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Neues Produktionssystem: VW spart 1500 Euro pro Auto

05. November 2012
Das VW-Werk in Wolfsburg - Mit einem neuen Produktionssystem will VW bei der Herstellung Milliarden einsparen Quelle: dpaBild vergrößern
Das VW-Werk in Wolfsburg - Mit einem neuen Produktionssystem will VW bei der Herstellung Milliarden einsparen Quelle: dpa
von Martin Seiwert, Martin Fritz und Hans-Jürgen Klesse

Der Golf 7 läutet eine neue Ära des VW-Konzerns ein. Mit einem völlig neuen Produktionssystem wollen die Wolfsburger Milliarden sparen. Die Strategie ist monströs, teuer, riskant und zielt vor allem auf den Rivalen Toyota.

Eine Fabrikhalle in Wolfsburg, mittendrin ein quadratisches Areal, gut 15 mal 15 Meter groß. Milchglas und übermannshohe graue Wände bannen die Blicke Unbefugter. Die Eingangstür trägt die Aufschrift VSC. Dahinter verbirgt sich der geheimste Ort des Volkswagen-Konzerns.

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Wer zu dem erlesenen Kreis von Managern gehört, die Zutritt zum VSC haben, dem sogenannten Vorseriencenter, sieht sofort, worauf es hier ankommt. Ein großer Zeitstrahl, unterteilt in 48 Monatsabschnitte, zieht sich entlang der Wände. Daran aufgehängt sind Schilder mit der Beschreibung von Autos, die innerhalb der nächsten vier Jahre in Serie gehen sollen – Fahrzeuge, von denen Wettbewerber und die Öffentlichkeit womöglich noch nie gehört haben.

Der abgeschirmte Raum am Sitz des Volkswagen-Konzerns ist ein Ort brutaler Entscheidungen. Ob ein neuer Billigwagen für Indien, ein künftiges Hybridauto von Audi oder die nächste Luxuskarosse von Bugatti – im VSC muss jeder verantwortliche Manager aus aller Welt regelmäßig zum Rapport antreten. Wer auf dem Zahlenstrahl in Verzug gerät, steht unübersehbar am Pranger.

Das VSC steht für den Volkswagen-Konzern der Zukunft, den Vorstandschef Martin Winterkorn und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch derzeit schmieden. Sie wollen bis 2018 das 75 Jahre alte Unternehmen in die effizienteste und angriffslustigste Automaschine der Welt verwandeln. Ihr Rezept heißt totale Gleichschaltung: einheitliche Teile in allen Autos, einheitliche Produktionstechnik in den Fabriken, einheitliche Ausbildung. Alle Fäden dieser einzigartigen Generalmobilmachung in der Autoindustrie laufen hier, im VSC, zusammen.

So will VW seine Töchter im neuen System auf Linie bringen

  • Bauteile

    Beispiel: Kilmaanlagen
    Bisher: 102 Varianten in 20 Modellen
    Neu: 28 Varianten
    - einfachere Entwicklung von Fahrzeugen
    - verbesserte Qualitätskontrolle der verwendeten Teile
    - günstigere Einkaufspreise durch höhere Stückzahlen

  • Konstruktion

    Beispiel: Fixierung des Motors
    Bisher: 309 Positionen
    Neu: 36 Positionen
    - einfachere Entwicklung
    - schneller Montage
    - Verwendung gleicher Montagemaschinen
    - niedrigere Kosten für Montagemaschinen
    - niedrigere Kosten auch für Modelle mit geringen Stückzahlen

  • Produktion

    Beispiel: Herstellung von Golf und Audi A3 in China
    Bisher: Eine VW-Fabrik baut zwei Golf-Modelle, eine Audi-Fabrik zwei A3-Modelle
    Neu: Im chinesischen Werk Foshan baut eine einzige Fabrik je zwei Golf- und A3-Modelle
    - Autos aller Marken werden in mehreren Werken gebaut
    - Schnellere Reaktion auf Nachfrageschwankungen
    - bessere Auslastung von Werken

  • Ausbildung

    Beispiel: Lackierer-Werkstätten
    Bisher: 90 Fabriken mit 90 individuellen Lackiermethoden
    Neu: 90 Fabriken mit gleicher Lackiermethode und gleichen Lernwerkstätten
    - gleich hohe Qualifikation der Arbeiter
    - geringere Fehlerzahl
    - schnellere Produktion

  • Einsparung

    Auf diese Weise spart Volkswagen 1500 Euro pro Auto und verdoppelt damit seinen Gewinn.

Die Idee, unterschiedliche Automodelle etwa auf den gleichen Unterbau zu setzen oder mit gleichen Teilen zu bestücken, gibt es schon lange. Doch Volkswagen will das bisher teils Beiläufige zum unerschütterlichen Prinzip erheben. Im VSC sollen Vielfalt und Wildwuchs gnadenlos ausgemerzt, sämtliche Modelle vom Polo bis zum Porsche auf Konzernlinie gebürstet werden. Das VSC, sagt ein VW-Manager, sei der „Flaschenhals“, den auf lange Sicht jedes der über 200 unterschiedlichen Modelle und Modellvarianten des Konzerns künftig wird passieren müssen. Das erste VW-Modell, das den Test bestand, ist der neue Golf, der vom kommenden Wochenende an bei den Händlern steht. Bis 2018 sollen sich die meisten übrigen Konzernmodelle einreihen.

Schlüssel um Himmel

Was Piëch und Winterkorn vorhaben, kann den Wettbewerb in der Autoindustrie in bisher ungeahntem Maße anheizen. Denn durch das neue System sollen die Kosten pro Fahrzeug um mehr als 1500 Euro sinken. Gelingt den Wolfsburgern das Kunststück, können sie Erzrivalen wie Toyota, General Motors und Hyundai mit aggressiven Rabatten Marktanteile abjagen. Für Winterkorn ist die Strategie deshalb „der Schlüssel“ des VW-Konzerns für den Weg an die Branchenspitze. Für VW-Produktionschef Hubert Waltl ist es die „größte Herausforderung, die je ein Autohersteller zu meistern hatte“.

Volkswagen greift damit den bisherigen Effizienzweltmeister Toyota frontal an. So steht der Autoindustrie ein spektakulärer Zweikampf bevor, dessen Gewinner womöglich die Standards in der PS-Branche und darüber hinaus diktiert. Piëch und Winterkorn wagen nicht weniger als die dritte Revolution der Autoindustrie.

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Kommentare | 3Alle Kommentare
  • 05.11.2012, 18:54 UhrMalocher

    Noch Mitte der 1990er Jahre kursierte in den westdeutschen Werken der Volkswagen AG die Losung, wenigstens DM 1.000,-- geringeren Aufwand pro verkaufter Einheit zu erzielen. Mit einer heutigen Zielmarke von € 1.500,-- gibt das Unternehmen insofern, gemessen am amtlichen Umtauschkurs der Bundesbank, bekannt, den einstigen Anspruch im Grundsatz zwar beizubehalten, aber gemäß dem gegenwärtigen Erkenntnisstand in der Frage des demnach anstehenden Arbeitsumfanges im Mindesten rund das Dreifache an menschlicher Leistungserbringung künftig dafür einsetzen zu müssen. Das heißt in der Konsequenz, dass der Konzern zum Wohle des Gemeinwesens zunehmend Arbeitskraft oberhalb dessen nachfragt. Andere Deutungen wie beispielsweise eine etwaige Konkurrenz im Verhältnis zu anderen Automobilherstellern können daher getrost als journalistisch unzulässige Abschweifungen gelten, die keinerlei Relevanz besitzen.

  • 05.11.2012, 12:44 UhrNichtDumm

    Leider werden die Golf7-Interessenten im Augenblick genötigt einen TSI-Motor zu kaufen, da VW dadurch seinen Flottenausstoß an CO2 senken will. Da werden nicht alle einverstanden sein, denn TSI-Motoren sind viel anfälliger, als es die normalen Benziner waren.

  • 05.11.2012, 11:43 Uhrwulff

    Wenn VW die Ersparnisse nicht an seine Kunden weitergibt, ist nichts gewonnen.
    Denn ein Golf bleibt ein Golf, egal ob Golf 1 oder 10.
    Langweilige Massenware.
    Vielleicht kann Winterkorn aber mit den Kostensenkungen weiterhin sein monströses Gehalt aufbessern.
    Toyota kann er eh nicht schlagen.

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