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Innovationen bei Hansgrohe"Wir haben uns gefragt, was am iPhone so toll ist"

Innovationen sollen die Welt auf den Kopf stellen. So wie einst das iPhone. Beim Armaturenhersteller Hansgrohe sind Innovationen bodenständiger. Trotzdem ist Manches aus dem Silicon Valley im Schwarzwald ein alter Hut.Kerstin Dämon 03.05.2017 - 19:30 Uhr

90 mal 90 Zentimeter Nasszelle war einmal, moderne Duschen sind schon mal 1,20 Meter breit. Hersteller von Badezimmerarmaturen müssen darauf reagieren.

Foto: Presse

WirtschaftsWoche: Stimmt es, dass Sie und Ihr Team Ihre Produkte unter der Dusche entwickeln?
Jan Heisterhagen: Wir werden fürs Duschen bezahlt. Tatsächlich gehen wir mit dem Team, mit unseren Designpartnern, und sogar mit Kunden in unserem ShowerLab beziehungsweise in der ShowerWorld unter die Dusche. Dort findet ja die Interaktion mit unseren Produkten statt, also haben wir dort die innovationsfördernde Umgebung, die wir brauchen. Wenn wir neue Produkte entwickeln, müssen wir die auch am Körper erleben, um sie beurteilen zu können.

Was lernt man bei so einer Team-Dusche, was für die Produktentwicklung wichtig sein kann?
Männer und Frauen duschen ganz unterschiedlich: Männer duschen in der Regel schnell und gründlich. Sie stehen unter der Brause und waschen sich bei jedem Duschen die Haare.

Jan Heisterhagen ist Leiter des Produktmanagements bei Hansgrohe, einem Hersteller sanitärtechnischer Produkte wie Badezimmerarmaturen oder Themostate. Das Unternehmen macht 30 Prozent des Jahresumsatzes mit Neuprodukten, die nicht älter als drei Jahre sind.

Foto: Presse

Frauen fragen sich: Wasche ich meine Haare heute oder morgen? Sie stehen also lieber nicht unter einer festinstallierten Brause, sondern nehmen eine Handbrause. Darauf reagieren wir, in dem wir eine Dusche entwickelt haben, bei der die Strahlen von der Seite kommen und auf Wunsch ein mittiger Strahl hinzugeschaltet werden kann.

Wenn sonst von Innovationen die Rede ist, geht es um disruptive Produkte und Dienstleistungen, die die Welt verändern. Wenn Sie von Innovationen sprechen, geht es um verbesserte Wasserhähne. Ist das noch Design- oder schon Produktinnovation?
Der Kunde denkt erst an Design, wenn es um ganz abstruse Formen geht. Bei uns heißt Design Material, Form und Funktion, die in einem Design-Prozess erdacht und entwickelt werden. Insofern funktioniert Produktinnovation bei uns nicht losgelöst von Designinnovation.

Speed-Dating in der virtuellen Realität
Warum nur Fotos anschauen wie bei Tinder? Wer auf der Suche nach einem neuen Partner ist, könnte sich künftig als Hologramm in der virtuellen Realität mit interessanten Menschen treffen. Wenn die Chemie dort stimmt, steht einem ganz realen Treffen nichts mehr im Wege.

Foto: REUTERS

Nie wieder durstig
Die atmosphärische Luft besteht aus den verschiedensten Gasen. Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O) gehören dazu. Eine Verbindung zwischen den beiden führt zu H2O (Wasser). Dementsprechend wäre es möglich, dass sich intelligente Trinkflaschen künftig über die Atmosphäre selbst befüllen.

Foto: dpa

Optimiert schlafen
Zimmertemperatur, Luftfeuchtigkeit, Lichtquellen: Eine angenehme Nachtruhe hängt mit vielen Faktoren zusammen. Heute greifen wir noch zur Wärmflasche. Doch das soll bald Geschichte sein. Ein elektronischer Schlafassistent wird die wichtigen Schlaffaktoren überprüfen, um sie dann auf unsere Bedürfnisse abzustimmen.

Foto: dpa

Nie wieder suchen
Wo sind nur meine Schuhe? Diese Frage soll bald überflüssig werden. Bald sollen wir unsere Schuhe über eine App rufen und finden können.

Foto: dpa

Medizin per Knopfdruck
Müdigkeit, Unwohlsein oder Haarausfall können oft mit Mangelerscheinungen oder Krankheiten zusammenhängen. Die nötigen Nähstoffe bekommen wir meist in der Apotheke. Dabei gibt es allerdings ein paar Probleme: Die Auswahl der richtigen Tabletten, der Ausschluss von Wechselwirkungen oder auch die Menge der Pillen, die wir zu uns nehmen müssen. 3D-Pillendrucker könnten künftig Abhilfe schaffen. Sie sollen vollständig personalisierte Medikamente erstellen, die alles enthalten, was wir für unser Wohlbefinden brauchen, genau in der richtigen Dosierung.

Foto: dpa

Alltagshelfer
Überquellende Müllcontainer? Wird es nicht mehr geben. Die Mülleimer könnten in den nächsten Jahren mit Sensoren ausgestattet werden, die die Müllabfuhr ab einem gewissen Füllstand kontaktieren. So bleibt die Nachbarschaft sauber.

Foto: dpa

Kluges Geschirr
Kalorienzählen ist durch Apps schon einfacher geworden. Der nächste Schritt: cleveres Geschirr, das die Nährwerte der Mahlzeiten automatisch berechnet, speichert und uns nach dem Essen mit der Daten konfrontiert.

Foto: dpa

Facetime mit dem Zahnarzt
Wenn die Kameras im Smartphone immer besser werden, könnte man damit auch seine Zähne aufnehmen und dabei seinen Zahnarzt zuschalten. Der kann dann schnell eine erste Diagnose treffen und dem Patienten im besten Fall einen Besuch in der Praxis ersparen.

Foto: dpa

Blutuntersuchung
Eine Blutanalyse ist mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Die Entnahme, das Einsenden und die Auswertung im Labor führen heute noch mehreren Tagen Wartezeit. Echtzeit-Blutscanner könnten den Prozess künftig erheblich beschleunigen. So würde man seine Ergebnisse bereits kurz nach der Entnahme erhalten.

Foto: dpa

Mein Therapeut, der Roboter
Roboter sollen zu unseren Helfern im Alltag werden. Nicht nur Staubsaugen und Kochen können sie uns abnehmen, sondern auch mit dem Hund Gassi gehen, die Katze füttern und Therapeuten fungieren.

Foto: dpa

Design-Thinking made in Schwarzwald anstatt made in Silicon Valley?
Wir arbeiten mit interdisziplinären Teams und externen Designern zusammen. Es gibt regelmäßige Meetings, die einen Tag dauern, bei denen Ideen entwickelt werden. Von der Idee bis zum fertigen Prototypen dauert es dann ein paar Tage. Was man jetzt immer aus dem Silicon Valley hört, dass man schnell Prototypen entwickeln und die testen muss, das machen wir schon seit Jahrzehnten.

Juicero mit wahnwitzigem Geschäftsmodell

Wie eine Saftpresse den Silicon-Valley-Hype zerlegt

von Kerstin Dämon

Wir müssen die Idee dreidimensional auf dem Tisch liegen haben, um zu sehen, ob die wirklich funktionieren kann. Wenn nicht, verwerfen wir sie wieder. Das ist eine Kultur und eine Stärke, die man lernen muss.

Statt mit schmutzigen Händen den Wasserhahn anzufassen, geht es auch per Knopfdruck.

Foto: Presse

Aber zurück zum Produkt. Das iPhone hat unsere Art zu kommunizieren, zu arbeiten und zu leben verändert, Unternehmen wir Airbnb, Uber oder Tesla verändern unsere Mobilität. Dagegen bleibt ein Wasserhahn ein Wasserhahn. Wo ist hier die Innovation?
Wenn Sie schmutzige Hände haben, können sie unsere Wasserhähne per Knopfdruck auf die sogenannte "Select-Taste" aktivieren. Oder denken Sie an Ihren Küchenunterschrank: Der Schlauch unter dem Waschbecken verheddert sich immer. Dafür haben wir eine ganz einfache Lösung gefunden, die das verhindert. Und haben dafür viel positives Feedback bekommen. Da heißt es dann: Warum ist denn da noch keiner vorher drauf gekommen?

Platz 15: Lamilux

Hauptsitz: Rehau (Bayern)
Produkt: Lichttechnologie
Umsatz: 187 Millionen Euro
Innovationsscore: 169

Wer zu Deutschlands innovativsten Mittelständlern gehören will, muss ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen. Die Münchner Unternehmensberatung Munich Strategy Group (MSG) wertete im Auftrag der WirtschaftsWoche zunächst die Daten von 3500 deutschen Unternehmen aus, die zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Euro Umsatz erwirtschaften: Sie analysierten Jahresabschlüsse und Präsentationen, sprachen mit Kunden, Branchenexperten, Geschäftsführern, Inhabern und Beiräten.

Danach nahm MSG 400 Unternehmen in die engere Wahl. Für jedes errechnete die Beratung einen eigenen Innovations-Score. Dabei achteten die Berater darauf, dass sich das Unternehmen durch ständige Neuheiten auszeichnet, von Wettbewerbern als innovativ angesehen wird und eine ideenfördernde Kultur etabliert hat. Zudem flossen zu einem Drittel auch wirtschaftliche Indikatoren wie Umsatz- und Gewinnwachstum in die Bewertung ein. „Ein innovatives Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, dass es mehr als 25 Prozent seines Umsatzes mit Produkten macht, die erst in den vergangenen vier Jahren entstanden sind“, sagt MSG-Gründer und Studienleiter Sebastian Theopold.

Die MSG-Berater analysierten bereits zum dritten Mal für die WirtschaftsWoche die Innovationskraft deutscher Mittelständler (Heft 15/2014 und Heft 42/2015). Während beim ersten Ranking noch Maschinenbauer dominierten, sind nun mehr Konsumgüterhersteller unter den Siegern. Die meisten innovativen Unternehmen kommen aus Baden-Württemberg.

Foto: Presse

Platz 14: Windmöller Holding

Hauptsitz: Augustdorf (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Bodenbeläge
Umsatz: 120 Millionen Euro
Innovationsscore: 170

Foto: Presse

Platz 13: Maja-Maschinenfabrik

Hauptsitz: Kehl (Baden-Württemberg)
Produkt: Lebensmittelverarbeitung
Umsatz: 23 Millionen Euro
Innovationsscore: 171

Foto: PR

Platz 12: Mekra Lang

Hauptsitz: Ergersheim (Bayern)
Produkt: Spiegel für Nutzfahrzeuge
Umsatz: 260 Millionen Euro
Innovationsscore: 172

Foto: Presse

Platz 11: Brandt Zwieback

Hauptsitz: Hagen (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Zwieback
Umsatz: 189 Millionen Euro
Innovationsscore: 175

Foto: Presse

Platz 10: Edelmann

Hauptsitz: Heidenheim (Baden-Württemberg)
Produkt: Verpackungslösungen
Umsatz: 235 Millionen Euro
Innovationsscore: 177

Foto: Presse

Platz 9: Insiders Technologies

Hauptsitz: Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz)
Produkt: Software
Umsatz: 18 Millionen Euro
Innovationsscore: 178

Foto: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche

Platz 8: Arburg

Hauptsitz: Loßburg (Baden-Württemberg)
Produkt: Spritzgießmaschinen
Umsatz: 548 Millionen Euro
Innovationsscore: 181

Foto: Presse

Platz 7: Aquaterm

Hauptsitz: Attendorn (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Rohrleitungssysteme
Umsatz: 91 Millionen Euro
Innovationsscore: 182

Foto: Presse

Platz 6: Fischerwerke

Hauptsitz: Waldachtal (Baden-Württemberg)
Produkt: Befestigungssysteme
Umsatz: 625 Millionen Euro
Innovationsscore: 185

Foto: Presse

Platz 5: C. Josef Lamy

Hauptsitz: Heidelberg (Baden-Württemberg)
Produkt: Schreibgeräte
Umsatz: 71 Millionen Euro
Innovationsscore: 186

Foto: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Platz 4: Leica Camera

Hauptsitz: Wetzlar (Hessen)
Produkt: Kameras
Umsatz: 276 Millionen Euro
Innovationsscore: 189

Foto: Presse

Platz 3: Gebr. Kemper

Hauptsitz: Olpe (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Gebäudetechnik
Umsatz: 270 Millionen Euro
Innovationsscore: 190

Foto: Presse

Platz 2: Bahlsen

Hauptsitz: Hannover (Niedersachsen)
Produkt: Süßgebäck
Umsatz: 515 Millionen Euro
Innovationsscore: 194

Foto: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Platz 1: Rimowa

Hauptsitz: Köln (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Koffer
Umsatz: 273 Millionen Euro
Innovationsscore: 197

Foto: PR

Innovativ sein bedeutet also, die Alltagsprobleme der Kunde erkennen und lösen?
Wir sind, gerade im Bezug auf Wasser, weltweit strengen Regularien unterworfen. Wenn Sie an Kalifornien denken, müssen wir bei unseren Produkten die Notfall-Wasserbeschränkungen berücksichtigen, damit die Menschen auch mit wenig Wasser noch Vergnügen beim Duschen haben. So werden vermeintliche Bedrohungen zum Potenzial für Innovationen.

Von so offensichtlichen Dingen einmal abgesehen – woher wissen Sie denn, welches Design die Verbraucher in Kalifornien mögen oder welche Alltagsprobleme die Kunden in Hangzhou haben?
Die USA und China sind für uns wichtige Wachstumsmärkte, wo wir ganz nah am Kunden sein wollen und müssen. Vom Badischen ins chinesische Hinterland, das sind Welten. Deshalb machen wir dort Homevisits: Wir gehen zu den Leuten nach Hause, schauen uns ihre Bäder an und fragen nach ihren Bedürfnissen. Wir versuchen diese auch aus ihrer Art zu Leben selbst abzuleiten.

Massagestrahl per Knopfdruck einstellen.

Foto: Presse

Anders als Smartphones kaufen Verbraucher ja nicht alle zwei Jahre ein neues Bad. Inwiefern spielt die alternde Gesellschaft eine Rolle bei der Entwicklung Ihrer Produkte? Stichwort Barrierefreiheit?
Wir wollen, dass unsere Produkte für alle funktionieren. Also entwerfen wir neben Armaturen und Brausen zum Beispiel Wandstangen, die auch als Haltestangen für Ältere funktionieren. Außerdem haben ältere Menschen und kleine Kinder empfindliche Haut, da muss der Strahl aus der Dusche weicher sein. Und statt einem drehbaren Duschkopf, den man im Alter nur schwer bewegen kann und der vielleicht auch noch verkalkt, haben wir ein Produkt entwickelt, bei dem auf Knopfdruck die Härte und Art des Strahls verändert werden kann.

Ist so eine Innovation aufwendig?
Bei uns gibt es Leute, unsere Strahlforscher, die machen den ganzen Tag nichts anderes, als sich um den kleinsten Tropfen zu kümmern, der aus einer Brause heraus kommt: Wie groß ist der, wie hart, tut der weh?

Und deren Erkenntnis war: Innovative Duschen für verschiedene Generationen brauchen einen Druckknopf?
Da ist man tatsächlich wieder beim iPhone. Wir haben uns gefragt, was am iPhone so toll ist, dass es alle haben wollen. Und das ist die intuitive Bedienung. So kamen wir auf unsere intuitive Umstellung der Strahlart per Druckknopf. Das hat nichts mit Alter zu tun, das funktioniert intuitiv für Blinde, Alte, Junge und das funktioniert auch mit Schaum in den Augen.

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