Volvo-Chef Samuelsson: Das Ausweichmanöver

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Volvo: Das Ausweichmanöver

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Mann am Steuer, Abenteuer: Volvo-Chef Samuelsson

von Simon Book, Martin Seiwert und Lea Deuber

Die Schweden wollen ab 2019 keine neuen Verbrennungsmotoren mehr entwickeln. Das ist der PR-Coup des Jahres. Aber ist es auch mehr als das? Ein Besuch in der Volvo-Welt.

Hakan Samuelsson braucht jetzt keinen Schreibtisch mehr. Ist doch irgendwie verstaubt, altmodisch, unnötig, findet der Volvo-Chef, 66. Er ist ja ohnehin nun die ganze Zeit unterwegs: in China, wo seine neuen Eigentümer sitzen, in Europa, wo seine meisten Kunden warten, in den USA, wo sie besonders streng auf die Abgase schauen, die Volvos Geländewagen produzieren. Wenn Samuelsson zwischen all diesen Terminen doch mal in der Göteborger Firmenzentrale vorbeischaut, reichen dem Direktor des größten, weil einzig verbliebenen, schwedischen Autobauers auch ein Konferenzraum und ein Telefon. Alles andere erledigt seine Sekretärin. Außerdem ist Volvo ja jetzt bald ohnehin eine völlig neue Firma, so was wie ein Start-up.

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Volvo-Chef Håkan Samuelsson Quelle: REUTERS

So empfängt Samuelsson also an diesem hellen schwedischen Sommermorgen in einem grauen Kabuff. Auf dem Tisch eine Telefonspinne, an der Wand ein Konferenzbildschirm, die Gardinen sind zugezogen, gerade so, als wollte sich Samuelsson verstecken vor der Welt. Vielleicht auch verständlich nach all dem Trubel. Er könne sich schon denken, warum der Reporter gekommen sei, sagt Samuelsson und lacht: „Es hat wahrscheinlich gar nichts mit Diesel oder Verbrennungsmotoren zu tun – oder mit unserer Ankündigung, ab 2019 alle neuen Modelle ausschließlich mit elektrifizierten Antrieben auf den Markt zu bringen?“

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Was Samuelsson so gute Laune macht, ist der größte PR-Coup, der ihm in den vergangenen Jahren gelungen ist. Ab 2019, sagte Samuelsson Anfang Juli, setzte man bei Volvo komplett auf Elektro- statt Verbrennungsmotoren. Nun hat Samuelsson auch sonst gerne mal wolkige Versprechen in petto: Vor ein paar Jahren gelobte er, im Jahr 2020 solle kein Mensch mehr in einem Volvo ums Leben kommen. Dann folgte die Idee, den Volvo-Fahrern eine Woche mehr Lebensqualität zu garantieren, indem man ihnen das Waschen und Tanken des Wagens abnehme. Doch die jetzige Ansage ist von anderer Qualität.

Während die Autoindustrie stöhnt und ächzt unter dem, was als VW-Abgasaffäre begann und nun unter Dieselskandal firmiert, während deutsche Manager in den USA verhaftet werden, Staatsanwälte in Stuttgart, Ingolstadt und Wolfsburg Büros durchsuchen, während Ministerpräsidenten zu Dieselkonferenzen zusammenkommen, Firmen ihre Flotten überprüfen und Automanager versprechen, ihre Diesel seien sauber, gibt Volvo das Ziel aus, eine Million Elektroautos bis 2025 zu verkaufen.

Ausgerechnet Volvo, ein Unternehmen, das 2011 beinahe pleiteging und in Europa in der Nische werkelt, soll schaffen, woran die deutsche Autoindustrie scheitert? Und tun die Schweden das aus Überzeugung, oder ist es ihr chinesischer Eigentümer, der sie mit Blick auf Chinas E-Auto-Pläne zu dem Manöver zwingt? Fest steht, dass Samuelssons Ankündigung wohl vor allem eins ist: ein großes Wagnis.

Ein Konzern unter Stress

Messegelände Dresden, zwei Tage nach der Ankündigung aus Schweden, keine Verbrenner mehr zu entwickeln. Volvo-Fahnen wehen um einen Teich, in den Backsteinhallen stehen schwedische Designermöbel. Die deutsche Händlerorganisation des Autofabrikanten hat ihre Verkäufer eingeladen, um das neue Aushängeschild des Konzerns kennenzulernen: den XC 60. Ein Zwei-Tonnen-SUV, das die Kunden lieben. Allein in Deutschland wurde die alte Version über 40.000-mal verkauft. Nun aber fragen sie sich hier: Ist es schlau, ausgerechnet zur Markteinführung dieses Bestsellers die Abkehr von Verbrennern einzuläuten? Schließlich ist der XC 60 als Diesel beliebt, es gibt von ihm aber nur eine Hybridversion.

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In Dresden zeigt sich, unter welchen Stress Samuelsson den Konzern gesetzt hat. Nicht nur die Händler müssen sich nun an die neue Zeit gewöhnen. Auch für Volvos eigene Ingenieure ist es eine Umstellung, hatten sie doch bislang vor allem die Aufgabe, dreckige Diesel sauber zu bekommen. Daran haben sie sich bisher genauso verhoben wie die meisten ihrer deutschen Kollegen. Denn Volvo ist eine Firma, deren Dieselanteil bei den verkauften Neuwagen in Schweden bei satten 80 Prozent liegt. Die die SUV genannten Geländewagen für die Stadt erst richtig in Mode brachte. Die bei Abgastests des Kraftfahrtbundesamtes oder der Deutschen Umwelthilfe auch mal besonders unangenehm auffiel. Und von dieser Firma soll nun die E-Auto-Revolution ausgehen?

Ganz offensichtlich tritt Volvo die Flucht nach vorne an. Die bislang verkauften Diesel so sauber zu machen, dass Fahrverbote und künftige Grenzwerte ihnen nichts anhaben können, würde Volvo „eine Milliardensumme kosten“, sagt ein Volvo-Manager. Beides, Diesel aufpeppen und Elektroautos an den Start bringen, wäre finanziell nicht gegangen. So habe alles für einen klaren Schnitt gesprochen: „Keinen Cent mehr für die alte Technik und alle Forschungsgelder auf die Zukunft umschichten.“ Konkret geht es um einen Entwicklungsetat, der im vergangenen Jahr bei umgerechnet etwa einer Milliarde Euro lag und damit zu einem eher kleineren der Branche gehört: Daimler etwa steckte im gleichen Zeitraum 7,6 Milliarden Euro in die Forschung und VW 13,7 Milliarden.

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