Promipleitier Thomas Middelhoff: "Das Insolvenzverfahren wird sich über Jahre hinziehen"
Thorsten Fuest, wurde vom Amtsgericht Bielefeld zum Insolvenzverwalter von Thomas Middelhoff bestellt. Der Jurist ist Partner der bundesweit tätigen Insolvenzkanzlei Brinkmann & Partner
Foto: dpaWirtschaftsWoche: Herr Fuest, vor einem Jahr hat Thomas Middelhoff Insolvenz angemeldet. Konnten Sie schon die Millionenschätze des früheren Top-Managers heben?
Thorsten Fuest: (lacht) Schön wär’s. Aber bei einem solchen Verfahren braucht es zunächst Zeit, um die Vermögensverhältnisse zu durchdringen. Das war eine der Kernaufgaben in den vergangenen Monaten.
Wann werden die Gläubiger Geld sehen?
Das kann derzeit niemand seriös einschätzen. Man muss sich vor Augen führen, dass ich bei Herrn Middelhoff nahezu kein pfändbares Vermögen vorgefunden habe. Selbstverständlich ergeben sich mittlerweile Anhaltspunkte dafür, dass sich dieser Zustand ändern wird. Die Dauer des Verfahrens hängt maßgeblich davon ab, inwieweit es gelingt, strittige Fragen zu lösen, ohne durch die Gerichtsinstanzen prozessieren zu müssen. Aber selbst im günstigsten Fall wird sich das Verfahren noch über mehrere Jahre hinziehen.
Anfang Juli dürfte das Insolvenzverfahren über das Vermögen des derzeit wohl prominentesten Privatpleitiers eröffnet werden: Thomas Middelhoff. Der Ex-Bertelsmann und Arcandor-Chef soll bei seinen Gläubigern mit mehr 100 Millionen Euro in der Kreide stehen. Vor allem kreditfinanzierte Investments in Immobilienfonds sind ihm zum Verhängnis geworden. Im Zuge seiner Pleite muss Big T. auch um Haus und Hof bangen. So will der Insolvenzverwalter Thorsten Fuest zahlreiche Vermögensverschiebungen Middelhoffs rückgängig machen, darunter auch die Übertragung seiner Bielefelder Familienvilla.
Foto: AP„Ich war völlig am Boden, bekam keine Kreditkarte mehr, kein Bankkonto. Ich kriegte nicht mal mehr einen Handyvertrag“, erinnerte sich Lars Windhorst in einem Interview an seine private Pleite. Windhorst galt einst als Wunderknabe der deutschen Wirtschaft, der mit 14 Jahren schon elektronische Bauteile aus China importierte, im Schlepp des damaligen Kanzlers Helmut Kohl Asien besuchte, in Vietnam einen 224 Meter hohen Windhorst-Tower plante – und dessen Reich 2004 schließlich krachend implodierte. Auch privat konnte Windhorst seine Rechnungen nicht mehr bezahlen und meldete Konkurs an. Allerdings gelang Windhorst ein erstaunliches Comeback: Er einigte sich mit seinen Gläubigern und konnte so den Pleite-Makel schon nach ein paar Monaten wieder abschütteln. Heute fädelt er als Investor Milliardendeals ein, zuletzt mit der BASF-Tochter Wintershall.
Foto: dpaManches Traumschiff läuft auf Grund - so wie das Reedereigeschäft der Schwestern Gisa und Hedda Deilmann, die es 2003 vom Vater geerbt hatten. Die "MS Deutschland" und andere Kreuzer bekamen die beiden Erbinnen jedoch nicht mehr so richtig flott. Sieben Jahre später übernahm der Insolvenzverwalter das Kommando am Firmensitz Neustadt an der Ostsee. Auch die privaten Finanzen der Unternehmerinnen hatten da schon erhebliche Schlagseite. Die Folge: Eine Zwillings-Insolvenz.
Foto: gmsMit 21 Jahren war Anton Schlecker der jüngste Metzgermeister der Republik, mit seinen nunmehr 70 Jahren ist er einer der bekanntesten Pleitiers des Landes. 2012 war sein Drogerieimperium Schlecker implodiert und der Freund schneller Autos und bunter Versace-Hemden rutschte mit in die Insolvenz. Schleckers Schnitzer: Er hatte sein Unternehmen als Einzelkaufmann geführt und haftete für alle Schulden persönlich. Einziger Trost für den Patron: Tochter Meike Schlecker sagte zwar öffentlich, es sei „nichts mehr da“. Doch für das Nötigste reichte es dann doch: Dem Insolvenzverwalter kaufte der Clan seine alte Villa in Ehingen ab, um die Restschuldbefreiung standesgemäß im Eigenheim auszusitzen.
Foto: dapdEinst angesprochen auf seine Schwächen, nannte Windreich-Gründer Willi Balz seinen Hang zur „Ungeduld“. Das dürfte das Aussitzen des privaten Insolvenzverfahrens für den früheren Geschäftsführer und Eigentümer des Windparkentwicklers nicht eben leichter machen. Einer seiner Intimfeinde, die Bank Safra Sarasin hatte den Antrag gestellt. Das Institut hatte Windreich Kredite in Höhe von rund 75 Millionen Euro gewährt, für die Balz persönlich bürgte.
Foto: dpaNiels Stolberg durfte einst die stolzen Titel "Mutmacher der Nation" und "Entrepreneur des Jahres" führen. Der Vorzeigereeder hatte mit seiner Gesellschaft Beluga schließlich einen Weltmarktführer geschaffen. Inzwischen taugt wohl eher der Titel „der Untergeher“. 2010 stieg der US-Investor Oaktree bei Schwerlastreederei ein, 2011 meldete diese dann Insolvenz an und in ihrem Fahrwasser musste auch Kapitän Stolberg den Gang zum Insolvenzgericht antreten. Zu den finanziellen gesellten sich juristische Unbillen. Nach jüngster Zählung hat die Bremer Staatsanwaltschaft drei Anklagen gegen Stolberg erhoben.
Foto: dpaDer Kieler Augenarzt Detlef Uthoff leitete im Sommer 2014 eine finanzielle Not-OP ein und stellte Insolvenzantrag. Hintergrund war ein Steuerstreit mit der Stadt Kiel in Millionenhöhe. An der monatelangen Auseinandersetzung war schon die damalige Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD) gescheitert. Besonders spannend: Uthoff, der unter anderem die Augenklinik Bellevue, zu seinem Besitz zählte, spannte einen so genannten Insolvenz-Schutzschirm über sich und die Klinik auf. Nebeneffekt: Er konnte das Insolvenzverfahren maßgeblich mitsteuern und einen Insolvenzplan vorbereiten. Dann durchkreuzte jedoch das Finanzamt Uthoffs Plan. Im Mai 2015 kippte sein Verfahren in eine Regelinsolvenz.
Foto: FotoliaWie hoch sind die Forderungen gegen Middelhoff?
Es gibt rund 50 Gläubiger, die Forderungen von insgesamt 409 Millionen Euro zur Insolvenztabelle angemeldet haben. Dass es am Ende bei diesem hohen Betrag bleibt, ist allerdings unwahrscheinlich. Wir müssen zunächst prüfen, welche Ansprüche gerechtfertigt sind und welche nicht. Das klingt einfach, ist in der Praxis aber kompliziert. Nehmen Sie die Auseinandersetzung mit Sal. Oppenheim...
… Das Bankhaus hatte an Thomas Middelhoff und seine Ehefrau millionenschwere Kredite für Beteiligungen an geschlossene Immobilienfonds vergeben.
Schon vor seinem Insolvenzantrag hatte Herr Middelhoff aber Klage gegen das Bankhaus eingereicht, eine Rückabwicklung der Fonds verlangt und die Freigabe eines Festgeldkontos gefordert, das die Bank eingefroren hatte. Es gibt also einerseits Forderungen der Bank, andererseits Gegenansprüche von Herrn Middelhoff, die ich als Insolvenzverwalter nun für die Gläubiger verfolge. Momentan laufen die Verhandlungen mit Sal. Oppenheim über eine Lösung. Sollte es gelingen, einen wirtschaftlich sinnvollen Vergleich zu schließen, wären wir schon mal ein gutes Stück weiter.
Welche weiteren Möglichkeiten sehen Sie, um an Geld für die Gläubiger zu kommen?
Herr Middelhoff hat vor dem Insolvenzantrag Immobilienbesitz in Bielefeld an Familienangehörige übertragen. Das haben wir vor kurzem rückgängig gemacht, so dass wir die Immobilie jetzt über einen Makler verkaufen können.
Was ist die Immobilie wert?
Ein im Jahre 2012 eingeholtes Gutachten weist dem Objekt einen Verkehrswert von mehr als 3 Millionen Euro zu. Es gab schon vor dem Insolvenzantrag Interesse an der Immobilie, deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir in absehbarer Zeit einen Käufer finden werden.
Middelhoff gehörte auch eine Villa in Saint Tropez, die nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ kürzlich für 23 Millionen Euro verkauft wurde. Was bekommen die Gläubiger davon?
Die Villa gehörte einer französischen Gesellschaft, an der Herr Middelhoff über ein weiteres Unternehmen beteiligt war. Bereits im Vorfeld der Insolvenz wurde sein Anteil gepfändet und Herr Middelhoff ist aus der Gesellschaft ausgeschieden.
Die Villa hat ihm zum Zeitpunkt der Insolvenz also gar nicht mehr gehört. Welche Folgen hat das?
Dies hat zur Folge, dass wir nicht über den Erlös des Immobilienverkaufs reden, sondern über ein Abfindungsguthaben für den ehemaligen Geschäftsanteil des Herrn Middelhoff. Infolge der Pfändung könnte ein gegebenenfalls bestehendes Abfindungsguthaben dem vollstreckenden Gläubiger zufallen, also nicht der von mir vertretenen Gläubigergesamtheit. Hier sind sowohl im Tatsächlichen also auch im Rechtlichen noch Fragen offen.
Was ist aus dem Mobiliar der Villa geworden? Das dürfte Middelhoff ja gehört haben.
Das ist in der Tat ein Punkt, den wir gegenwärtig aufklären.
Unterstützt Sie Thomas Middelhoff dabei?
Als Schuldner hat er natürlich Interessen, die mit denen seiner Gläubiger nicht deckungsgleich sind, aber er kooperiert.