Was wurde aus...?: Wie Kettler aus dem Tritt kam
Als der 22-jährige Heinz Kettler kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Tortenplatten aus Alublechen verschrotteter Militärflugzeuge herstellt, ahnt er noch nicht, welches Produkt ihn einmal bekannt machen würde. Eine Spielzeugikone, deren Name es sogar in den Duden schafft: das Kettcar.
Kettler verkauft zunächst eben jene Tortenplatten und Kochgeschirr an Woolworth und Karstadt. Später konzentriert er sich auf Campingmöbel, verkauft zum Beispiel einen Tisch, der perfekt in einen VW-Käfer-Kofferraum passt. Auf einer USA-Reise sieht der Sauerländer Kinder in Seifenkisten und kommt auf die Idee, Tretautos mit Kettenantrieb, Pedalen und Bremshebel zu produzieren. 1962 wird das erste Kettcar verkauft. Mehr als 15 Millionen weitere folgen nach Angaben des Unternehmens. Ende der 1980er-Jahre arbeiten 3500 Menschen für Kettler. Das Unternehmen exportiert in 60 Länder, erweitert das Sortiment ständig, etwa um Alufahrräder, Rudergeräte, Heimtrainer und eine Tischtennisplatte.
Doch der unternehmerische Erfolg wird von einem Schicksalsschlag überschattet: Heinz Kettlers Sohn stirbt 1981 nach einem Autounfall. Ihn hatte der Senior als Nachfolger vorgesehen. Seiner Tochter Karin traut er die Aufgabe lange nicht zu. Erst kurz vor seinem Tod 2005 holt er die promovierte Biologin doch noch in die Leitung der Firma. Nicht ahnend, dass Karin später einmal ein ähnliches Schicksal wie ihren Bruder ereilen wird.
Schon vorher geht es mit dem Unternehmen bergab: Das Sortiment ist zu groß, die Produktion zu teuer. Es verschläft Trends wie Mountain- und E-Bikes. 2015 meldet Kettler Insolvenz an. Nach einem Stellenabbau und dem Verkauf der Fahrradsparte an die Radhändlervereinigung ZEG gelingt der Neuanfang. Fortan regiert eine Treuhandgesellschaft die Kettler GmbH. Doch die Restrukturierungsmittel sind schnell ausgegeben.
2017 stirbt Karin – nach einem Autounfall. Ein Jahr später torpediert die Stiftung der Familie den Verkauf des Unternehmens an einen russischen Investor und schickt Kettler damit ein zweites Mal in die Insolvenz. Die Beteiligungsgesellschaft Lafayette Mittelstand Capital übernimmt das Unternehmen. 2019 feiert es auf der Münchner Sportmesse Ispo ein großes Comeback. Zurück kommt aber nur die Krise: sechs Monate später – mit der dritten Insolvenz innerhalb von vier Jahren.
550 Mitarbeiter sind betroffen, als die Kettler-Werke endgültig schließen. Das Unternehmen wird zerschlagen. Die Markenrechte an der Fitnesssparte sichert sich die Schweizer Firma Trisport. Andere Bereiche werden durch die Kettler Holding GmbH unter der Ägide von Lafayette weitergeführt.
Was bleibt, ist die Erinnerung an das Kettcar als Symbol goldener Nachkriegsjahre: ein Tretauto als Symbol für Wachstum und Wohlstand.
Dieser Artikel erscheint in unserer neuen Reihe WiWo History.