IGeL-Leistungen: Versicherte zweifeln am Nutzen von Selbstzahler-Leistungen
Gut jeder zweite gesetzlich Versicherte zweifelt einer Umfrage zufolge am Nutzen von privat zu zahlenden Leistungen beim Arzt. Die „Individuellen Gesundheitsleistungen“ (IGeL) hätten eher keinen Nutzen, meinen 38 Prozent der Befragten. Sie seien auf keinen Fall nutzbringend, sagen weitere 15 Prozent. Dies geht aus einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.
Bei IGeL geht es um Leistungen wie die Messung des Augeninnendrucks zur Früherkennung eines Grünen Stars, professionelle Zahnreinigung, Blutegeltherapie bei Kniearthrose oder die Laser-Behandlung von Krampfadern.
Die Kassen hatten es schon Mitte des Jahres vorhergesagt - inzwischen hat es auch Gesundheitsminister Gröhe bestätigt: Die Zusatzbeiträge zur Krankenversicherung steigen 2016 um durchschnittlich 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent. Zusammen mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Beitragssatz von 14,6 Prozent würden die Beiträge also auf 15,7 Prozent des Einkommens steigen. Die Höhe des Zusatzbeitrags wird von den einzelnen Krankenkassen selbst festgelegt und kann zum Teil erheblich von erwarteten Durchschnittswert von 1,1 Prozent abweichen. Bei welchen Kassen es besonders teuer wird und wo es günstig bleibt.
Foto: dpaAOK Rheinland / Hamburg
Unter den Allgemeinen Ortskrankenkassen erhöht die AOK Rheinland/Hamburg ihren Zusatzbeitrag am deutlichsten. Er steigt von 0,9 Prozent auf 1,4 Prozent. Mit 16,0 Prozent ist die AOK Rheinland/Hamburg dann die teuerste. Günstig sind hingegen die AOK Sachsen-Thüringen und AOK Sachsen-Anhalt, die beide nur einen Zusatzbeitrag von 0,3 Prozent erheben und somit nur 14,9 Prozent vom Einkommen kosten. Auch bei der AOK Bayern soll der Zusatzbeitrag im nächsten Jahr um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent steigen - und so dem Durchschnitt entsprechen. Ein Versicherter mit einem Brutto-Monatseinkommen von beispielsweise 3000 Euro müsste in diesem Fall etwa sechs Euro mehr für seinen Versicherungsschutz zahlen.
Foto: dpaDeutsche Angestellten Kasse
Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hebt im kommenden Jahr ihren Zusatzbeitrag für ihre 4,9 Millionen DAK-Mitglieder um 0,6 Prozentpunkte an. Mit einem Zusatzbeitrag von 1,5 Prozent und einem Gesamtbeitrag von 16,1 Prozent ist die DAK dann eine der teuersten Kassen in Deutschland - auch die IKK classic erhöht ihren Beitrag um 0,6 Prozent.
Foto: dpaTeuerste BKK
Überdurchschnittlich stark haben folgende Betriebskrankenkassen ihre Zusatzbeiträge erhöht: Bahn-BKK. BKK Gildemeister-Seidensticker, BKK Miele und BKK VDN haben ihren Zusatzbeitrag gleich um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Die BKK Stadt Augsburg erhöhte ihren Zusatzbeitrag um 0,6 Prozentpunkte, BKK Beiersdorf und BKK Euregio erhöhen ihn sogar um 0,7 Prozentpunkte. Teuerste Kasse ist die VIACTIV, bis Ende September als BKK vor Ort bekannt, mit einer Erhöhung des Zusatzbeitrags um 0,8 Prozentpunkte. Zu den insgesamt teuersten BKKs zählen somit die BKK Pfalz und die Bahn-BKK mit einem Beitragssatz von 16,0 Prozent, die BKK Beiersdorf mit 16,1 Prozent und die VIACTIV, die sogar 16,3 Prozent vom Einkommen als Beitrag kostet.
Foto: APGünstigste BKK
Das Feld der Betriebskrankenkassen ist nach wie vor sehr heterogen. Eine aktuelle Übersicht mit allen Beitragssätzen bietet etwa die Seite des GKV-Spitzenverbandes unter www.gkv-zusatzbeitraege.de. Als einzige Krankenkasse schafft es demnach die Metzinger BKK, ganz auf einen Zusatzbeitrag zu verzichten. Die ist allerdings nur für Mitglieder in Baden-Württemberg offen, wenn sie dort wohnen oder arbeiten.
Foto: dpa/dpawebTechniker Krankenkasse
Die größte gesetzlichen Krankenkasse Deutschlands, die Techniker Krankenkasse (TK), hebt ihren Beitragssatz 2016 um 0,2 Prozentpunkte an. Der Zusatzbeitrag der Kasse wird sich dann auf 1,0 Prozentpunkte belaufen, der Gesamtbeitrag auf 15,6 Prozent. Damit läge die Kasse knapp unter dem durchschnittlichen Beitrag von 15,7 Prozent, den das Bundesgesundheitsministerium im November für 2016 prognostiziert hatte. Viele andere Krankenkassen erhöhen ebenfalls um 0,2 Prozentpunkte - wie etwa...
Foto: dpaBarmer GEK
Die Barmer als zweitgrößte Kasse in Deutschland erhöht ihren Zusatzbeitrag um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent. Der Beitragssatz von 15,7 Prozent insgesamt entspricht so dem erwarteten Durchschnitt aller Kassen.
Foto: dpaIKK
Unter den Innungskrankenkassen macht der Zusatzbeitrag bei der IKK classic den größten Sprung mit einem Plus von 0,6 Prozentpunkten auf einen Gesamtbeitragssatz von 16,0 Prozent. Die IKK Nord erhöht ihren Zusatzbeitrag um 0,4 Prozentpunkte und verlangt insgesamt 15,9 Prozent vom Einkommen.
Foto: dpaZweifel am Nutzen medizinischer Angebote bestehen demnach aber nicht nur bei Selbstzahler-Leistungen. Jeder vierte Befragte (27 Prozent) habe auch den Eindruck, dass ein Arzt manchmal oder auch häufig unnötige Untersuchungen oder Behandlungen empfehle. Trotzdem lasse sich ein Drittel dieser zweifelnden Patienten vom Arzt überzeugen und unterzieht sich der vorgeschlagenen Diagnostik oder Therapie. Dies lasse sich vor allem auf das Vertrauen in die ärztliche Kompetenz zurückführen, auf die Meinung, eine Diagnostik oder Therapie mehr könne nicht schaden, sowie auf die Angst, sich falsch zu entscheiden.
Frank Verheyen, Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für Qualität und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) unterstrich, viele der Selbstzahler-Leistungen würden bereits vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem obersten Entscheidungsgremium im Gesundheitswesen aus Vertretern von Ärzten, Zahnärzten, Kliniken, Krankenkassen und Patientenvertretern, geprüft und abgelehnt.
Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS), der inzwischen vier Jahre existiert, prüfte an die 40 Leistungen auf Nutzen und Schaden. Keines der Angebote sei vollständig positiv bewertet worden. 4 Angebote sind demnach als „tendenziell positiv“ eingestuft, 14 als „tendenziell negativ“, 3 Leistungen sogar als „negativ“. 13 Angebote wurden als „unklar“ eingestuft. Nach einer früheren Umfrage im Auftrag der TK hatten sich nur etwa vier von zehn Patienten (39 Prozent) über die Informationen des Arztes hinaus selbst über eine IGeL-Behandlung kundig gemacht.
IGeL werden meist vom Arzt angeboten und gehören nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Der Patient muss für sie also privat bezahlen. Wie viele solcher Behandlungen es gibt, lässt sich nicht genau sagen, es werden jedenfalls mehrere hundert angeboten. Nach Angaben des MDS vom vergangenen Jahr sind IGeL zwar zurückgegangen, haben schätzungsweise aber immer noch ein Marktvolumen von mehr als einer Milliarde Euro.