Börsenwoche 417: Editorial: Alles auf Aktien!
Hätten Sie mir zu Jahresbeginn gesagt, dass Sie ihr gesamtes Kapital in Aktien stecken wollen, wäre ich angesichts des weiterhin schwierigen Marktumfelds skeptisch gewesen. Ihre Rendite wäre allerdings beachtlich gewesen. Keine Anlageklasse lief im bisherigen Jahresverlauf besser als Aktien. Tatsächlich ist auch historisch betrachtet ein Komplettinvestment in Aktien der langfristig erfolgreichste Depotmix. Zwar schwanken Aktien kurzfristig mitunter am stärksten, langfristig sind sie jedoch die sicherste und rentabelste liquide Assetklasse.
Die längsten Zeitreihen für solche Betrachtungen stammen aus den USA. Der Vermögensverwalter Taunus Trust hat sie analysiert: Aktien verbuchten im Zeitraum von 1800 bis 2022 im Mittel einen jährlichen Wertzuwachs von 6,9 Prozent – inflationsbereinigt. US-Staatsanleihen brachten im selben Zeitraum 3,3 Prozent, Gold hat sein Kapital mit 0,6 Prozent Rendite pro Jahr gerade einmal erhalten.
Doch Aktien überzeugen nicht nur durch hohe Wertzuwächse, sagt Jan David Meyer, Chartered Financial Analyst und Senior Portfoliomanager bei Taunus Trust: „Aktienanleger verbuchten seit 1800 selbst unter Berücksichtigung von Inflation nach spätestens 20 Jahren Gewinne. Bei Anleihen und Gold wurden dagegen mitunter über 50-jährige Verlustperioden beobachtet.“
Wer mit langfristiger Geldanlage fürs Alter vorsorgen will, fährt mit Aktien folglich nicht nur am besten, sondern auch am sichersten. Die Voraussetzung dafür sind starke Nerven: Wer die Schwankungen nicht aussitzen kann oder will, läuft Gefahr, seine Performance durch schlechtes Timing zu schmälern.
Die Zeitreihen zur historischen Performance beziehen sich auf den Gesamtmarkt. Wer selektiv investiert, kann sich nicht auf diese Statistik verlassen. Ein Segment, in dem Selektion jedoch unverzichtbar ist, sind Dividendenaktien. Hohe Renditen machen längst keinen guten Dividendentitel.
Unter anderem geht es um Verlässlichkeit: Die schönsten Renditen nützen nichts, wenn der Konzern Substanz ausschüttet, die Dividende wieder senkt oder gar streicht. Beispiel AT&T: Der US-Telekommunikationskonzern galt lange als zuverlässiger Dividendenzahler. Operative Schwierigkeiten führten jedoch zu einer Dividendenkürzung um fast 50 Prozent innerhalb von nur zwei Jahren und stellen Aktionäre vor ein ganz neues Szenario.
Wie es besser geht, zeigt ein kleines Versorgungsunternehmen aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania. Die York Water Company ist mit ihren gut 100 Mitarbeitern wahrlich kein Weltkonzern, die Aktie eher ein Seitwärtsläufer. Das konjunkturunabhängige Wassergeschäft mag langweilig erscheinen, schafft aber Planbarkeit. Die nutzen die Amerikaner, um ihre Aktionäre am Geschäftserfolg zu beteiligen. York Water ist Rekordhalter im Dividendenzahlen: Dieses Jahr floss die Ausschüttung das 207. Jahr in Folge.
In unserer Analyse erklären wir diese Woche, wie Anleger solide Dividendentitel finden und stellen vier chancenreiche Aristokraten vor, die ihre Ausschüttung seit mindestens 25 Jahren nicht gesenkt haben.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse.
Ihr Lukas Schmitt
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