Leben mit Aktien: Fielmanns Comeback
Keine Dividende ist garantiert. Auch jahrzehntelang verlässliche Ausschüttungen können plötzlich versiegen. Anleger sollten bei Unwägbarkeiten aber nicht sofort das Handtuch werfen. Das zeigt die Aktie des Brillenhändlers Fielmann. Vom wilden Dividendenritt der Hamburger ist viel zu lernen.
Das Brillen-Erfolgsgeschäft, das der kürzlich verstorbene Günther Fielmann aufgebaut hat, galt an der Börse lange als Goldstandard. Ein verlässlich wachsender Markt mit Zukunft dank Demographie und zunehmender Sehschwäche. Dazu ein ausgewogenes Geschäftsmodell, gutes Management sowie eine starke Marke. Die steigenden Umsätze und Gewinne besiegelten den Status als Qualitätsaktie.
Für Dividendenjäger lockten auch noch stetig wachsende Gewinnausschüttungen. Zwischen 2002 und 2019 stieg die Dividende von 27 Cent auf 1,90 Euro. Ein Anstieg um das Siebenfache. Im Schnitt ging es jährlich um 12 Prozent nach oben. Die Macht dieses Dividendenwachstums lässt sich auch so veranschaulichen: Wer die Fielmann-Aktie Mitte 2003 für acht Euro erwarb, bekam 16 Jahre später dank seines niedrigen Einstiegskurses eine Dividendenrendite von traumhaften 24 Prozent. Im Idealfall jedes Jahr. Im optimalen Fall sogar jedes Jahr ein wenig mehr. Tatsächlich kam jedoch der Rückwärtsgang.
Inmitten der Pandemie musste Fielmann die Reißleine ziehen. Geschlossene Geschäfte und rückläufige Umsätze erzwangen ein Umlenken. Im Jahr 2020 gab es überhaupt keine Gewinnausschüttung. Danach tastete man sich langsam vor, zahlte 2021 nur 1,20 Euro aus, 2022 dann 1,50 Euro. 2023 wurde die Dividende sogar wieder halbiert, auf 75 Cent. Der Grund: Der Gewinn schwankte zuletzt stark und hat sich noch immer nicht auf das Vorpandemieniveau erholt. Im Geschäftsjahr 2022 wurden gerade einmal 1,24 Euro Gewinn je Aktie erwirtschaftet. Viel zu wenig, um an die alte Dividendenhöhe anzuknüpfen.
Die Probleme mit Dividenden-ETFs
Rückblickend war Fielmann vor der Kehrtwende auch zu großzügig gewesen. Vom Gewinn im Jahr 2018 schüttete man 95 Prozent an Aktionäre aus. Unbedenkliche Ausschüttungsquoten liegen eher im mittleren zweistelligen Prozentbereich. Womöglich ist es langfristig sogar gut, dass Fielmann zum Umdenken gezwungen wurde.
Das Unternehmen kämpft vor allem mit höheren Kosten und Konkurrenzdruck. Die Dynamik im Optik-Markt ist auch Thema in der neuen Folge unseres Podcasts „Leben mit Aktien“. Dort analysiert Investor Christian W. Röhl den Online-Konkurrenten Mister Spex sowie den dominanten Zulieferer EssilorLuxottica.
Die Ausgangssituation bei Fielmann ist für Anleger aber durchaus vielversprechend. Der Wachstumstrend ist weiterhin intakt, nur 2020 gab es einen Umsatzrückgang. Für das nächste Jahr rechnen Analysten mit einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro, fast 60 Prozent höher als 2020 und 2018. Dann soll auch der Gewinn je Aktie das Vorpandemieniveau übertreffen und bei 2,13 Euro liegen. Eine gute Grundlage für erneute – vermutlich vorsichtige – Dividendenerhöhungen.
Fielmann stellt bereits die Weichen für bessere Profitabilität. Ein umfangreicher Stellenabbau ist in Planung. Nicht zu unterschätzen: Die Fielmann-Familie hat größtes Interesse am langfristigen Erfolg. Sie besitzen über zwei Drittel der Aktien. Gründer-Sohn Marc Fielmann leitet das Unternehmen mittlerweile. Der 34-Jährige will es digital fit machen und setzt auf den Wachstumsmarkt Hörakustik.
Anleger müssen der geschmolzenen Dividende nicht nachtrauern. Da die Aktie deutlich günstiger als vor ein paar Jahren ist, bekommen sie aktuell eine ähnlich hohe Dividendenrendite. Darüber hinaus begrüßenswert: Bescheidenere Dividenden machen Kapital für Investitionen frei.
Mehr zum Thema Optik-Aktien, Bitcoin-ETFs sowie ein Interview mit Trade-Republic-Chef Christian Hecker hören Sie in der neuen Ausgabe unseres Podcasts „Leben mit Aktien“.