Suche nach Funkstörungen: „Manchmal erinnert das an eine Art Schnitzeljagd, die sich über Tage hinziehen kann“
Wer funkt denn da? Mit hochsensiblen Antennen auf ihren Messfahrzeugen gehen die Spezialisten des Prüf- und Messdienstes der Bundesnetzagentur auf die Jagd nach Funkstörungen.
Foto: dpaWirtschaftsWoche: Herr Hunold, wie oft gehen Sie und Ihre Kollegen als Frequenzfahnder auf die Jagd nach Störquellen im Funk?
Marc Hunold: Pro Jahr fallen rund 15.000 der bundesweit rund 55.000 Beschwerden, die beim Verbraucherservice der Bundesnetzagentur eingehen, in unseren Bereich der sogenannten Funkstörungsbearbeitung. Der größte Teil davon erledigt sich durch telefonische Beratung. Es kann zum Beispiel sein, dass eine falsche Installation oder falsche Bedienung des Geräts der Grund für die Störung sind. Manchmal haben auch die Netzbetreiber uns vorab Arbeiten an Sendern angekündigt und sie können Störungen beseitigen. Aber es bleibt immer noch einiges übrig. Im vergangenen Jahr waren das etwa rund 2800 Fälle, bei denen wir mit unseren Fahrzeugen ausrücken mussten. Störungen im Bereich der Sicherheitsfunkdienste, etwa für die Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehren, bearbeiten wir mit hoher Priorität und jederzeit.
Wächst die Zahl mit dem massiv steigenden Datenverkehr im Mobilfunk?
Die Zahl der Störmeldungen befindet aktuell sich leicht unter dem Niveau des Vorjahres. 2019 haben wir rund 4000 Störungen vor Ort geprüft, aktuell ist es ein gutes Drittel weniger. Wir fragen uns auch manchmal, woran das liegt. Einen offensichtlichen Grund gibt es nicht. Aber wir kümmern uns ja nicht nur um Störungen. Wir überprüfen zum Beispiel auch die Umsetzung der Versorgungsverpflichtungen, die die Bundesnetzagentur den Mobilfunknetzbetreibern auferlegt hat, durch Messungen vor Ort.
Gibt es die typische Störmeldung, bei der Sie tätig werden?
Die Fälle sind sehr vielfältig. Mal melden Leute, dass sie plötzlich ein Krachen oder Knistern in ihren Lautsprechern hören, das vorher nicht da war. Mal ist das Bild im Fernseher auf einmal gestört. Oder Autofahrer berichten, dass sich mehrere Autos in einer Straße nicht mehr mit dem Funkschlüssel öffnen lassen oder Garagentoröffner nicht mehr funktionieren. Aber es gibt natürlich unsere „Klassiker“.
WiWo-Redakteur Thomas Kuhn (links) unterwegs mit Marc Hunold (rechts) von den Störungsfahndern der Bundesnetzagentur.
Foto: WirtschaftsWocheNämlich?
Das sind die Störungsmeldungen vom Netzmanagement der Mobilfunker. Die überwachen ständig ihre Funkzellen und haben ein sehr genaues Bild, ob auf ihren Frequenzen irgendwas passiert, was da nicht sein soll. Da steht dann in den Meldungen meist schon aufs Megahertz genau, in welcher Funkzelle und mit welcher Antenne am Mast ein Störsignal empfangen wird. Das erleichtert uns die Suche.
Wie läuft die ab?
Wir haben Peilantennen und spezielle Messgeräte auf unseren Messfahrzeugen. Damit messen wir die elektromagnetischen Wellen im Äther und sehen das Störsignal auf dem Bildschirm unseres Messgerätes in der Regel in Form eines markanten Ausschlags im Wellenbild. Wir drehen dann die Peilantenne und sehen so, wo das Signal zunimmt oder schwächer wird. Dann fahren wir los – immer in Richtung des stärksten Störsignals. Irgendwann erreichen wir den Punkt, wo wir die Störung grob lokalisiert haben. Dann wechseln wir von der Fahrzeugantenne auf ein tragbares Peilgerät, mit dem wird die Quelle einkreisen können, bis wir am Ziel sind.
Wie lange dauert es, bis Sie fündig werden?
Das ist unterschiedlich und hängt unter anderem davon ab, wie weit die Ursache vom Empfänger entfernt ist, bei dem die Störung aufgefallen ist. Mitunter sind wir in eher unwegsamem Gelände unterwegs, da ist die Suche schon mal schwierig. In der Stadt kommt man besser voran, dafür gibt‘s da mehr Reflexionen. Manchmal erinnert das an eine Art Schnitzeljagd, die sich über Stunden, in Einzelfällen auch über Tage und Wochen hinziehen kann. Manchmal treten Störungen nur zeitweise zum Beispiel witterungsbedingt in unterschiedlicher Intensität auf.
Und worauf stoßen Sie, wenn Sie am Ziel sind?
Beim Mobilfunk, aber auch im Flugfunk sind das vielfach alte, defekte Antennenverstärker in den Hausverteilanlagen des Antennenfernsehens, die elektromagnetische Schwingungen erzeugen und diese über die angeschlossene Empfangsantenne abstrahlen. Oft entdecken wir auch defekte Netzteile von irgendwelchen Elektrogeräten, die Störstrahlung aussenden und Störungen bei DSL-Internetanschlüssen verursachen. Oder die Abschirmung beispielsweise von Kabelanschlüssen ist beschädigt, dann wirken die TV-Kabel wie Antennen, die ins Umfeld strahlen.
Ist diese Strahlung gefährlich?
Nein, in der Regel sind das Sendeleistungen, von denen keine Gefahr für Menschen ausgeht. Aber den Mobilfunk beispielsweise können sie schon sehr stören. Da fehlt dann in einer Funkzelle plötzlich merklich Übertragungskapazität, Gespräche kommen gar nicht zustande, brechen ab, oder das Internet ist elend zäh.
Das heißt, die Ursachen sind meist eher versehentliche Störungen?
In der Regel ist das so, und die Verursacher ahnen gar nicht, dass sie ihr Umfeld stören.
Aber manche stören auch absichtlich?
Definitiv. Wir haben beispielsweise gerade in Grenznähe zu den Niederlanden immer wieder Fälle, da stellen Leute LKW-Anhänger irgendwo in den Wald oder auf eine Wiese, in denen eine komplette Sendeanlage mit Elektroaggregat steckt, und übertragen über diese Schwarzsender beispielsweise ein Wochenende lang ein Rockkonzert, das jenseits der Grenze in den Niederlanden stattfindet. Da ist dann plötzlich ein Sender mehr im Autoradio, der andere überlagert, das fällt schon auf und kann auch den Flugfunk stören. Dann rücken wir auch kurzfristig aus. Die Strafen für Schwarzsender sind in den Niederlanden höher als bei uns. Also stellen die ihre Sender auf unsere Seite der Grenze. Allerdings ist unsere Aufklärungsquote hoch und wir reagieren schnell.
Was machen Sie dann?
Wenn wir den Schwarzsender gefunden haben, versuchen wir, ihn stillzulegen. Aber mitunter ist das gar nicht so leicht. Wir haben schon Konstruktionen gefunden, bei denen war die Anlage komplett verbarrikadiert, und wir kamen nicht mal in den Anhänger rein. Da haben wir das THW gerufen, und die haben den Hänger dann weggeschleppt und an anderer Stelle öffnen lassen.
Waren das die außergewöhnlichsten Fälle, auf die Sie getroffen sind?
Das sind sicher die größeren. Aber da kann man da kann man das Interesse an Funktechnik ja noch irgendwie nachvollziehen. Wesentlich befremdlicher finde ich schon Leute, die ganz bewusst Störsender installieren, sogenannte Jammer, die das Ziel haben, Mobilfunkempfang an einem Ort komplett unmöglich zu machen.
Warum das?
Wir hatten mal einen Firmenchef, der wollte schlicht verhindern, dass seine Beschäftigten während der Arbeitszeit am Handy daddeln. Da hat er in seinem Laden einen Jammer aufgehängt, der alle Mobilfunkfrequenzen gestört hat. Damit war Sendeschluss auf dem Gelände – aber eben auch im weiten Umkreis drumherum. Ein anders Mal wollte wohl ein eifersüchtiger Ehemann unterbinden, dass seine Frau übers Handy mit Freundinnen chattet und hat zuhause einen Störsender montiert. Solche Fälle fallen allerdings ziemlich schnell auf und sind, weil sie so ein starkes Signal aussenden, recht einfach für uns zu lokalisieren.
Was droht den Verursachern dann?
Wenn es sich um eine offensichtlich unbedachte und unbemerkte Störung etwa durch ein defektes Gerät handelt und die Verursacher die Störung abstellen, dann ist es in der Regel mit einer Verwarnung oder einem überschaubaren Bußgeld getan. Wer aber absichtlich einen Schwarz- oder einen Störsender installiert, verstößt damit ganz bewusst gegen das Telekommunikationsgesetz, das – zumindest außerhalb definierter Frequenzräume – keinen unregulierten Sendebetrieb erlaubt. Und das kann dann sehr viel teurer werden.
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