Lohnentwicklung 2026: In diesen Branchen sind noch Gehaltserhöhungen drin
Natürlich weiß Michael Kind, dass die Daten, die er und seine Kollegen bei der Unternehmensberatung Kienbaum regelmäßig sammeln, nicht im luftleeren Raum entstehen. Dass sie Ausdruck sind der wirtschaftlichen Lage im Land. „Dass es runtergeht, war, würde ich sagen, absolut zu erwarten“, sagt er. Im kommenden Jahr werden die Gehälter in deutschen Unternehmen durchschnittlich nur noch um 3,1 Prozent steigen. Das ergibt die jährliche Gehaltsprognose von Kienbaum, die Kind betreut. Im Vergleich zu den Vorjahren 2025 (3,8 Prozent) und 2024 (4,7 Prozent) ist das ein deutlicher Abwärtstrend.
An der Befragung nahmen 937 Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum teil. In der Schweiz und in Österreich sind ähnliche Verläufe festzustellen. Die erwarteten Gehaltssteigerungen fallen auch dort geringer aus als in den Vorjahren.
Eine Vielzahl von Gründen macht Kind dafür verantwortlich, dass deutsche Unternehmen „wieder konservativer in den Planungen werden“. Auf der einen Seite sei da die kriselnde gesamtwirtschaftliche Situation des Landes, die durch die erhöhten US-Zölle verschärft worden sei. Auf der anderen Seite sorge die sinkende Inflation dafür, dass der Druck auf Arbeitgeber, höhere Löhne zu zahlen, wieder abnehme.
Stellt man die erwartete Lohnsteigerung von 3,1 Prozent der Inflationsrate in Deutschland von zuletzt 2,2 Prozent gegenüber, dürfte unterm Strich trotzdem etwas mehr im Geldbeutel hiesiger Arbeitnehmer bleiben. „Drei Prozent sind drei Prozent. Das kann man auch erstmal als positive Nachricht für die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen werten“, betont Kind.
Man kann – aber sollte man das auch?
Dafür lohnt es sich, etwas tiefer in die Planung der Personalkosten einzutauchen, zu denen Kienbaum die Unternehmen befragt hat. 20 Prozent der Firmen wollen die Personalkosten im kommenden Jahr reduzieren. Im Vergleich zur Befragung im vergangenen Jahr wird deutlich: Der Abbau von Stellen wird als Sparmethode relevanter. Ein Drittel der Betriebe gibt an, davon Gebrauch zu machen.
In erster Linie aber setzen die Unternehmen weiterhin auf Wachstum (60 Prozent) und eine Steigerung der Produktivität (62 Prozent), um die Personalkosten zu bewältigen. Auch künstliche Intelligenz gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung. Zum ersten Mal befragten Kind und sein Team die Betriebe, ob sie auch gezielt in KI investieren wollen. Und bereits 43 Prozent sehen diese Technologie als wertvolles Tool, um Prozesse effizienter zu machen und in Zukunft eventuell mit weniger Personal auszukommen.
Es werde deshalb für die Führungsetagen immer wichtiger, Schlüsselspieler und Leistungsträger zu identifizieren, schlussfolgert Michael Kind. Vor allem in Zeiten des nach wie vor drängenden Fachkräftemangels. Denn mit sinkenden Personalbudgets und schwindenden qualifizierten Arbeitskräften werde es noch mal wichtiger, diese Menschen im Unternehmen zu halten. Dieses Bewusstsein spiegelt sich auch in den gesammelten Daten von Kienbaum wider: Die Unternehmen wollen zunächst die Gehälter bei Spezialisten und Fachkräften anheben – wenn auch nicht mit großen Aufschlägen.
Die deutschen Unternehmen blicken unterschiedlich auf das kommende Jahr – und damit auch auf die Gehälter. Besonders schlecht sieht es gerade bei der Automobilindustrie aus. Die Umsätze brachen 2024 erstmals seit dem Coronajahr 2020 um 4,7 Prozent ein, wie das Statistische Bundesamt analysierte.
Allein im vergangenen Jahr wurden in der Branche laut der Beratungsgesellschaft EY etwa 51.500 Stellen abgebaut. Daher rechnen die Automobilhersteller wie -zulieferer auch nur mit einer Lohnsteigerung von 2,5 Prozent. Ebenso wie der Maschinen- und Anlagenbau.
Von den höchsten Gehaltserhöhungen geht hingegen die Immobilienwirtschaft aus (3,7 Prozent). Auch die IT-Branche (3,3 Prozent) zeigt sich eher optimistisch.
Steigen dürften die Personalkosten vielerorts auch mit der Umsetzung der Entgelttransparenzrichtlinie Anfang Juni des nächsten Jahres. „Das ist ein Thema, worauf sich ganz viele Unternehmen gerade vorbereiten“, so Kind.
Die Richtlinie soll helfen, Lohngefälle, vor allem zwischen Männern und Frauen, aufzudecken – und zu beheben. Der Kienbaum-Berater erwartet Schadensersatz und Ausgleichszahlungen. Immerhin ein Drittel der befragten Unternehmen gab an, die kommende Gehaltsrunde auch dafür nutzen zu wollen, mögliche Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
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