Wirtschaftsgeschichte in Bildern: Was wurde aus Hertie?
Oscar Tietz eröffnet am 1. März 1882 das erste „Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz“ in Gera – benannt nach seinem Onkel. Schon damals hat es Merkmale eines typischen Warenhauses: festgelegte Preise, ein vielfältiges Angebot, keine Stundungen. Auf dem Bild: ein späteres Hertie-Warenhaus in Frankfurt am Main.
1888 erfolgt die Expansion in vier weitere deutsche Städte. Das 1905 eröffnete Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz ist zu diesem Zeitpunkt das größte Kaufhaus-Gebäude Europas.
1926 übernimmt das Unternehmen die Warenhauskette A. Jandorf & Co – samt Kaufhaus des Westens (KaDeWe). Vor der Weltwirtschaftskrise 1929 sind für die Hermann Tietz OHG 27.000 Mitarbeiter tätig. Das Unternehmen erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 3000 Millionen Reichsmark, welcher vergleichbar mit dem Umsatz von Karstadt ist. Mit der Weltwirtschaftskrise geht der Umsatz bei der Warenhauskette zum ersten Mal zurück.
Ab 1933 enteignen die Nationalsozialisten die deutsch-jüdische Familie Tietz schrittweise. Sie machen aus der Hermann Tietz OHG die Hertie GmbH und setzen Georg Karg als Geschäftsführer ein.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wächst die Kaufhauskette schnell wieder. 1948 übernimmt sie Häuser in München, Stuttgart und Karlsruhe. Diese gibt Karg
1949 als Entschädigung an die Familie Tietz ab. Nach Gründung der DDR schließt Hertie viele Filialen in Ostdeutschland – allein in Berlin betrifft es mehr als die Hälfte der Geschäfte.
In den 1950er-Jahren gewinnen Niedrigpreis-Warenhäuser wie Woolworth an Bedeutung. Herties Antwort darauf ist die Billigkette Bilka. 1974 folgt die Gründung der Hertie-Stiftung, an die Kargs Erben ihre Hertie-Anteile überscheiben. Später wird ihnen vorgeworfen, damit die Erbschaftsteuer umgangen zu haben.
Mitte der 1980er-Jahre brechen die Umsätze der Hertie-Warenhäuser ein. Der Grund: die wachsende Konkurrenz in den Innenstädten. Auch der Versuch, Kunden mit Selbstbedienungskassen in den Geschäften zu begeistern, scheitert.
Daraufhin erwirbt die Karstadt AG die Hertie-Waren- und Kaufhaus GmbH. Rund sechs Jahre später fusioniert Karstadt zur KarstadtQuelle AG (später Arcandor). Hertie verschwindet aus den Städten – Filialen werden geschlossen oder umbenannt. 2005 verkauft Arcandor 75 Hertie-Filialen samt Recht am Markennamen an den britischen Finanzinvestor Dawnay Day.
2007 eröffnen wieder erste Hertie-Warenhäuser. Doch im Juli 2008 meldet die Kette Insolvenz an. Die Insolvenzverhandlungen dauern knapp ein Jahr. Laut Insolvenzverwalter Biner Bähr sei der Investor Dawnay Day nicht interessiert gewesen, die Geschäfte am Laufen zu halten, sondern daran, die Immobilien lukrativ verkaufen.
Am 15. August 2009 öffnen die verbliebenen Hertie-Kaufhäuser zum letzten Mal ihre Türen. 2012 erwarb die HDL AG die Rechte der Marke Hertie aus der Insolvenzmasse. Seitdem wird die alte Kaufhaustradition online weitergepflegt. 2020 beauftragt die Hertie-Stiftung die Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte in der NS-Zeit. Der Impuls kommt von Studierenden der privaten Hertie School, die von der Stiftung gegründet wurde. Die Veröffentlichung der Daten steht noch aus.