Brain-Chef Jürgen Eck: "Die Zeit ist reif für Bio-Ökonomie"
Eine Schere für das Erbgut
Eine Allround-Schere für die Bearbeitung von Genen ist nach Einschätzung des Fachmagazins Science der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2015: Die Crispr genannte Technik ermöglicht es, das Erbgut von Organismen effektiv zu verändern.
Mit Crispr können Forscher Gene ausschalten, defekte durch korrekte DNA-Teile ersetzen oder neue Gensequenzen einfügen. Das einfache und preisgünstige Verfahren ist schon drei Jahre alt. In diesem Jahr hätten nun gleich drei Studien das Potenzial von Crispr verdeutlicht, begründet Science den ersten Platz.
Foto: dpaEin großes Jahr für kleinen Himmelskörper
Gleich zwei Kleinplaneten erhielten in diesem Jahr Besuch von der Erde: Die Sonde Dawn der US-Raumfahrtbehörde Nasa besuchte im März den Zwergplaneten Ceres im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Im Sommer passierte dann die US-Sonde New Horizons den Eiszwerg Pluto (Bild) am Rand unseres Sonnensystems.
Die Sonden schickten Daten und Bilder von Kratern, Gebirgsketten, Eisbergen – eine Fülle von Material, dessen Auswertung noch Jahre dauern dürfte.
Foto: apEin früher Vorfahr der Indianer
Eine Genanalyse hat in diesem Jahr die Herkunft des etwa 8500 Jahre alten „Kennewick-Mannes“ geklärt, dessen Überreste vor beinahe 20 Jahren im US-Bundesstaat Washington gefunden wurden: Er ist tatsächlich eng mit amerikanischen Ureinwohnern im Fundgebiet verwandt. Seit der Entdeckung im Jahr 1996 streiten Indianer der Region und Wissenschaftler um das Skelett - letztere wollen es erforschen, erstere sehen darin einen Urahnen und wollen ihn rituell bestatten.
Foto: ARTE FranceDoppelcheck für Psycho-Studien
Psychologen setzten 2015 zur Ehrenrettung ihres Faches an. Weil sich seit 2011 zahlreiche psychologische Studien als fehlerhaft und nicht reproduzierbar erwiesen hatten, überprüften 270 Psychologen insgesamt 100 Studien. Nur 39 Prozent bestanden den Doppelcheck.
Künftig soll nun ein neuer, verbindlicher Kanon zum Studienablauf solche Schwächen verhindern. Hauptautor Brian Nosek (Bild) gründete mit Kollegen das Center for Open Science, das weitere Forschungsergebnisse prüfen soll.
Foto: Nature
Foto: NatureEin neuer Verwandter des modernen Menschen
In einem verwinkelten Höhlensystem in Südafrika entdecken Forscher Hunderte Knochenteile einer bisher unbekannten Menschenart. Der zierliche Homo naledi (Sternen-Mensch) hatte lange Beine und Füße, die denen heutiger Menschen ähneln, aber ein nur orangengroßes Gehirn und stark gebogene Finger - vermutlich zum Klettern. Sein genaues Alter ist noch unklar.
Foto: dpaFeuer aus der Tiefe des Erdmantels
Seit Jahrzehnten streiten Geologen darüber, ob große Magmakammern, Plumes genannt, tatsächlich 3000 Kilometer tief ins Erdinnere hinabreichen oder von Reservoirs näher an der Erdoberfläche befüllt werden. Jetzt haben Geophysiker mit Hilfe neuer computergestützter Messtechniken 28 Plumes gefunden, die bis zum Boden des Erdmantels hinabreichen. Sie sind mit bis zu 800 Kilometern dreimal so breit wie zuvor angenommen.
Foto: REUTERSEbola-Impfstoff
Die fieberhafte Suche nach Medikamenten und Impfstoffen im Kampf gegen Ebola zeigte 2015 einen Erfolg: Ein Impfstoff, der zumindest in ersten Studien in Guinea zu 75 bis 100 Prozent wirkte. Forscher der Kanadischen Gesundheitsbehörde haben VSV-ZEBOV aus einem ungefährlichen Virus entwickelt, in das sie Ebola-Gene setzten.
Foto: dpaHefe produziert Mohn-Schmerzmittel
US-Forscher haben Hefe-Stämme biotechnisch verändert, so dass sie aus Zucker Opioid-haltige Schmerzmittel produzieren können. Auf diese Weise gelang es ihnen, den Wirkstoff Thebain zu erzeugen, der üblicherweise aus dem Milchsaft der Mohnpflanze gewonnen wird. Die Forscher hoffen, so Schmerzmittel entwickeln zu können, die frei von Nebenwirkungen sind und nicht abhängig machen.
Foto: dpaLymphsystem im Gehirn
Im Sommer entdeckten Forscher durch Zufall, dass das für das Immunsystem des Körpers wichtige Lymphsystem auch das Gehirn umfasst. Bei Versuchen mit Mäusen fanden sie in deren Gehirnen ungewöhnliche T-Helferzellen sowie Gefäße, die sich als Verlängerung des Lymphsystems erwiesen. Auch für den Menschen bestätigte sich dieser Fund. Zuvor ging man davon aus, dass das Gehirn eine eigene, vom Rest des Körpers abgeschottete Immunabwehr besitzt.
Foto: dpaEinstein (wieder einmal) bestätigt
Ein Schlupfloch der Quantenmechanik ist gestopft: Physikern gelang es 2015, die schon von Albert Einstein beschriebene „spukhafte Fernwirkung“ zweier Quantenteilchen endgültig nachzuweisen. Bislang hatten Messungen noch Ausnahmen zugelassen.
Bei der sogenannten Quantenverschränkung geht es um Beziehungen zwischen Teilchen über große Entfernungen hinweg - in diesem Fall bei Elektronen über eine Distanz von 1,3 Kilometern.
Foto: dpaWirtschaftsWoche: Herr Eck, warum wollen Sie mit Ihrem Unternehmen ausgerechnet jetzt - 20 Jahre nach der Gründung - an die Börse?
Jürgen Eck: Weil wir den Rückenwind, den die Bio-Ökonomie gerade verspürt, nutzen wollen. Die Zeit ist reif, um den Werkzeugkasten der Natur, den wir in Form von Biokatalysatoren – den Enzymen – im Angebot haben, nun auch in großem Stil zu vermarkten.
Woran machen Sie das fest? Ihr stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, der Brain-Gründer und Bio-Ökonomierat Holger Zinke, beklagt doch seit Jahren, dass es nicht schnell genug voran gehe mit der Biologisierung der Industrie.
Es hat wirklich ziemlich lange gedauert, bis sich der Gedanke durchgesetzt hat. Aber zum einen wollen die Menschen heute natürliche Produkte und Lebensmittel – ohne chemische Inhaltsstoffe. Sie sollen gut schmecken, aber trotzdem weniger Salz und Zucker enthalten. Mit unseren natürlichen, aus Mikroorganismen gewonnen Salz- und Süß-Verstärkern bieten wir genau solche biologische Alternativen an. Und mit Kunststoffen, die wir aus dem Rohstoff Kohlendioxid herstellen, lösen wir gleich zwei Probleme: Erstens tun wir etwas fürs Klima, weil wir nicht CO2 ausstoßen, sondern reduzieren. Und zweitens verbrauchen wir weder fossile, endliche Rohstoffe wie Öl, noch nutzen wir landwirtschaftliche Rohstoffe wie Maisstärke oder Zucker, die dann bei der Ernährung fehlen.
Dr. Jürgen Eck, der Vorstandsvorsitzende der BRAIN AG, im Interview mit WirtschaftsWoche.
Foto: WirtschaftsWoche
Sind all diese Produkte schon auf dem Markt?
Teilweise, aber nicht unter unserem Namen. Denn wir haben in der Vergangenheit viele Produkte in über 100 Kooperationen gemeinsam für oder mit Partnern wie BASF, Bayer, Clariant, DSM Nutritional Products, Evonik, Fuchs Europe, Henkel, Nutrinova, RWE, Südzucker oder Symrise entwickelt. Aber inzwischen haben wir auch eine eigene, prall gefüllte Pipeline mit 15 unterschiedlichen Produktlinien, von denen viele jetzt zur Vermarktung anstehen. Pro Jahr wollen wir zwei davon auf den Markt bringen. Und dazu brauchen wir etwas mehr Kapital und wollen deshalb durch den Börsengang einen deutlich zweistelligen Millionen-Euro-Betrag herein holen.
Werden Sie dann eine eigene Vertriebsmannschaft aufbauen?
Nein. Zwar soll die Stamm-Mannschaft der Brain-Gruppe von jetzt 224 Mitarbeitern pro Jahr um etwa zehn Prozent wachsen. Aber wir werden uns weiterhin auf Forschung und Entwicklung konzentrieren – wir wollen die DNA des Unternehmens nicht verändern. Um die Produkte zu vermarkten wollen wir Firmen kaufen, die in diesem Marktsegment schon zu Hause sind. So wie im Bereich Kosmetik, da hat das schon sehr gut funktioniert. Seit wir 2012 Monteil Cosmetics International mehrheitlich übernommen haben, sind unsere hautstraffenden Inhaltsstoffe in zahlreichen Kosmetikprodukten enthalten, zum Beispiel auch unter dem Label Mye-Kosmetik. 2015 haben wir in diesem Bereich bereits 13,5 Millionen Euro umgesetzt.
Sie gehen also auf Einkaufstour?
Das könnte wohl sein. Im vorigen Jahr haben wir ja bereits mit der WeissBioTech in Ascheberg ein Unternehmen akquiriert, dass im Bereich Enzyme und Lebensmittel bestens auf dem Markt eingeführt ist und das in Paris einen eigenen Produktionsstandort besitzt.
Ist die Frankfurter Börse denn nicht ein bisschen klein, wenn Sie so große Pläne haben?
Tatsächlich sind wir seit zehn Jahren zwar das erste deutsche Biotechnik-Unternehmen, das dort seinen Börsengang macht. Aber die Frankfurter Wertpapierbörse ist in anderen Marktbereichen sehr erfolgreich. Wir glauben, dass sie eine sehr gute Plattform für uns ist. Und außerdem ist die Bio-Ökonomie ein deutsches, ein europäisches Thema. Wir halten es deshalb für einen guten Schachzug, hier auf den Markt zu gehen.