1. Startseite
  2. Politik
  3. Ausland
  4. Was Israels Wirtschaft über die umstrittene Justizreform denkt

IsraelWas Israels Wirtschaft über die umstrittene Justizreform denkt

Die von Israels Regierung vorangetriebene Justizreform erschüttert auch die Wirtschaft des Landes. Vor allem Start-ups fürchten um den Standort, die ersten flüchten bereits. Und eine Ratingagentur warnt den Premier.Mareike Enghusen 27.07.2023 - 15:16 Uhr aktualisiert

Proteste gegen die Pläne der Regierung: Was ist los in der Start-up-Nation Israel?

Foto: AP

Was ist los in der liberalen, dynamischen Start-up-Nation Israel? Diese Frage dürften sich derzeit viele stellen, die besorgt auf das Hightech-Powerhaus im Nahen Osten schauen. Seit Anfang des Jahres zerreißt der Streit um den geplanten Umbau der Justiz, den die rechts-religiöse Regierung plant, die israelische Gesellschaft. 

Mit Massenprotesten, Straßenblockaden und Streiks versuchen Regierungsgegner, ein Gesetzespaket aufzuhalten, das sie für demokratiefeindlich halten – und mussten am Montag doch mitansehen, wie die Knesset, Israels Parlament, das erste Element der Reform verabschiedete. Seitdem herrscht nicht nur auf den Straßen des Landes Tumult, sondern auch auf den Märkten. Denn die „Reform“, von ihren Gegnern als „Coup“ bezeichnet, bedroht nicht nur die Gewaltenteilung. Sie könnte auch die für Investoren so wichtige Rechtssicherheit beeinträchtigen und Israels wertvollste Ressource, seine Fachkräfte, vergraulen.  

Das nun verabschiedete Gesetz schafft die sogenannte Angemessenheitsdoktrin ab, auf dessen Grundlage das Oberste Gericht bislang Entscheidungen des Regierungschefs oder seiner Minister prüfen konnte. Auch andere Elemente des Reformpakets zielen darauf ab, die Eingriffs- und Kontrollmöglichkeiten der Justiz gegenüber der Regierung zu beschneiden.



Schon vor der Entscheidung am Montag kostete die Erschütterung und Verunsicherung rund um die Reformpläne den israelischen Staat Milliarden. Investitionen in den für die Wirtschaft so wichtigen Hightech-Sektor sind im Vorjahresvergleich dramatisch eingebrochen, im zweiten Quartal gleich um 65 Prozent. Wie die Lobbyorganisation „Start-up Nation Central“ im April vermeldete, gaben in einer Umfrage über 80 Prozent der Chefs junger Unternehmen an, dass Investoren sich mit Verweis auf die Politik zurückhielten. 

Eine neuere Umfrage der Organisation zeichnet für die israelische Wirtschaft sogar ein bedrohlicheres Bild: Demnach haben 68 Prozent der befragten Start-ups bereits Schritte unternommen, ihre Firma ins Ausland zu verlegen. „Entwicklungen wie die Registrierung eines Unternehmens im Ausland oder die Gründung neuer Start-ups außerhalb Israels lassen sich nur schwer umkehren“, warnt Avi Hasson, CEO von „Start-Up Nation Central“.

Wie stark die politischen Entwicklungen sich auf die Märkte auswirken, ließ sich bereits am Montag nach der Abstimmung beobachten: Der Leitindex der Börse in Tel Aviv fiel um 2,3 Prozent, der Kurs des Schekels zum US-Dollar sackte ab. Und die Ratingagentur Moody’s warnt vor einem „signifikanten Risiko“ für die israelische Wirtschaft, da „die weitreichenden Vorschläge der Regierung die Unabhängigkeit der Justiz erheblich schwächen“ könnten.

Lesen Sie auch: Wie sich Israel von der weltweiten demokratischen Allianz entfremdet

Die israelische Wirtschaftszeitung Calcalist berichtete jüngst über ein geleaktes Gespräch eines Mitarbeiters einer Ratingagentur, der sich über Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu empörte: „Ich bin wütend“, soll er gesagt haben, „kein Regierungschef hat mich je so belogen wie Netanjahu.“

Der Gescholtene gibt sich derweil ungerührt. „Wenn der Staub sich legt, wird deutlich werden, dass die israelische Wirtschaft sehr stark ist“, hieß es in einer Mitteilung, mit der Netanjahu und sein Finanzminister auf eine Analyse von Moody’s reagierten. 

Doch das Ringen um Israels Gewaltenteilung und womöglich auch seinen Wohlstand ist noch lange nicht vorbei. „Wir werden nicht aufhören“, schrieb Eynat Guez, Geschäftsführerin des Fintech-Start-ups Papaya Global, nach der Abstimmung in der Knesset in einem Zeitungsbeitrag. „Wir haben verloren. Wir haben den Einsatz erhöht. Wir werden weiterkämpfen.“

Lesen Sie auch: Die Sorge um das israelische Wunder


Transparenzhinweis: Die israelische Zeitschrift Calcalist hat die im Artikel zitierte Berichterstattung korrigiert. Wir haben die Passage entsprechend angepasst.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick