehmer – Stadtwerke und regionale Gasverteiler – hat das Stuttgarter Unternehmen die Lieferungen bereits reduziert. Auch in Kreisen der bayrischen Wirtschaft heißt es, „mit der Einschränkung der Belieferung der Industrie in den nächsten zwei Wochen muss gerechnet werden“. Zitieren lassen will sich damit niemand – jetzt bloß keine Panikmache.

Anzeige
Standorte von Gaskraftwerken in Deutschland Quelle: Umweltbundesamt
Standorte von Gaskraftwerken in Deutschland Quelle: Umweltbundesamt

Im größten Industrieland des Kontinents wird die Energie knapp. Vergangene Woche, der ersten seit der Energiewende mit knackig frostigen Tagen, häuften sich die Risikofaktoren: Der russische Lieferant Gazprom schickte weniger Erdgas durch die Röhren nach Deutschland; die Kältewelle erfordert nicht nur mehr Gas für die Hausheizung, auch der Stromverbrauch steigt an und damit der Rohstoffbedarf der Gaskraftwerke, die in solchen Fällen zugeschaltet werden.

Denn um die Wohnung aufzuwärmen, holen die Deutschen den alten Ölradiator aus dem Keller oder werfen den Heizlüfter an. Zusätzlich zapft Frankreich Strom aus Deutschland ab – die Nachbarn jenseits des Rheins heizen traditionell mit billiger Elektrizität aus ihren Atommeilern, doch die reicht in der aktuellen Kälteperiode nicht aus. In Frankreich baten die Stromversorger ihre Kunden bereits, die Waschmaschine besser nicht am Abend anzuschalten, die italienische Regierung setzte den Notstandsplan für die Gasversorgung in Kraft.

Gas fehlt, Spannung steigt

Auch hierzulande wächst die Anspannung bei Gasverteilern und Stromversorgern. Zum zweiten Mal in diesem Winter aktivierten die großen Elektrizitätskonzerne die sogenannte Kaltreserve: Bei plötzlich auftretenden Lücken fahren sie alte, eigentlich längst ausgemusterte Anlagen hoch. Auch ein Ölkraftwerk in Österreich musste erneut einspringen. Wettervorhersage paradox: Je tiefer Seen und Bäche einfrieren, desto dünner das Eis, auf dem sich die Energieversorgung der deutschen Unternehmen bewegt.

Seit der Energiewende „ist der Blick aus dem Fenster schon etwas intensiver geworden“, sagt Jörg Rothermel, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Energieintensive Industrien in Deutschland. Denn stärker als früher hängt die Versorgung an den erneuerbaren Energien. Wer seine Produktion für den nächsten Tag plant und keine langfristigen Stromverträge abgeschlossen hat, blickt nicht nur auf die Notierungen an der Strombörse EEX, sondern besser auch auf den Wetterbericht. Denn gerade bei Gasknappheit schauen die Unternehmen in die Röhre: Per Gesetz hat die Versorgung der Haushalte mit Wärme Vorrang vor der Belieferung der Industrie. „Was wir uns als Industriestandort hier leisten, ist schon bemerkenswert“, stöhnt Rothermel. „Von der Politik hört man nur, dass man sich über Kompetenzen streitet, wer was regeln darf.“

„Die einsetzbare Kraftwerksleistung ist infolge der im vergangenen Jahr außer Betrieb genommenen Kernkraftwerke deutlich reduziert, und der gegenwärtige Gasengpass vergrößert dieses Dilemma zudem noch“, analysiert Hans-Peter Villis, der Vorstandsvorsitzende der Energieversorgung Baden-Württemberg (EnBW). Die Versorger müssten mächtig eingreifen, um Engpässe auszugleichen. „Dank vieler gerade in den letzten Tagen durchgeführter Maßnahmen ist die Versorgung noch sicher und stabil, auch wenn die Sicherheitsreserven sich dem Ende zuneigen.“

5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 18.02.2012, 01:28 UhrAnonymer Benutzer: Gruebel

    Die Studie über die innovativsten Energiekonzerne kann fast nur aus der Feder des RWI kommen - RWE an erster Stelle spricht jeder halbwegs objektiven Einschätzung Hohn.
    Schade, dass die Wirtschaftswoche sich immer wieder mit wenig reflektierten Beiträgen vor diesen Zug spannen lässt.

  • 16.02.2012, 11:33 UhrAnonymer Benutzer: nicolo

    Eigentlich sollte mittlerweile jedem klar geworden sein, dass "zu freier" Handel nicht immer gleichzeitig auch die besten Ergebnisse hervorbringt. Diese "Freiheit" haben einige Stromhändler offenbar missverstanden. Die Bundesnetzagentur hat jetzt festgestellt, dass trotz eigentlich ausreichender Stromerzeugungsreserven durch Stromhändler ein Blackout fahrlässig in Kauf genommen wurde, weil diese aus Profitgründen auf die begrenzte (billigere) Regelreserve anstatt auf die (teueren) Strommengen an der Strombörse auswichen und so die Regelreserven reduzierten und das ganze System gefährdeten. Das ein Ausweichen auf die Regelreserven, die eigentlich für einen ganz anderen Zweck vorgehalten werden (Regelung der Stromnetzstabilität), durch die Stromhändler überhaupt möglich war, wird noch aufzuklären sein.

    Ein guter Überblick über den Vorfall ist in der Berliner Zeitung abgedruckt.

    "Händler manipulieren den Strommarkt"
    Von Jakob Schlandt

    http://www.berliner-zeitung.de/energiewende/stromnetz-haendler-manipulieren-den-strommarkt,10808242,11643284.htm

  • 15.02.2012, 07:48 UhrAnonymer Benutzer: Energizer

    Kleine Ergänzung: In Norddeutschland war an den kritischen Tagen (3.- 7.2.) ebenfalls das Gas knapp. Und zwar das L-Gas, das aus den Niederlanden importiert und in Norddeutschland gefördert wird.
    Wie so etwas passieren kann, ist dagegen ein großes Geheimnis: Denn das russische H-Gas und das besagte L-Gas fließen in physisch getrennten Netzen und sind auch nicht mischbar. Daher kann sich ein Rückgang der (russischen) H-Gaslieferungen eigentlich nicht auf die L-Gasversorgung auswirken.

    Offensichtlich gibt es in unserer schönen neuen regulierten Welt einige Fehlanreize für "den Markt", nur noch auf Preise und nicht mehr auf die Versorgungssicherheit zu schauen.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert
Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert

In einer internen Videobotschaft an die HP-Beschäftigten gibt Meg Whitman mehr Details zu dem geplanten Abbau von 27.000...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.